Dresden

Kommentar: Neutralität ist kein Argument

Es überrascht, dass zurzeit an verschiedenen Stellen versucht wird, bestimmte Anschauungen öffentlich zu eliminieren - und mit welcher Begründung dies geschieht.
Uwe Tellkamp versteht Zeitkritik auch als Zeitungskritik.
Foto: Sebastian Kahnert (dpa-Zentralbild) | Der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp versteht Zeitkritik auch als Zeitungskritik.

Der gesellschaftliche Diskurs in Europa lebt, wie andernorts auch, von der Meinungs- und Gedankenfreiheit. Jeder darf sich einbringen – solange seine Anschauungen und Ansichten keinen extremistischen Charakter besitzen, Gewalt verherrlichen oder gegen die menschliche Würde verstoßen. Was beim Diskurs zählt, sind Argumente.

Bestimmte Anschauungen werden öffentlich eliminiert

Insofern kann man überrascht sein, wie zurzeit an verschiedenen Stellen versucht wird, bestimmte Anschauungen öffentlich zu eliminieren – und mit welcher Begründung. Beispielsweise in Paris, wo die Organisation „Alliance Vita“ (siehe auch S. 31) mit einer Kampagne, die unter anderem um „Respekt“ für die klassischen Geschlechterrollen (Vaterschaft, Mutterschaft) wirbt, die politisch Verantwortlichen offenbar so sehr „empört“, dass der unter Druck stehende Plakatdienstleister zurückrudert und zerknirscht zugibt, gegen die „Neutralitätspflicht“ verstoßen zu haben. Als wenn es schon einmal Werbeplakate gegeben hätte, die neutral gewesen wären! Wirbt man nicht immer für eine bestimmte Wahl, eine bestimmte Entscheidung? Ganz gewiss nicht für Neutralität.

Auch in Dresden wird im Namen der Neutralität durchgegriffen

Auch in Dresden wird im Namen der Neutralität durchgegriffen. Im dortigen Lingnerschloss wollte der Schriftsteller Uwe Tellkamp heute eigentlich aus seinem neuen, noch unveröffentlichten Roman lesen, doch die bereits für die Veranstaltung gebuchte location steht nicht mehr zur Verfügung, wie der Förderverein des Schlosses bekannt gibt. Des Neutralitätsgebotes wegen. Was auch hier erstaunt, denn sowohl bei literarischen Werken wie auch bei kulturellen Zeitschriften besteht der Reiz doch gerade darin, dass Autoren den Mut zum eigenen, ganz persönlichen Standpunkt zeigen und beweisen. Dass es gerade Tellkamp trifft, der in gewisser Weise die von Heinrich Böll und Günter Grass begründete Tradition des engagierten Autors fortsetzt, ist alarmierend. Neutralität ist kein Argument.

 

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