König Heinz und Junker Jörg

Wie ein König den Reformator bekämpfte und hinterher selbst einer wurde. Von Sabine Appel
Spinx: Heinrich der VIII - Mörder auf dem Königsthron
Foto: Zdfdokukanal_Eike_Schmitz (ZDFdokukanal)

König Heinrich der Achte von England verfasste 1521 eine Schrift gegen Luther, in der er die reformatorischen Kerngedanken des Augustinermönchs frontal angriff. Luther antwortete mit einer Gegenschrift auf die Gegenschrift, anschließend antworteten Gelehrte, Priester und andere Kirchenrepräsentanten, Staatsmänner, Fürsten, Poeten und viele andere mit einer Gegenschrift auf die Gegenschrift auf die Gegenschrift und so weiter. Es entwickelte sich ein Diskurs in einer wahrhaft europäischen Dimension, war in den ursächlichen Streit der beiden ungleichen Kontrahenten doch bald die halbe gelehrte und auch die nicht-gelehrte Welt Europas mehr oder weniger aktiv involviert. Aber das war sie ja in allen losgetretenen Debatten rund um den Augustinermönch Martin Luther.

Die Kernthesen Luthers: sola fide, sola gratia und sola scriptura, der Gedanke vom Priestertum aller Gläubigen und der von der evangelischen Freiheit, die Vorstellung, dass kein weltlicher oder geistlicher Machthaber befugt ist, „der Seele Gesetze zu geben“ und dass die korrupte Papstkirche – reines Menschenwerk, wie der Reformator sich auch historisch nachzuweisen bemühte, infolge einer missverstandenen Stelle in der Heiligen Schrift – eher dem irdischen Machtprimat folgte, als dem im Evangelium geforderten christlichen Demutsgebot, ohne dass es dabei wirklich in erster Linie um das Seelenheil ihrer Schäfchen ging, wühlte die Menschen auf und inspirierte sie zu Überlegungen grundsätzlicher Art, weit über theologische Fragen hinaus.

Kirchengründung als Folge des Liebeslebens

Der englische König, ein frommer Katholik, der sich zugleich als christlicher König verstand, verteidigte mit Verve die heilige Mutter Kirche gegen die sträfliche Ketzerei auf dem Kontinent, und zwar mit der Feder, nachdem er einige Jahre lang großen Eifer gezeigt hatte, sie im Rahmen der europäischen Bündnispolitik seines Lordkanzlers Kardinal Wolsey als Mitglied der Heiligen Liga königlich-kühn mit dem Schwert zu verteidigen. Später hatte er ein Problem, da er dringend eine Ehefrau loswerden musste, der Papst aber unter anderem aus diplomatischen Gründen nicht willens beziehungsweise imstande war, ihm die gewünschte Annullierung zu gewähren. Am Ende blieb dem König nichts anderes übrig, als seine eigene Staatskirche zu gründen und sich zum Oberhaupt der englischen Kirche zu machen.

Er wurde eine Art Reformkatholik ohne Rom, und die von ihm initiierte englische Reformation war so etwas wie eine unfreiwillige Nebenwirkung, die aus seinem bewegten Liebesleben, aus seinen halb-politischen Konfrontationen mit Rom, aus der Tatsache, dass seine Erbfolge nicht gesichert war, da aus seiner ersten Ehe mit der Spanierin Katharina von Aragón keine Kinder hervorgingen, aus dem Bedürfnis nach Machtzuwachs und durch Rom ungetrübter Alleinherrschaft im eigenen Land, aber auch aus einer – wenn auch sehr elastischen – Frömmigkeit hervorging, denn auch der König berief sich, ebenso wie der Reformator aus Wittenberg, auf sein Gewissen, und er bemühte sich zeitlebens darum, in seinen königlichen Handlungen mit Gott im Einklang zu stehen. Am Ende seiner Herrschaft ergab sich in England die widersinnige Situation, dass der König sowohl die Altgläubigen in seinem Land als auch die Neugläubigen hinrichten ließ – Erstere, weil sie weiter zu Rom hielten und seinen königlichen Supremat untergruben, und Letztere, weil sie mit ihren progressiven Bestrebungen eine permanente subversive Gefahr im Staate darstellten. Dass Luther auf diesen vermeintlichen Bündnispartner nach dem Frontenwechsel Englands nicht zählen konnte, hat viel mit den ruppigen Persönlichkeiten dieser beiden Kontrahenten zu tun. Die englische Reformation, die im Grunde Henrys Nachfolger ausbauten, kam dann auch weitgehend ohne kontinentale Anleihen aus, hatte die Reformation auf der Insel in ihren Kerngedanken doch auch schon eine weiter zurückliegende Tradition, an die man fast nahtlos anknüpfen konnte. Die Folgen der lutherischen Reformation für Deutschland und für Europa waren immens. Dies hatte aber weniger mit den tatsächlichen Intentionen des Reformators zu tun als mit der Wucht seiner Geschichte und mit den Folgewirkungen seiner ins Leben gesetzten Grundsatzideen.

