Resilienz

Kinder stärken

Mit Blick auf Corona, Krieg und Energiekrise hat die Förderung kindlicher Resilienz oberste Priorität.
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Foto: Imago Images / Westend61 | Zwei Jahre Corona haben tiefe Spuren in vielen kindlichen Seelen hinterlassen.

Nicht erst seit gestern ist bekannt, dass die Häufung der aktuellen Krisen zu einer hohen psychischen Belastung besonders von Kindern und Jugendlichen führt. Zusätzlich zur Pandemie und Russlands Krieg in der Ukraine sorgen die Inflation und die Energiekrise für steigende Preise und drängen gerade Familien in finanzielle Notsituationen. Ende September teilte der Deutsche Caritasverband mit, dass Caritas-Beratungsstellen Alarm schlagen: Viele Kinder, Jugendliche und Familien sind am Limit ihrer Belastung.

Hoffnung vermitteln

Der im August veröffentlichte Kinder- und Jugendreport 2022 der DAK-Gesundheit zeigt, dass gerade die Pandemie deutliche Spuren in der Psyche von jungen Menschen hinterlassen hat. „Eine deutliche Zunahme psychischer Erkrankungen bei den Mädchen und eine signifikante Zunahme etwa bei Adipositas bei den Jungen sind nur die Spitze des Eisbergs“, erklärte Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, bei Veröffentlichung des Reports. Die Studie beruht auf der Datenerfassung von knapp 800 000 Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahren zwischen 2018 und 2021, die bei der DAK-Gesundheit versichert sind. Zentrale Ergebnisse des Berichts sind: 54 Prozent mehr neu diagnostizierte Essstörungen und 24 Prozent mehr neu diagnostizierte Angststörungen bei Mädchen zwischen 5-17 Jahren, 23 Prozent mehr neu diagnostizierte Depressionen bei Mädchen zwischen 10-14 Jahren und 15 Prozent mehr neu diagnostizierte Adipositas-Fälle bei Jungen zwischen 15-17 Jahren.

Dabei besteht eine deutliche Ungleichheit in Bezug auf den sozioökonomischen Status der Kinder und Jugendlichen. So besteht bei Mädchen mit einem niedrigen sozio-ökonomischen Status ein um 19 Prozent erhöhtes Risiko einer Depressions-Neuerkrankung gegenüber Mädchen aus Familien mit hohem Status. Jungen mit einem niedrigen sozio-ökonomischen Status besitzen sogar ein um 62 Prozent erhöhtes Risiko für Adipositas gegenüber Jungen aus Familien mit hohem Status. Die verzeichneten Rückgänge der Diagnosehäufigkeit bei anderen Krankheiten liegen, wie die Studie vermutet, nicht auf einem Rückgang der Krankheiten selbst, sondern vielmehr an einem starken Rückgang der Arztbesuche während der Pandemie und besonders der Lockdowns. „Wir müssen Resilienz fördern und Hoffnung stiften. Wenn wir die nicht in Kinder und Jugendliche investieren, ihnen Halt geben und ihre psychische Gesundheit fördern, haben wir als Gesellschaft verloren“, kommentiert Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité, die Ergebnisse des DAK-Reports. Laut dem „Dorsch – Lexikon der Psychologie“ bedeutet Resilienz die Widerstandsfähigkeit eines Individuums, sich trotz ungünstiger Lebensumstände und kritischer Lebensereignisse erfolgreich zu entwickeln. Resilienz setzt sich aus personalen, familiären und sozialen Schutzfaktoren zusammen. Zu den personalen Faktoren gehören etwa ein gesundes Selbstwertgefühl und kognitive Fähigkeiten, zu den familiären Faktoren eine gesunde Bindung zu Familienmitgliedern und zu den sozialen Faktoren die Qualität der besuchten Bildungseinrichtung.

