Córdoba

Karrierebewusste Christen sprachen Arabisch

Muslime und Christen haben Glaubensfeinde ins eigene Boot geholt: Brian A. Catlos' Standardwerk zum islamischen Spanien.
Palast El Partal in Granada
Foto: Andreas Drouve

Die Zeit von 711 bis 1492 war die längste, prägendste und spannendste Ära der Geschichte Spaniens. Eine Epoche, die mit dem Einfall der Mauren und ihrer Herrschaft begann, gefolgt von den Blüten eines Emirats und Kalifats, dem Bau einzigartiger Monumente wie der Freitagsmoschee von Córdoba und der Alhambra in Granada, der Rückeroberung (Reconquista) im Zeichen des Kreuzes. Am Ende stand der Fall des letzten muslimischen Kleinreichs unter den „Katholischen Königen“ Ferdinand und Isabella.

Es ging um Machtausweitung und -erhalt

Der preisgekrönte Historiker Brian A. Catlos, Professor für Religionswissenschaften an der Universität von Colorado, hat sich der Herausforderung gestellt, die Abläufe detailliert nachzuverfolgen und einzuordnen – und mit nostalgischen Ansichten aufzuräumen. Dabei geht es, so Catlos, eben nicht um die Überzeugung, dass „die Religion im Mittelpunkt der Geschehnisse stand“ und „muslimische und christliche Reiche einen von religiöser Identität und Ideologie geprägten Konflikt austrugen“. Folgt man dem Autor, war die muslimische Eroberung jenes Landes, das die Fremdherrscher al-Andalus nannten, „nicht Teil eines strategisch durchdachten Feldzugs, um die Weltherrschaft zu erlangen und einen heiligen Krieg zu führen“. Und die Vorstellung „von Rückeroberung und Kreuzzug wiederum stammt aus einer sehr viel späteren Epoche und wurde immer dann beschworen, wenn sie der Agenda der christlichen Mächte entsprach“.

Catlos gibt zu bedenken, dass es zwischen 711 und 1492 „nicht pausenlos religiöse Kriege“ gab und Muslime und Christen „sehr viel länger in Friedens- als in Kriegszeiten“ lebten und nicht nur „gegen äußere Feinde, sondern ebenso oft gegeneinander“ kämpften. Derlei Ansätze sind so neu nicht, doch gelingt es Catlos, dafür stärker zu sensibilisieren. Denn christlichen wie muslimischen Potentaten ging es zuvorderst um die Zementierung und den Erhalt der Macht, wofür sie ein ums andere Mal Zweckbündnisse mit lokalen Koryphäen schlossen, Zugeständnisse machten, die vermeintlichen Glaubensfeinde ins selbe Boot holten.

Dabei legt Catlos schlichtweg die Messlatte des Menschlichen an: „Es waren Menschen mit Fehlern und Mängeln und voller Selbstwidersprüche: Menschen, die zu großer Grausamkeit, aber auch zu enormem Großmut, zu Egoismus und Opferbereitschaft fähig waren und zu Rationalisierungen neigten, die ihren eigenen Zielen dienten. Sie waren Gefangene ihres Körpers und ihrer Ambitionen, ihrer Eitelkeiten und ihrer Begierden. Kurzum, sie waren wie wir, und das ist es, was diese Geschichte noch heute lesenswert macht.“

Akribische Fleißarbeit mit großer Detailfülle

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Diese Worte sind ein Fingerzeig darauf, dass der Forscher keine staubtrockene Chronologie vorgelegt hat, sondern eine stilistisch ansprechende, populärwissenschaftliche Abhandlung mit zeitgemäßem Vokabular.

Sie verknüpft die Betrachtung der politischen Großwetterlagen im Laufe des Mittelalters mit der realhistorischen Entzerrung von Mythen sowie Einblicken in den Alltag und exemplarischen, anschaulichen Details. Die akribische Fleißarbeit mag in Einzelfällen zu weit gehen, vor allem bei eingeflochtenen Biografien von Potentaten. Dann wiederum erfährt man, dass die Kleidermode unter den Muslimen im Laufe der Zeiten „raffinierter und luxuriöser“ wurde und Begüterte ihre kostbare Garderobe schonten, „indem sie ein Deodorant benutzten“.

Catlos' moderne Interpretationen schließen die oft übersehene Rolle der Frau in der muslimischen Gesellschaft ein. Die besten und wertvollsten Sklavinnen seien „nicht nur Sexualobjekte“ gewesen, „sondern geistreiche, kultivierte und feinsinnige Gefährtinnen, und ihre Erziehung und Ausbildung war eine lohnende Investition.“

Die geistliche Führung war häufig gespalten

Besonders aufschlussreich zum Thema Glauben im ausgehenden Frühmittelalter (9./10. Jahrhundert) ist das Kapitel „Heilige und Sünder“, das die Vielzahl der Übertritte von Christen zum Islam in den Fokus rückt, aber ebenso die Rolle der geistlichen Führung in Spanien: „Auch die Bischöfe waren zunehmend gespalten: auf der einen Seite diejenigen, die ihre Schäflein (und sich selbst) schützten, indem sie kollaborierten, auf der anderen Seite diejenigen, die den Widerstand gegen die Ungläubigen um jeden Preis als ihre Christenpflicht betrachteten.“

Paradoxerweise verwischten sich die Grenzen der Glaubensgemeinschaften: „Unter den Christen wurde Arabisch so geläufig, dass im späten 9. Jahrhundert der Klerus gezwungen war, religiöse Texte zu übersetzen. Ehrgeizige Christen, die im [muslimischen] Staatsdienst arbeiten wollten (auch der Klerus), mussten schriftliches und mündliches Arabisch beherrschen.“ Die Vermischung von Traditionen und Kulturen ging so weit, dass Christen und Muslime gemeinsam an öffentlichen Zeremonien wie Bittprozessionen für Regen teilnahmen. Desgleichen verbreitet waren Mischehen – offiziellen Verboten zum Trotz.

Fazit: Diese komplexe, moderne Gesamtdarstellung des islamischen Spanien hat neue Maßstäbe gesetzt.


Brian A. Catlos: Al-Andalus. Geschichte des islamischen Spanien. C. H. Beck Verlag 2019, 496 Seiten, ISBN: 978-3-406-74233-0, EUR 29,95

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