Ein akademisches Highlight im Rahmen der Luther-Debatten ist der Streit zwischen Erasmus und Luther über die Freiheit des menschlichen Willens, der gewissermaßen en miniature die Divergenzen und Bruchstellen abbildet, wie sie der Epochenwandel zwischen Mittelalter und Neuzeit entfaltete. Um es vorwegzunehmen: Erasmus von Rotterdam propagierte (ohne es wohl zu wissen) die Neuzeit und Martin Luther das Mittelalter, wenigstens, was die Anthropologie anbelangt. Für Luther gibt es keine Freiheit des menschlichen Willens, sofern sie den inneren Menschen betrifft, der völlig der Gnade Gottes anheimgestellt ist, ohne dass es gelingen könnte, diese durch einen eigenen Willensakt im Bunde mit der Vernunft (für Luther ist diese unter anderem das Terrain einer permanenten Versuchung des Teufels) in irgendeine Richtung zu lenken. Erasmus bestritt dies – als Humanist musste er schließlich naturgemäß die Würde des Menschen und seine wunderbaren Geisteskräfte in den Mittelpunkt rücken und nicht ein mehr oder weniger passives Gnadegeschehen, welches das Gottesgeschöpf kaum beeinflussen kann. Da Erasmus, das „Wahlvermögen“ des Menschen verteidigend im Sinne einer fruchtbaren Interaktion zwischen göttlichem Gnadenimpuls und menschlicher Willensbekundung, aber auch offenkundige Sympathien für den Pelagius hegte, der zu Zeiten des Kirchenvaters Augustinus die Erbsündenlehre bestritt, da sie ihm schlichtweg zu fatalistisch war, kann man sich ziemlich gut ausmalen, welchen denkbaren anderen Weg unser christliches Europa genommen hätte, wäre man dem britischen Mönch Pelagius, den der Kirchenvater verbannte, nachdem er ihn erfolgreich der Häresie angeklagt hatte, in seinen Gedankengängen gefolgt. Ein Christentum ohne Erbsündenlehre hätte sich sicherlich in eine gänzlich andere Richtung bewegt.

Aber zurück zum Disput zwischen Martin Luther und dem englischen König. Dem Monarchen ging es darum, eine Irrlehre zu bekämpfen, die den Menschen seiner Meinung nach unter anderem das Mysterium in der Religion nahm, das für ihn selbst, den gesalbten König, einen so hohen persönlichen Stellenwert hatte. Anlass seiner Schrift: „Assertio Septem Sacramentorum Lutheri“ war die jüngste Veröffentlichung Luthers: „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, in der der Autor die sieben Sakramente zur Disposition stellte, um am Ende nur noch zwei übrig zu lassen, nämlich Taufe und Abendmahl. Henry verteidigte also die Sakramente, und zwar alle sieben, der Reihe nach, brach zuvor aber noch eine Lanze für die Autorität des Papstes und für den Ablass. Der König war theologisch versiert, und er besaß eine profunde humanistische Bildung. Was aber auch eine Rolle spielte bei seiner päpstlichen und kirchlichen Verteidigungsaktion mit der Feder, ist die Tatsache, dass es den Mittdreißiger nach einem christlichen Titel gelüstete, wie ihn sein Rivale auf dem Kontinent, der junge französische König François, aber auch der junge Kaiser des Heiligen Römischen Reiches besaß. Henrys Rechnung ging auf, denn nachdem er seine „Assertio!, schön gebunden und mit prächtigen Illustrationen versehen, dem Heiligen Vater nach Rom geschickt hatte, erhielt er von diesem den klangvollen Titel: „defensor fidei“, „Verteidiger des Glaubens“, den die englische Königin heute noch trägt.

