HAYERS HORIZONTE

Kann man den ö-r Rundfunk „neu denken“?

Es ist nicht alles schlecht bei ARD und ZDF, doch etwas mehr Platz für Religion, Kultur und Wissenschaft wäre wünschenswert.
Rundfunkbeitrag
Foto: Fernando Gutierrez-Juarez (dpa-Zentralbild) | Sind die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihr von der Allgemeinheit durch verpflichtend zu erbringende Beiträge eingesammeltes Geld wert?

Es rollen die Köpfe. Diesmal allerdings nicht – herrje, wie ungewöhnlich! – wegen fehlerhafter Dissertationen, sondern wegen Selbstbereicherung, Gutsherrenart und Vetternwirtschaft. Dass derzeit allerorts Intendanten und Redaktionsleiter ihre Stühle räumen müssen, erfreut so manche, die glaubten, es immer schon gewusst zu haben: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist korrupt! Er ist ein einziger Moloch, der nur unsere Gelder verschlingt! Diese populistischen Häme zeigen indes, dass es vielen Kritikern, auch den ernsten unter ihnen(!), jenseits der Personalquerelen im Grunde um strukturelle Probleme geht.

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bei den immer höheren Bieterverfahren um Welt- und Europameisterschaft beim Fußball
mit gigantischen Millionensummen in Konkurrenz zu den privaten Mitakteuren zu treten?“

Man muss die Sender von ARD und ZDF allerdings weniger abschaffen als vielmehr reformieren. Und zwar vor allem in programmatischer Hinsicht. Man kann sparen, dann aber entsprechend des Auftrags der Rundfunkanstalten. Der lautet mitunter Bildung. Sie wird kaum vermittelt durch die unzähligen Quizshows oder durch eine inzwischen exzessive Sportberichterstattung. Was legitimiert überhaupt die Senderverantwortlichen, bei den immer höheren Bieterverfahren um Welt- und Europameisterschaft beim Fußball mit gigantischen Millionensummen in Konkurrenz zu den privaten Mitakteuren zu treten? Wieso schließt zudem jede „Tagesschau“ mit einer Sportrubrik ab?

Von kulturellen Ereignissen erfährt man abseits von Nachrufen der allerwichtigsten Prominenten aus Literatur, Kunst und Kino zumeist wenig bis nichts. Was sich in diesen den Kitt der Gesellschaft darstellenden Segmenten abspielt, wird zunehmend in Spartensender wie „3sat“ oder „Arte“ ausgelagert. Klar, denn sich mit einer neuen Inszenierung von Michael Thalheimer oder Nicolas Stemann, gar mit einem neuen Buch von Daniel Kehlmann oder Marion Poschmann zu beschäftigen, bedeutet, die Zuschauer mit Komplexität zu konfrontieren und möglicherweise weniger Quoten zu erhalten. Wohlfeile Unterhaltung erweist sich eben als weitaus beliebter.

Besser als ihr Ruf?

Also nochmals deutlicher gefragt: Warum gibt es in den Nachrichtensendungen keinen Pflichtplatz für Kultur, Religion oder für Wissenschaft? So ließe sich eine völlig neue Rechtfertigung für die Gebühren begründen. Doch auch so viel sei gesagt: Die Öffentlich-rechtlichen sind bei genauerem Hinsehen besser als ihr Ruf. Allen voran investigative Formate wie „Frontal 21“, „Panorama“ oder „Monitor“ beweisen immer wieder die tragende Bedeutung des gemeinschaftlich finanzierten Journalismus für den Erhalt einer funktionierenden Demokratie und die Wahrung der Verfassung in der politischen und ökonomischen Praxis.

Leider sind sich einige Programmplaner und -direktoren jener Schätze im eigenen Haus nur unzureichend bewusst. Während die letztlich zu Showspektakeln verkommenen Talkrunden à la „Lanz“ und „Maischberger“ in den vergangenen Jahren mehr und mehr Raum zugewiesen bekamen, wurden rechercheaufwendige Magazine beschnitten oder reduziert. Und wo die wenigen eigentlich einen festen Platz haben, müssen sie dann noch häufig für vermeintlich wichtigere Live-Acts weichen. Dann kommt die Breitseite: Fußball ahoi! Dabei müsste der Kapitän einen anderen Kurs ausrufen: Hisst die Segel, um zu unbekannten Ufern zu gelangen. Ja, dem Neuen sollte endlich der zukünftige Kurs gelten.

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