Feuilleton

Kaiser unter schwarzen Schafen

Machtgelüste waren ihm fremd – Eine neue liebevolle Biografie zu Marc Aurel regt zur Lektüre an. Von Clemens Schlip
Ein Denar des Kaisers Marcus Aurelius
Foto: dpa | Ein Denar des Kaisers Marcus Aurelius, Rom, 168 nach Christus.

Das landläufige Bild der römischen Kaiser ist vielleicht übermäßig von den „schwarzen Schafen“ unter ihnen geprägt. Der irre Caligula und der vor der Kulisse des brennenden Roms seine Leier schlagende Nero sind einfach zu einprägsame Bilder. Die „guten Kaiser“, die es auch gab, geraten dadurch leicht in den Hintergrund. Dabei gibt es auch unter ihnen bemerkenswerte Gestalten. Vielleicht der interessanteste von ihnen ist Marc Aurel, der von 161 bis 180 regierte. Zum einen sticht er mit seinen ausgeprägten philosophischen Neigungen als Solitär heraus, zum anderen können wir ihn auch in seinen eigenen Schriften kennenlernen. Seine auf deutsch meist unter dem Titel „Selbstbetrachtungen“ bekannten philosophischen Aphorismen – die er bemerkenswerterweise auf Griechisch verfasste, nicht auf Latein – sichern ihm einen Platz in der Weltliteratur. Über die Jahrhunderte hinweg vertraute sich ein breites gebildetes Publikum der Weisheit Marc Aurels an. Noch ein bundesrepublikanischer Staatsmann wie Helmut Schmidt fand in diesen Maximen seit seinen Tagen als junger Wehrmachtsoffizier Anregung und Trost.

Eine neue Biografie aus der Feder des renommierten Althistorikers Alexander Demandt unternimmt es, diesen „Kaiser und seine Welt“ auch beim zeitgenössischen Publikum wieder bekannter zu machen. Herausgekommen ist dabei ein liebevoll gründliches Buch voller Sympathie für seinen Protagonisten. Wie es heute üblich ist, endet Demandt nicht mit dem Tod des Kaisers, sondern nimmt auch in den Blick, wie dessen Gestalt in späteren Jahrhunderten rezipiert wurde (vom Reiterstandbild vor dem Kapitol bis hin zu dem mit den historischen Tatsachen frei umgehenden Anthony Mann-Film „Der Untergang des römischen Reiches“). Die geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge in der Epoche des Kaisers werden hervorragend erklärt, darin eingeschlossen auch die Situation der damaligen Christen. Gelegentliche Kalauer („Was anderes konnte den Commodus inkommodieren?“) wirken nicht weiter störend.

Marc Aurel war ein ernsthafter Mann, der auf die ihm zuteilgewordene Kaiserwürde liebend gern verzichtet hätte. Aber niemand hatte ihn um seine Meinung gefragt, als er als Knabe von seinem Vorgänger Antoninus Pius adoptiert wurde. Im Zeitalter der „Adoptivkaiser“ zwischen Nerva und Marc Aurel war dies die übliche Form der Nachfolgeregelung, und sie ging mit einer langen Periode innerer und äußerer Stabilität einher. Erst Marc Aurel hatte wieder einen leiblichen Sohn, den er als Nachfolger designieren konnte. Dass der spätere Kaiser Commodus sich als eines der großen Scheusale der römischen Geschichte erwies, hat auf diese Entscheidung Marc Aurels in den Augen der Nachwelt einen gewissen Schatten geworfen. Manche dichteten Marc Aurels Gattin sogar einen Seitensprung an, um zu erklären, weshalb Commodus im Vergleich mit seinem Vater so sehr abfiel. Dass Marc Aurel selbst tyrannische Machtgelüste ganz fremd waren, beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass er in den Anfangsjahren seiner Regierung die Kaiserwürde freiwillig mit seinem Adoptivbruder Lucius Verus bis zu dessen Tod teilte. Eine solche Brüderlichkeit war untypisch für Rom, dessen Geschichte mit der Ermordung des Remus durch seinen Bruder Romulus begonnen hatte.