Lügenkönig, Schalksnarr in Hermelin, Schwätzer

Martin Luther in Wittenberg mokierte sich zunächst über eben diesen Titel, der seiner Auffassung nach wieder einmal ein glänzendes Beispiel war für das korrupte System der römischen Papstkirche, die Titel und Ämter verschacherte ohne Rücksicht auf Frömmigkeit oder theologische Sachkompetenz ihrer Träger. Seine Ehrfurcht gegenüber dem königlichen Hobbytheologen hielt sich in Grenzen. In seiner Antwortschrift nannte er ihn wiederholt „König Heinz!, „Junker Heinz“, sogar auch einmal „Lügenkönig“, einen „Schalksnarr in Hermelin“ oder einen „unnützen Schwätzer“. Überhaupt war er der Meinung, die Schrift sei gar nicht vom König selbst verfasst worden, sondern von einem seiner Gelehrten am Hof, etwa dem Erzbischof Lee. Aber wie dem auch immer sein mochte – Luther versah den König beziehungsweise den Ghostwriter mit dem Etikett des Thomismus, der für ihn ja ein rotes Tuch war, da er den intellektuellen Zugang zum Glauben, indem man die aristotelische Logik und Metaphysik auf die Fragen des Glaubens anwandte, gänzlich verwarf. Besonders deutlich wird dies nach Ansicht des Reformators in der kopflastigen Transsubstantiationslehre, bezogen auf das von Henry so leidenschaftlich verteidigte „Geheimnis der Wandlung“ – einem der kompliziertesten Probleme der Theologie, dem „Junker Heinz“, sorgfältig belegt mit Zitaten diverser Kirchenväter, immerhin fünfunddreißíg Buchseiten widmete. Luther, dessen Verständnis der Eucharistie ja wesentlich konservativer war als das seiner späteren reformatorischen Mitstreiter, antwortete hier kurz und knapp: Er führt „seinen“ Paulus gegen die „elenden Brotverwandler“ mit ihren spitzfindigen Theorien ins Feld, und Heinrichs Ausflug ins Reich der Grammatik („Hic est meum corpum.“ et cetera) erteilte er ebenso kurz und knapp eine Absage. Seine Forderung des Abendmahls in beiderlei Gestalt knüpfte an seine übrige Kritik und Neuordnung der Sakramente an und bezog sich am Ende ausschließlich auf Bibeltexte und die Überlieferung durch die Evangelisten. Was irgendwelche Kirchenväter und andere vermeintliche Autoritäten hier oder dort dazu sagten, war ihm ganz gleichgültig. Auch Dinge wie die Tageszeit oder die richtige Kleidung bei den gottesdienstlichen Handlungen oder dass man etwa im nüchternen Zustand zur Messe oder zur Beichte gehen müsse, waren ihm gleichgültig. Und dass in der Papstkirche so viel Wert auf solche Äußerlichkeiten der Rituale gelegt werde, habe, meint Luther, dazu geführt, dass der eigentliche Inhalt des Glaubens und das Ringen der Seele darum über all diese Dinge vernachlässigt wurde. Luther als Purist. Er ist der Erfinder der deutschen Innerlichkeit.

Von all den Gegenschriften auf die Gegenschrift auf die Gegenschrift soll nur noch einmal das Opus des heiligen Thomas Morus erwähnt werden, denn dieser englische Staatsmann und große Gelehrte Europas, der in seinen humanistischen Schriften zu stilistischen und intellektuellen Glanzstücken fähig war, entfaltete in seiner Luther-Kritik eine bemerkenswerte Aneinanderreihung von Tiefschlägen, die auch Luthers derbe Rhetorik noch um einiges übertraf. Unter anderem bezeichnete er den Augustinermönch als einen „scheißenden und beschissenen Schuft“, als einen „Zuhälter“ und „lausigen Klosterbruder“, und er kolportierte das damals unter den Luther-Gegnern kursierende Gerücht, die Lutheraner würden sich in den Kirchen in wüsten Orgien ergehen, eine Art Gruppensex unter dem Christuskreuz und angesichts der Bilder der Heiligen praktizieren. Er teilte im übrigen die theologische Auffassung seines Königs (und vieler Altgläubiger), Luthers sola fide-Lehre sei nur die Aufforderung zu einem unmoralischen Leben. In seiner Eigenschaft als englischer Lordkanzler entwickelte Thomas More, was die Verfolgung der Ketzer betraf, ab 1529 einen Eifer, der seinesgleichen sucht. Er wurde aber 1535 von seinem König enthauptet, weil er den Sukzessionseid nicht leisten wollte und sich als guter Katholik dem Papst zu größerer Loyalität verpflichtet fühlte als seinem König.

