Aggression

„Kain und Abel ist unsere Wirklichkeit“

Sünde, Schuld, Hybris und Erlösung: Die Literaturtagung in Trumau zeigte anhand der Geschichte des Brudermords, wie zeitlos und aktuell die Themen der „Genesis“ sind.
Sibylle Lewitscharoff, Schriftstellerin
Foto: IMAGO / Sven Simon | Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff machte mit Shakespeare deutlich, dass menschliches Autonomiestreben leicht zum Bösen führe. Unser Bild zeigt die Georg-Büchner-Preisträgerin bei einer früheren Veranstaltung.

Wer hätte gedacht, dass ein Geschehnis aus dem tausende Jahre alten Buch der „Genesis“ dieser Tage von solch aktueller Brisanz werden würde? Zwischen Kain, der seinen Bruder Abel aus Eifersucht erschlägt, wird eine Parallele mit Russland gezogen, das seinen „kleinen Bruder“, die Ukraine, auslöschen will. „Das Blut des Bruders schreit vom Erdboden“ – so heißt es in einem Appell, den hunderte russisch-orthodoxe Priester unterzeichneten. Er ruft zu Beendigung des Krieges gegen die Ukraine auf. Angesichts der Aktualität des Themas kann man von Glück im Unglück sprechen, dass die Literaturtagung „Kain und Abel. Vom tragischen Moment: Katharsis und Erlösung“ auf Schloss Trumau in Niederösterreich aufgrund des Coronavirus um zwei Jahre verschoben werden musste und vergangenen Samstag nun stattgefunden hat.

Das Böse erscheint bei der Distanzierung zu Gott

„Kain und Abel ist unsere Wirklichkeit“. Davon ist auch Christiaan Alting von Geusau, der Rektor des „Internationalen Theologischen Instituts“ (ITI), der katholischen Hochschule, welches das Schloss Trumau beherbergt, überzeugt. Die biblische Geschichte zeige, was es bedeuten würde, sich vom Angesicht Gottes zu entfernen. Die Entfernung führe, laut Geusau, zu drei Taten: Zu Flucht vor der Verantwortung, zu Schweigen und zu der Schaffung einer künstlichen Welt. In seinem Impulsreferat stellte der Rektor zwei aktuelle „Kain und Abel-Situationen“ vor, in denen die Gesellschaft vor die Frage Kains „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ gestellt werde und wo die drei Auswirkungen der Entfernung von Gott zu spüren seien.

Das seien zum einen die europäischen Reaktionen auf den Krieg in der Ukraine. Die moralische Empörung sei gerechtfertigt, sollte aber, laut dem Rektor, Bescheidenheit in sich tragen. Ein Blick in die Geschichte Deutschlands und Österreichs reiche, um zu erkennen, dass Krieg und Ungerechtigkeit sich immer und überall wiederholen kann. Die zweite Situation sei das geforderte Recht auf Tötung in europäischen Staaten. „Hier ist die Geschichte von Kain und Abel mitten unter uns“, sagte der Rektor. Es sei eine Flucht vor der Verantwortung, dass die Gesellschaft noch keine adäquate Lösung auf das Leid der Frauen, die ungewollt schwanger sind, finden könnte.

„Um das Böse herum wehen verschiedene Winde:
Winde mit Gefahren im Schlepp, säuselnde Winde des Selbstbetrugs,
Stürme der offenen Aggression und der Lust am Verderben“

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Zum Auftakt der Veranstaltung wurde die Geschichte des Brudermords von dem Judaistikprofessor Bernhard Dolna entlang des hebräischen Textes interpretiert. Eine theologisch-philosophische Auslegung der Ereignisse im vierten Kapitel der „Genesis“ gab Pater Dominicus Trojahn. Der Heiligenkreuzer Zisterziensermönch vertritt die These, dass Gott selbst Kain in die Lage gebracht habe, aufgrund des nicht angenommenen Opfers böse zu werden und in Folge den eigenen Bruder zu ermorden.

Gott beginne hier, als der „ganz Andere“ zu erscheinen, der entgegen menschlicher Logik handeln würde, indem er, wie auch später bei dem Brüderpaar Esau und Jakob, sich gegen das von Menschen eingeführte Erstgeburtsrecht stelle und den Jüngeren, somit „das Schwache“, erwähle. Pater Dominicus schließt die Möglichkeit nicht aus, dass Kain in Wahrheit Gott habe töten wollen und nur auf Abel ausgewichen sei. Der Gottesmord sei Wesen jeder Sünde. Im Menschen liege die Tendenz, Gott abschaffen zu wollen und sein eigener Herr zu werden, referierte Pater Dominicus.