Die griechisch geschriebenen „Selbstbetrachtungen“ sind nicht die einzigen Zeugnisse aus eigener Hand, die wir von Marc Aurel besitzen. Daneben haben wir aus seiner Jugendzeit den lateinischen Briefwechsel mit seinem Rhetoriklehrer Fronto, der interessante Einblicke in das Alltagsleben am römischen Kaiserhof gewährt. Es ist ein beneidenswert gutes, von gegenseitiger Sympathie getragenes Lehrer-Schüler-Verhältnis, das in diesen Briefen sichtbar wird. Auf die Probe gestellt wurde es freilich, als Marc Aurel der Rhetorik den Rücken kehrte, um sein Leben der stoischen Philosophie zu weihen. Schon vor dieser entschiedenen Hinwendung zur Philosophie zeigte Marc Aurel asketische Tendenzen. Nur mit Mühe konnte seine Mutter den Zwölfjährigen überreden, nicht auf dem Fußboden zu schlafen. In seinen Selbstbetrachtungen gratuliert er sich dazu, sich nie zur Knabenliebe hergegeben zu haben und sich auch durch Frauen nur selten emotional verwirrt haben zu lassen.

Trotz seiner Liebe zur Weisheit: Ein waschechtes „Philosophenkaisertum“ konnte Marc Aurel in seiner Regierung nicht verwirklichen. Aber Demandt weist zu Recht darauf hin, dass ein solcher Versuch die Lebensdauer des Herrschers wahrscheinlich arg verkürzt hätte.

In seinem Inneren jedenfalls bewahrte Marc Aurel eine gesunde Distanz zu den mit politischer Allmacht verbundenen Versuchungen: „Sieh zu, dass nicht der Purpur deinen Charakter verfälscht, dass du nicht dem Cäsarenwahn verfällst, nicht verkaisert werdest“, rief er sich in seinen Aufzeichnungen zu. Und er hielt an einem Weltbild fest, in dem irdische Macht wenig, Weisheit aber alles bedeutet: „Alexander, Caesar und Pompeius, was sind sie gegen Diogenes, Heraklit und Sokrates.“ Und ganz im Einklang mit der stoischen Philosophie hielt er sich selbst zu gewissenhafter Pflichterfüllung an: „Spiele deine Rolle gut“ – und das ganz unabhängig davon, auf welchen Platz das Schicksal dich gestellt hat.

Die Situation der Christen war auch unter diesem milden und guten Kaiser oft prekär, wie die Märtyrerakten belegen. Demandt weist allerdings mit guten Argumenten nach, dass die Christenverfolgungen unter Marc Aurel nicht so heftig waren, wie oft angenommen wird. An der Realität vorbei gehen allerdings auch die Bemühungen christlicher Autoren, das Verhältnis zu dem im allgemeinen Gedächtnis positiv konnotierten Kaiser besser darzustellen als es wirklich gewesen war. Demandt beansprucht von vornherein nicht, grundstürzende neue Erkenntnisse zu Marc Aurel beizusteuern oder neue Deutungsansätze zu vertreten. Sein Buch ist eine solide und verlässliche Zusammenfassung dessen, was wir über diesen Kaiser wissen. Ihren besonderen Wert gewinnt sie durch die Darstellungsgabe und das stilistische Geschick ihres Autors. Eine so umfassende, auch für ein breites Publikum geeignete Biographie des „Philosophen auf dem Kaiserthron“ hat es lange nicht mehr gegeben, und Demandt setzt für die Zukunft Maßstäbe, die sich kaum übertreffen lassen dürften.

Alexander Demandt: Marc Aurel. Der Kaiser und seine Welt. C.H. Beck, München 2018, 592 Seiten, Leinen, ISBN 978-3-406-71874-8, EUR 32,–

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