Katholischer Weihnachtssound

Weihnachten steht vor der Tür. Musik spielt dabei auch eine Rolle. Aber welche Musik? Ein paar Geschenkempfehlungen für das Christkind. Von Georg Blüml
Weihnachtsmusik in der Unterführung
Foto: dpa | Schon während der Adventszeit ist man unterwegs von weihnachtlichen Klängen umgeben, die von Herzen kommen können. Zu den Festtagen selbst lohnt es sich, eine schöne Hörauswahl zu treffen.

Gerade in dieser alles andere als stillen Zeit stellt sich wieder einmal die Frage, womit man den Lieben zum Fest eine Freude bereiten beziehungsweise sich selbst in die rechte, weihnachtliche Stimmung versetzen kann. Musik, so sagt man, heile wie Medizin allen Kummer. Daher also einige Beispiele, die dazu angetan sind, Festfreude aufkommen zu lassen. Den Liebhabern barocker Klänge seien zuvorderst zwei absolute Perlen ans Herz gelegt: Zum ersten Matthesons Weihnachtsoratorium „Das Größte Kind“ (Kölner Akademie unter der Leitung von Michael Alexander Willens, erschienen bei CPO). Der Hamburger Sänger und Komponist Johann Mattheson war ein Zeitgenosse Händels, mit dem er sich nicht nur intensiv musikalisch austauschte, sondern sogar ein Duell lieferte, das Händel nur deswegen überlebte, weil der Degen seines Kollegen an einem Knopf zersprang. Das Werk entstand während Matthesons Zeit als Musikdirektor am Hamburger Dom und wurde 1720 mit Solisten der Gänsemarktoper uraufgeführt. Die Folge von Arien, Duetten, Chören und wenigen Rezitativen zeigt den Reichtum an musikalischen Ideen und Formen, aus dem Mattheson schöpft. Die Kölner Akademie zaubert in dieser Aufnahme ein ungemein farbiges und dennoch stets transparentes Gewebe, über dem sich die wunderbar miteinander musizierenden Sängersolisten entfalten können. Musik zum Lobe Gottes und zum Gefallen der Menschen.

Als – zwar nicht originär weihnachtliche, aber überaus prachtvolle – katholische Alternative zum protestantischen Mattheson sei Heinrich Ignaz Bibers „Missa Salisburgiensis“ (Amsterdam Baroque Choir/Orchestra unter der Leitung von Ton Koopman, erschienen bei Erato) genannt. Das für zwei vokale und vier instrumentale Chöre zu 53 Stimmen geschriebene Werk ist das größte erhaltene Stück sakraler Barockmusik – zumindest gemessen an den monumentalen Ausmaßen der Partitur (Seitengröße 82×57cm!). Sie wurde in den 1870er Jahren bei einem Gewürzhändler in Salzburg wiederentdeckt, der die Bögen als Packpapier verwendete. Lange war unklar, wer die im Stil der venezianischen Mehrchörigkeit vertonte Messe komponiert hatte. Ein Wasserzeichen auf dem Papier führte auf die Spur des böhmischen Komponisten und Geigenvirtuosen Biber, der wohl das Werk anlässlich der 1682 gefeierten 1100-Jahrfeier des Salzburger Erzstifts schuf. Der Eindruck der Uraufführung muss überwältigend gewesen sein, da Biber die räumlich-perspektivische Klangwirkung des Salzburger Domes einkalkulierte, indem er die sechs Chöre an verschiedenen Orten aufstellte. Die Doppel-CD kombiniert das Werk mit Bibers im Geiste barocker Glaubens- und Erlösungsgewissheit komponiertem A-Dur-Requiem. Die am Uraufführungsort aufgenommene und um festliche Bläsersonaten erweiterte Einspielung lässt den Glanz dieses Festes erahnen – ein Gesamtkunstwerk.

Bei CDs mit dem Titel „Weihnachten mit XY“ ist stets eine gewisse Skepsis angebracht – meist handelt es sich um eine Zusammenstellung älterer Titel, die die Plattenfirmen in oftmals recht oberflächlicher Gruppierung so noch ein zweites Mal verkaufen können. Dies gilt auch für „Christmas with Pavarotti“ (Decca), wo unter anderem neben Klassik-Veteranen wie Nicolai Ghiaurov und José Carreras auch Pop-Größen wie Sting und Lionel Richie zu Gehör kommen. Auch die Titelauswahl erschließt sich manches Mal nur mit Stirnrunzeln. So findet sich in der Sammlung die beliebte, aus Flotows Oper „Martha“ stammende Arie „M'appari“, deren haupthandelnde Figur mit der Heiligen aus Bethanien nicht mehr als die Namensgleichheit gemein hat. Ebenso ist manches Arrangement etwas dick aufgetragen, zu zuckrig, zu suppig – besonders im Maßstab heutiger Hörgewohnheiten. Aber „Big P“, wie der Ausnahmetenor zu Lebzeiten genannt wurde, ist sich dabei stets treu geblieben – draufgängerisch am Beginn seiner Karriere, technisch brillant in den Jahren seiner Reife und mit unverwechselbarem Eigenklang bis ins Alter. Die vom Vertreiber als „ultimativ“ angepriesene Weihnachts-Sammlung reicht von „Ave Maria“ (sowohl von Schubert als auch von Bach/Gounod) über Rossinis „Cuius animam gementem“ bis zu „Jingle Bells und „O Tannenbaum“. Und wenn der wohl größte Tenor aller Zeiten im ersten Stück, Adolphe Adams „Cantique de Noël!“, sein strahlendes hohes B erklingen lässt, haben sich alle möglichen Einwände längst verflüchtigt.