Menschliche Aggression gegen Gott entlädt sich in Übersprunghandlungen

Der Hang im Menschen, sich von Gott loszulösen und nach eigenem Gutdünken zu handeln, zieht sich bis in das fünfte Jahrhundert vor Christus, wo die griechische Tragödie ihren Ursprung hat. Anhand der Schriften des Sophokles und Platons zeigte der an der katholischen Hochschule ITI lehrende Philosoph Michael Wladika, wie die Dichter zu Schuld, Leiden und Reinigung standen. Die Schuld des Ödipus etwa sei nicht der unwissend begangene Mord am Vater gewesen, sondern dass er sein menschliches Wissen vom göttlichen abtrennte, indem er dem Orakel nicht glauben wollte. Schuld an dieser Trennung sei, laut Sophokles, die Hybris.

Wladika definiert Hybris als „die Tiefe vollständigster Alleinstellung des Menschen, des Sich-auf-sich-Stellens, … Um-sich-Kreisens“. Laut Sophokles finde eine Reinigung statt durch Leiden und Lernen. Autonom seien in Wahrheit nur die ewigen Gesetze Gottes. „Damit kooperieren die ganz großen Gestalten der griechischen Tragödien“, erklärte der Philosophieprofessor.

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Das Abbild menschlicher Abgründe

Eine literarische Sichtweise auf Kain und Abel, Autonomie und Hybris gab der Vortrag von Veit Neumann. Der Theologe stellte als Gegenstück zu Jean-Paul Sartre, der sich mit seinem Zitat „Die Hölle, das sind die Anderen“ von der christlichen Haltung abwandte, Christus im Anderen zu sehen, die katholische Schriftstellerbewegung „Renouveau catholique“ vor. Deren Vertreter würden sich als „christliche Humanisten“ begreifen. Trotzdem sehe François Mauriac, ein Repräsentant der Gruppe, vor allem das Scheitern des Humanen, wie auch des christlichen Miteinanders. Als Hoffnung bleibe bei ihm nur noch der Glaube. In der zeitlosen Geschichte von Kain und Abel seien menschliche Abgründe abgebildet.

Der Höhepunkt dieser fünften Literaturtagung war ein Vortrag der Georg-Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff, die aufgrund einer Multiple Sklerose Erkrankung per Zoom zugeschalten war. Ihr Vortrag war eine poetische Abhandlung über das Brüderpaar und über den Charakter des Bösen. Das Böse sei komplex, hätte verschiedene Schattierungen. „Um das Böse herum wehen verschiedene Winde: Winde mit Gefahren im Schlepp, säuselnde Winde des Selbstbetrugs, Stürme der offenen Aggression und der Lust am Verderben“, so beschrieb es die Schriftstellerin.

Bei Shakespeare sind die Unabhängigen die Schurken

Die Werke Shakespeares gäbe es nicht, würden die Menschen nur gut sein. Die Stücke des englischen Dichters seien deshalb so wirksam, weil er das Böse in all seinen „Verkleidungen und Maskierungen auf die Bühne rief“. Auch auf die Frage nach dem Auf-sich-selbst-gestellt-sein des Menschen ging die protestantische Autorin mit orthodoxen Wurzeln ein. „Reine Autonomie ist ein Traum des Bösen“, zitierte sie den britischen Literaturtheoretiker Terry Eagelton. In den Shakespeare-Dramen seien die Personen, die behaupten, von niemand anderem abhängig zu sein und ganz allein über ihr Schicksal zu gebieten, fast immer die Schurken.

Mit der Literaturtagung über Kain und Abel schließt der fünfteilige Urgeschichten-Zyklus nun ab. Christine Wiesmüller, die die Tagungen ins Leben rief, ist fasziniert von den „Sündenfallgeschichten“. „Diese Texte bergen ein ganz tiefes Wissen über den Menschen. Eigentlich ist in diesen Gleichnissen alles, was der Mensch wissen muss, aufgehoben“, sagt die promovierte Germanistin gegenüber der „Tagespost“. Im Gespräch mit Pater Dominicus entstand die Idee für eine Tagung, die jeweils ein Gleichnis der „Genesis“ „in die Mitte stellt, auf das dann alles andere konzentriert ist“. Wiesmüller, die selber am ITI arbeitet, sah als Ziel der Tagungen, dass wieder entdeckt werde, was die Texte „über den Menschen sagen, über sein Verhältnis zu Gott und zu sich selber“. Geplant ist, dass die Vorträge aller fünf Tagungen als Buch herausgegeben werden.

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