Staat und Kirche

Kaiser und der Papst rangen um ihre Position

Zum 900. Geburtstag Kaiser Friedrichs I.: Er gilt als einer der mächtigsten Kaiser des Mittelalters. Mit seiner Idee des Kaisertums als dem Papsttum gleichwertige, ebenfalls von Gott verliehene Ordnungsmacht scheiterte jedoch Barbarossa: Den Investiturstreit konnte er nicht mehr rückgängig machen .
Schlafende Barbarossa(Detail), Kyffhäuserdenkmal von 1896
Foto: ar | Im 19. Jahrhundert wurde Barbarossa wiederentdeckt: Im Kyffhäuserdenkmal (Detail) von 1896 sind der schlafende Barbarossa und der Hohenzollernkaiser Wilhelm I.

Der alte Barbarossa,/ Der Kaiser Friederich,/
Im unterird’schen Schlosse/ Hält er verzaubert sich./
Er ist niemals gestorben,/ Er lebt darin noch jetzt.“

Die Sage von der Wiederkehr des Königs galt ursprünglich Barbarossas Enkel Friedrich II. (1194–1250), der als „stupor mundi“ („der die Welt in Erstaunen versetzt“) bekannt wurde. Spätestens im 16. Jahrhundert wurde sie jedoch auf Friedrich I. Barbarossa umgemünzt. Als einer der bedeutendsten Herrscher des Mittelalters wurde Barbarossa im Zuge der erstarkenden Nationalbewegung im 19. Jahrhundert wieder entdeckt. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 mit einem Hohenzollernkaiser wurde nach damaliger Vorstellung die Reichsgründung vollendet, die der Staufer im 12. Jahrhundert begonnen hatte. Der „schlafende“ Barbarossa wird zum Mythos: 1896 lässt Wilhelm II. das Denkmal auf dem Kyffhäuser errichten. Seitdem steht Barbarossa auf den Berg, schlafend in Stein gehauen.

So weit die Sage um den vor 900 Jahren um 1122 geborenen Friedrich. Er entstammte einer Sippe, die freilich erst später „Staufer“ genannt wurde. Friedrichs Großmutter Agnes war eine Tochter des salischen Königs Heinrich IV. und heiratete Friedrich, dem 1079 das Herzogtum Schwaben zugesprochen wurde. Damit begann der Aufstieg der Staufer. Auf ihn folgte der zweite Friedrich, „der Einäugige“, als Herzog von Schwaben, der Vater des späteren Kaisers.

„Das Kaisertum, wie es von ihm verstanden und vertreten wurde,
war der Neuordnung durch die Fürsten und ebenso dem Anspruch des Papstes
auf höchste Autorität am Ende nicht mehr gewachsen“

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Als Herzog Friedrich III. von Schwaben wurde Barbarossa 1152 zum König gewählt – als Nachfolger seines Onkels Konrad III. (1093/94 ?– 1152). Bei der Wahl Friedrichs leistete entscheidende Schützenhilfe ein weiterer Verwandter, der Herzog von Sachsen, der mit dem Namen Heinrich „der Löwe“ in die Geschichte eingegangen ist und als Gründer von Braunschweig und von München gilt. Denn Friedrich belohnte ihn, indem er ihm das bayerische Herzogtum übertrug. Jahrzehnte später kam es jedoch zum Zerwürfnis zwischen den Vettern: Heinrich fiel in Ungnade, wobei die Gründe dafür nicht ganz geklärt sind, und musste in die Verbannung, nachdem 1181 auf dem Reichstag in Erfurt seine Besitztümer aufgeteilt wurden.

Über Friedrichs militärische Erfolge und Niederlagen, etwa auf seinen Italienzügen, hinaus besitzt besonderes Interesse seine Auseinandersetzung mit dem Papsttum. Beim Investiturstreit des ausgehenden 11. und beginnenden 12. Jahrhunderts wurde im Wormser Konkordat von 1122 – dem Geburtsjahr Barbarossas – die Trennung zwischen Thron und Altar besiegelt. Damit wurde dem Kaiser der Rang als Stellvertreter Christi abgesprochen, den insbesondere die Ottonen beansprucht hatten. Stellvertreter Gottes auf Erden war von nun an nur der Papst. Nur er besaß als Nachfolger Petri mit göttlicher Autorität die Macht, auf Erden zu binden und zu lösen.

Die Spätantike beeinflusste die Herrschaft Barbarossas

Unter dem Titel „Das neue Programm der Heiligkeit“ führt Mediävist Stefan Weinfurter (1945–2018) aus, wie Barbarossa versuchte, dem entgegenzuwirken: Friedrich I. sei „von der Idee geleitet, dass das Ansehen des Reiches und des Kaisertums wieder erhöht werden müsse“. Er habe die Veränderungen überwinden wollen, die sich aus dem Investiturstreit ergeben hätten. Sein „Konzept des Kaisertums“ sei unmittelbar auf die spätantiken Kaiser zurückgeführt worden, um jede Abhängigkeit des Kaisers von der Gunst oder Ungnade des Papstes zu beseitigen.