Stimmungsvoll, aber dabei ohne jeden Kitsch kommt die Doppel-CD „Advents- & Weihnachtszeit mit Singer Pur“ (Oehms Classics) daher. Der Name des ausführenden Vokalsextetts ist Programm: Seit 25 Jahren stehen die Gesangssolisten für Stimmkultur in Perfektion und einen charakteristischen Klang. In ihrer Sammlung präsentieren sie die Klassiker des deutschen Weihnachts-Liedguts (darunter „Maria durch ein Dornwald ging“, „Kommet ihr Hirten“, „Lasst uns froh und munter sein“ oder „Nun komm, der Heiden Heiland“). Egal, ob die Sängertruppe die traditionellen Sätze des 16. Jahrhunderts zum Klingen bringt oder originelle a-capella-Arrangements von Zeitgenossen – stets ist das zu Hörende geschmackvoll, perfekt intoniert und von großer Innigkeit durchdrungen. Klingen die Singer Pur bei „Lasst uns froh und munter sein“ wie eine Schar übermütiger Kinder in Vorfreude auf den Nikolausabend, dominiert in dem mit sphärischen Dissonanzen unterlegten „Stille Nacht, heilige Nacht“ ernste Feierlichkeit. Einige Titel – etwa das bairische Wiegenlied „Es wird scho glei dumpa“ – sind auch in zwei Fassungen zu hören und es ist nicht leicht, eine Lieblingsversion dingfest zu machen. Ohne alle Rührseligkeit gelingt es den Vokalkünstlern, Adventsstimmung zu erzeugen, die zum Mitsingen einlädt, zum Plätzchen backen, zum Schmücken des Baums. Weihnachten wie in Kindertagen.

Für jene Geister, die ihre Streitbarkeit auch angesichts der Friedensbotschaft aus Bethlehem nicht gleich ablegen, gibt es eine brandaktuelle Alternative zu Bachs Weihnachtsoratorium: Bachs „Weihnachtsoratorium als urbane Hausmusik“ (Ensemble Resonanz, erschienen bei Resonanzraum Records), die landauf landab in den Medien gepriesen wird. Die hochkarätige 18-köpfige Streicherformation aus Hamburg hat sich eine Schar illustrer Gäste eingeladen. Herausgekommen ist eine der Besetzung nach minimierte und in der Länge um ein gutes Drittel eingedampfte Version von Bachs Meisterwerk; anstelle von Orgel, Cembalo und Pauken sind E-Piano, Hammondorgel und E-Gitarre zu hören. Gleich vorneweg: Das (altbekannte) Rad wurde zwar nicht neu erfunden, aber ziemlich gut (weil höchst kenntnisreich und durchaus musikantisch) geölt! Man mag kritisieren, dass Truike van der Poels „Bereite dich Zion“ einen Hauch zu spröde klingt, dass mancher Synthesizer-Sound (Michael Petermann) über das Ziel hinausschießt, oder dass die barocken Affekte auf der E-Gitarre (Johannes Öllinger) bisweilen „erschröcklich“ dreinfahren. Insgesamt aber schärft die Aufnahme die Sinne und ermöglicht es, sich dem Weihnachtsklassiker neu zu nähern. Ein Herzensprojekt des Ensembles – und man hört es.

Einen ebenso spannungsreichen wie ausgewogenen Bogen bis in die Gegenwartsmusik schlägt eine weitere Neuerscheinung: „The Tree of Life“ (Trinity Choir unter der Leitung von Daniel Taylor, erschienen bei Sony). Den Auftakt dieses „Lebensbaums“ macht der gregorianische Choral „Puer natus est“, der aus dem 6. Jahrhundert stammende Introitus des Ersten Weihnachtstages. Es folgen die sieben Magnificat-Antiphonen Arvo Pärts, der, geboren 1935 in Estland, zu den bedeutendsten lebenden zeitgenössischen Komponisten zählt. Seine 1988 im Auftrag des Rias-Kammerchors entstandenen Antiphonen bauen minimalistisch auf Zwei- und Dreiklängen auf. Sie bilden quasi das Rückgrat dieser CD und rhythmisieren gliedernd die darin eingefriedeten, um das Weihnachtsmysterium kreisenden Vokalwerke aus Renaissance (Jean Mouton, Robert Parsons) und Moderne (Benjamin Britten, Elizabeth Poston, John Tavener). Der Chor des Trinity College in Toronto und das exquisite Solistenensemble erklingen unter der Leitung des kanadischen Countertenors Daniel Taylor wie reiner Kristall; klar wie Licht und Luft des Weihnachtsmorgens in einem benediktinischen Kreuzgang. Doch bei aller meditativer Askese und Überweltlichkeit folgen Dramaturgie und Gestus dieser großartigen Aufnahme und ihrer Zusammenstellung den zutiefst verinnerlichten Gesetzen des barocken Theaters. Ein inspiriert-inspirierender Hörgenuss.

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