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Aufmerksam beobachten

Resilienzförderung lautet auch das Stichwort des Deutschen Kinderschutzbundes. „Die eigene Resilienz ist nicht unbedingt in die Wiege gelegt – wie konstruktiv wir mit Problemsituation umgehen, hat auch viel damit zu tun, was wir bisher gemeistert haben, was uns beigebracht wurde und was wir uns von unseren Vorbildern, wie z. B. den Eltern, abgeschaut haben“, erklärt Alexandra Schreiner-Hirsch, Pädagogische Leitung des Kinderschutzbundes Bayern. In einem ersten Schritt sei es wichtig, seine Kinder aufmerksam zu beobachten, da sie aus unterschiedlichen Gründen dazu neigen können, Sorgen für sich zu behalten und zu überspielen. „Wenn Kinder sich verändern, z. B. im Essverhalten, Sozialverhalten, Medienkonsum, Kommunikation oder Emotionalverhalten, könnten dies erste Anzeichen für eine seelische Belastung sein“, so die Pädagogin und Mutter zweier Kinder. Das elterliche Vorbild sei weiterhin entscheidend: „Bleiben diese zuversichtlich und geben den Kindern das Gefühl, die Krise meistern zu können, stimmt dies die Kinder hoffnungsvoll.“

Resilienz fördern

Schreiner-Hirsch verweist auf drei zentrale Faktoren, um Resilienz im Kindesalter in der Familie zu fördern: Selbstvertrauen stärken, lösungsorientiert bleiben und Bewegung und Ausdauer stärken. Je mehr Vertrauen in die eigene Kraft bestehe, desto größer sei das Selbstvertrauen und auch die Zuversicht, aus Problemlagen erfolgreich hervorzugehen.

Deshalb sollten Kinder so oft wie möglich Selbstwirksamkeit erfahren, was konkret bedeute, dass sie von klein auf, abhängig von Alter und Entwicklung, Aufgaben und Entscheidungen übernehmen dürfen. Kinder sollten weiterhin darin bestärkt werden, selbst Lösungen für Probleme zu suchen. Fragen wie „Was ärgert oder stört Dich genau? Was würde Dir helfen? Was brauchst Du dafür? Was kannst Du tun?“ könnten dabei helfen, kreativ nach Lösungen zu suchen, anstatt dem Problem machtlos gegenüber zu stehen. Bewegung und sportliche Tätigkeiten „schütten Glückshormone aus, fördern die Ausdauer und stärken das Selbstbewusstsein“, so die Pädagogin.

Aufholen nach Corona

Mitte September veröffentlichte der Deutsche Caritasverband das Positionspapier „Stärkung der Resilienz in Krisenzeiten – Was Kinder, Jugendliche und Familien jetzt brauchen!“ Damit reagiert der Verband auf das Ende des sogenannten Corona-Aufholpakets der Bundesregierung zum Jahresende. Das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ hatte für die Jahre 2021 und 2022 zwei Milliarden Euro für Maßnahmen zum Abbau von Lernrückständen, Maßnahmen im Bereich der frühkindlichen Bildung und für zusätzliche Sport-, Freizeit- und Ferienaktivitäten zur Verfügung gestellt. Die Caritas moniert, dass eine Fortführung des Programms bisher nicht konkret geworden sei und im Jahreshaushalt 2023 nur 50 Millionen Euro dafür eingeplant seien. Sie fordert eine verlässliche Bereitstellung von Unterstützungsangeboten für Familien und ihre Kinder und Jugendlichen seitens der Politik.

Schulen und Einrichtungen für Kinder offen halten

Das Positionspapier der Caritas und ihrer Fachverbände, darunter die Kinder- und Jugendhilfe, listet 25 Handlungsbedarfe zur Förderung der Resilienz von Kindern, Jugendlichen und Familien auf. Dazu gehört der Ausbau der „Frühen Hilfen“ (fruehehilfen.de) für Eltern ab der Schwangerschaft und junge Familien, aber auch die gezielte Bereitstellung von Bewegungsangeboten für Kinder und Jugendliche. Außerdem könne der zunehmende Bedarf von Kindern und Jugendlichen an psychotherapeutischer Versorgung mit der derzeitigen Versorgungsstruktur nicht aufgefangen werden, weshalb ihre Ausweitung ebenfalls notwendig sei. Auch müsse die Suizidprävention für Kinder und Jugendliche sichergestellt werden. Das Papier verweist hier auf das Caritas-Projekt „[U25] Onlinesuizidprävention“. Zuletzt fordert der Verband, dass Schulen und weitere Einrichtungen für Kinder und Jugendliche als „Lebensorte junger Menschen, die Begegnung und Bewegung, aber auch Struktur und Normalität schaffen“, trotz Pandemie geöffnet bleiben müssen.

Auf ihrem Blog „Starke Kids“ vermittelt Elterncoach Birgit Gattringer umfassende Informationen zum Thema Resilienz und sammelt Ideen und Tipps zur altersgemäßen Stärkung der Resilienz von Kindern und Jugendlichen.

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