Entscheidend in diesem Zusammenhang ist die „Sakralisierung“ des Reiches: Das Römische Reich Deutscher Nation erhält erstmals 1157 den Zusatz „Sacrum“ – seitdem verbreitete sich die Bezeichnung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“. In einem Brief des Kaisers an die Fürsten des Reiches, in dem er sie zur Heerfahrt gegen Mailand aufforderte, heißt es, Barbarossa halte „durch göttliche Vorsehung und Milde die Leitung der Stadt Rom und der Welt (urbis et orbis) in Händen“. Deshalb müsse er Sorge tragen für das heilige Reich und den göttlichen Staat: sacro imperio et divae rei publicae. Es ist das erste Mal, dass in einer Herrscherurkunde die Formel sacrum imperium verwendet wird. Dazu bemerkt Weinfurter: „Damit wurde nunmehr signalisiert, dass das Reich eine eigenständige und gleichwertige Heiligkeit gegenüber der sancta ecclesia, der heiligen Kirche, besitze.“ Die Wendung „heiliges Reich“ wurde zum Kampfbegriff gegen die Benennung „heilige Kirche“.

Der Kaiser als von Gott gegebene Ordnungsmacht

Camila Kaul interpretiert die Einführung des Begriffs „Sacrum Imperium“ in ähnlicher Weise: „Es ging ihm um eine völlig neue Stellung des Kaisers als eine von Gott gegebene Ordnungsmacht, die neben die kirchliche Ordnungsmacht gestellt würde.“

Zur Sakralisierung des Kaisertums passen zwei weitere Handlungen: Im Jahr 1164 „übertrug“ der Kanzler Barbarossas, der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, die Reliquien von drei Männern aus dem eroberten Mailand an den Rhein. Aus den „Sterndeutern aus dem Osten“ (Mt 2, 1) wurden die „Heiligen Drei Könige“.

 

 

Die Verknüpfung „heilig“ und „König“ findet sich ein Jahr später bei der Heiligsprechung Karls des Großen wieder: 1165 sprach Rainald von Dassel Karl in Aachen heilig. Bei der Gelegenheit schenkte Friedrich dem Aachener Münster den prächtigen „Barbarossa-Leuchter“. Ein durchaus gewollter Nebeneffekt: Damit wurde unterstrichen, dass Karl der Große ein deutscher und kein französischer Kaiser war, womit der Übergang der Erneuerung des römischen Reiches durch Karl den Großen an die deutschen Könige untermauert wurde.

Friedrichs Idee einer göttlich gegebenen, der kirchlichen Ordnung gleichwertigen Kaisermacht scheiterte jedoch: Nach der Schlacht von Legnano (1176), bei der die kaiserlichen Truppen gegen den Bund lombardischer Städte unterlagen, sowie dem Malariaausbruch bei Barbarossa und der damit verbundenen Furcht des Kaisers um sein Seelenheil, da er zu dem Zeitpunkt vom Papst exkommuniziert worden war, suchte Barbarossa eine Einigung mit Papst Alexander III., den er jahrelang bekämpft hatte. Im Vorvertrag von Anagni wurde festgelegt, dass Friedrich dem Papst die „geschuldete Ehrerweisung“ durch Zügel- und Bügeldienst, Fußfall und Fußkuss erweisen sollte. Am 24. Juli 1177 unterwarf sich Barbarossa Papst Alexander III. und erwies ihm die geforderten Ehrendienste. Damit wurde sichtbar, dass der Kaiser den Vorrang des Papstes anerkannte. Dafür bezeichnete ihn der Papst als „Sohn der Kirche“.

Am Ende nicht von Erfolg gekrönt

Stefan Weinfurter: „Von einer Gleichrangigkeit der Gewalten konnte keine Rede mehr sein. Das Kaisertum, wie es von ihm verstanden und vertreten wurde, war der Neuordnung durch die Fürsten und ebenso dem Anspruch des Papstes auf höchste Autorität am Ende nicht mehr gewachsen.“

Friedrich Barbarossa stirbt am 10. Juni 1190 auf dem Kreuzzug unterwegs nach Jerusalem beim Bad in einem kalten Gebirgsfluss. Obwohl die Ritter mit dem toten Barbarossa weiterziehen, verliert sich die Spur seines Leichnams im Wüstensand Palästinas. Der Versuch, den Investiturstreit rückgängig zu machen und den Kaiser neben dem Papst gleichwertig als von Gott gegebene Ordnungsmacht darzustellen, war an der Realpolitik, vielleicht aber auch deshalb gescheitert, weil dieser Kampf nach dem Wormser Konkordat bereits anachronistisch wirkte.

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