Traum von evangelischer Universalkirche in weiter Ferne

Da hatte Henry längst seine eigene Kirche gegründet, deren Oberhaupt er jetzt war. Die Frau, für die er das alles tat, versorgte ihn vor der Eheschließung durch einen Erzbischof des neuen Glaubens noch mit der entsprechenden politischen Literatur, die letztlich seinen Status als König im Staate und ohne geistliche Gegenmacht definierte. Leider wurde aber auch Anne Boleyn später geköpft; ebenso wie Henrys fünfte Frau Catherine Howard, gebar Anne ihm doch auch nicht den ersehnten männlichen Thronerben. Und noch ein anderer wurde später von Henry geköpft, ein weiterer Lordkanzler: Thomas Cromwell. Dieser verlor nicht sein Leben, weil er dem Papst huldigte wie Sir Thomas More, sondern weil Henrys Architekt der Reformation sich zu weit ins lutherische Lager vorgewagt hatte, auch in außenpolitischer Hinsicht. Der König glaubte indessen noch immer an die traditionelle Rolle des Priesters, er glaubte ans Fegefeuer, und er propagierte die althergebrachte Auslegung der Eucharistie. Er wollte alle sieben Sakramente behalten, er war gegen die Priesterehe, und die allgemeine Bibellektüre war seiner Meinung nach für ein Staatswesen eine gefährliche Sache. Die von den progressiven Kräften in seinen Reihen im Jahre 1536 aufgestellten zehn Glaubensartikel, die der Augsburger Konfession ziemlich nahekamen, hat er später mit seinen konservativen Kräften nahezu vollständig eliminiert.

Martin Luther baute in diesen Jahren seine evangelische Landeskirche im sächsischen Kurfürstentum aus. Seinen Traum von einer evangelischen Universalkirche sah er am Ende seines Lebens in weite Ferne gerückt, aber er hätte sich wohl in noch weit größerem Maße empört, wenn er geahnt hätte, wofür ihn die Nachwelt so alles in Geiselhaft nahm – wenn auch mit positiven Akzenten: kritische Bibelwissenschaft, Autonomie des Subjekts, Toleranz, Individualismus, Aufklärung und Rationalismus, Säkularismus, Gewaltenteilung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – um nur die wichtigsten Stichpunkte der nach-lutherischen Geistesgeschichte und politischen Entwicklung infolge der diversen Aufklärungsdebatten zu nennen. Das alles hat nichts oder fast nichts mit Luther zu tun, aber sein Wirken führte quasi unweigerlich dazu hin. Schon durch seinen Auftritt vor dem Reichstag zu Worms hat Luther unwiderrufliche Akzente gesetzt – ein machtloser Mönch aus der deutschen Provinz gegen eine mächtige europäische Institution. Dabei verfocht er mit seiner Gnadentheologie und seiner radikalen Leugnung der Willensfreiheit eine nahezu mittelalterliche Anthropologie, über die ein humanistischer Denker wie Erasmus von Rotterdam längst hinaus war und die auch Thomas von Aquin dreihundert Jahre zuvor so nicht geteilt hätte.

Fazit: Martin Luther war in vielerlei Hinsicht ein Anti-Modernist, und Heinrich der Achte von England vollzog eine eigentlich unfreiwillige Reformation. Die Patrioten beider Länder wie die konfessionellen Sympathisanten mag dies enttäuschen, aber es entspricht wohl den Tatsachen.

Von der Autorin erschien kürzlich das Buch „König Heinz und Junker Jörg“: Heinrich VIII. gegen Luther gegen Rom. Es ist im Theiss Verlag – WBG erschienen und kostet 22,95 Euro.

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