Jeder nach seiner Façon

Die Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, sind vielfältiger geworden. Multiple Identitäten, Fragmentarisierungen bestimmen das Leben in der Moderne. Dabei macht sich eine immer größere Verwirrung breit. Von Burkhardt Gorissen
Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, sind vielfältiger geworden
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Heute arbeitet kaum mehr jemand sein Leben lang in ein und derselben Firma, oft nicht einmal im selben Beruf. Wir leben im Transit. Das Leben als Kette von Durchgangsstationen. Familien setzen sich in wechselnden Konstellationen immer wieder neu zusammen. Dadurch scheint sich der individuelle Spielraum zu vergrößern. Auf Kosten zunehmender Verwirrung. Mit jedem Wechsel der Arbeit, des Wohnorts, der Familienstruktur ändert sich die Persönlichkeit. Es scheint keinen Halt mehr zu geben. Alles zerfließt in Beliebigkeit. Hinzu kommen neue Möglichkeiten, die eigene Identität flexibel zu gestalten. Wer bei Facebook ein Profil anlegt, kann zwischen mehr als 60 verschiedenen Geschlechtern wählen, Agender, Androgyn und Male to Female. „Girls will be boys and boys will be girls“, heißt es im Hauruck-Schlager der Kinks. Wie wahr. Festgesetzte Kategorien wie Männlich und Weiblich sind auf dem Altar des Genderwahns geopfert worden. Je mehr Lebenswelten wir betreten, desto mehr Facetten können wir entfalten. Doch was bringt uns das?

Unser Gehirn ist ein riesiger Datenspeicher. Farben, Bilder, Laute, Töne, Gefühle, Gerüche, Geschmacksvariationen, Informationen, Erinnerungen, Formen: alles ist dort abgespeichert. Viele Reize sammeln sich im Laufe unseres Lebens im Gehirn an, auch Glaubenssätze und Werte oder Auslöser von Phobien und Ängsten. Ein verwirrendes Chaos würde entstehen, wenn es nicht die Möglichkeit gäbe, abzuschalten. Doch wie ist es heute noch möglich? Ständig sind wir von neuen, immer rascher erfolgenden Impulsen gesteuert. Die ausufernde Informationsindustrie lebt davon, Schlagzeilen im Sekundentakt zu produzieren.

Brüche, Einschränkungen und Schmerz gehören zum menschlichen Leben. Die tiefen Gefühle, die dadurch ausgelöst werden, prägen den Betroffenen und verlangen nach einem ordnenden Prinzip, das das innere Gleichgewicht wieder herstellt. Der fragmentarische Charakter unseres Erdendaseins verlangt nach einer metaphysischen Ergänzung. Wir sind auf Zuwendung angewiesen. Es ist der barmherzige Samariter, der beschreibt, was Nächstenliebe wirklich ist. Kapitalismuskompatibel ist dieses Verhalten allerdings nicht.

Im theologischen Denken des Mittelalters stand am Anfang die paradiesische Natur des Menschen, seine constitutio. Darauf folgte das irdische Leben, geprägt von Verwirrtheit und Verlassenheit, der destitutio. Damit endete der Weg nicht, denn die Auferstehung, die restitutio bedeutete schließlich die Rückkehr in die paradiesische Ganzheit. Mit der Säkularisierung zu Beginn der Neuzeit wurde diese Wiedergeburt im Diesseits angestrebt. Zugleich manifestierte sich die Selbstbestimmung des Menschen als christfernes Glaubensbekenntnis. Die Renaissance war nicht nur das Wiederaufkommen der Antike; der Mensch, von nun an Mittelpunkt allen Seins, opferte den Göttlichen Funken zugunsten einer Wiedergeburt im Diesseits. Die Wissenschaften gewannen aus der Verherrlichung des Hier und Jetzt ihre unaufhaltsame und grenzenlose Dynamik, die sie nicht nur zum Motor des Fortschritts machten. Francis Bacons Zwiebackkind-Parole: „Wissen ist Macht“ gaukelte vor, die Menschheit würde ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufbrechen. Verwirrender noch René Descartes‘ Fazit: „Der Mensch ist der Herr und Schöpfer der Natur“ („maître et possesseur de la nature“) – ein Wissenschaftsbonmot anthropologisch flach und von illusionärer Bleichsucht. Eine Perspektive zudem, die nicht gerade ein leidenschaftliches Engagement für Jesus, den man bis dahin als Retter erkannte, hervorrief. Stattdessen wuchs den Wissenschaften ein fast metaphysisch anmutendes, sinnstiftendes Charisma zu, das maßgeblich zur Verwirrung unserer Tage beiträgt. Verstärkt wurden vor allem Gier und Begierde, die Illusion kam auf, für immer jung zu sein, um sich allen irdischen Freuden hingeben zu können. „Der Jungbrunnen“ von Lucas Cranach ist nicht nur Bild, sondern zugleich Zeitdiagnostik und Zukunftsvision, die bis in unsere Tage hinausgreift.

Ego, Geld und Eitelkeit bestimmen das Leben. Alles ist relativ geworden. Jeder nach seiner Façon, erlaubt ist, was gefällt, das Chamäleon ist der Wappenvogel des narzisstischen Zeitalters. Die spirituelle Malaise drückte sich nirgends deutlicher aus als in den sogenannten „sozialen Medien“. Wer sich selbst nicht mehr spüren kann, teilt sich auf Twitter, Instagram oder Facebook mit. Der Mensch reduziert sich selbst zu einer Maschine und sucht im philosophischen, soziologischen, anthropologischen und politischen Diskurs eine Ausweichmöglichkeit aus der selbstverschuldeten Technikgläubigkeit. Doch die Entwicklung der letzten Jahre führt zur Auflösung der Privatheit, die seinerzeit im Code Civil als große Errungenschaft gefeiert wurde. Was unsere mediale Welt bestimmt, ist narzisstischer Exhibitionismus. In Onlineforen finden sich Gleichgesinnte für Rollenspiele oder für den fachkundigen Austausch über Autoreparaturen oder die artgerechte Haltung von Geckos. Der technische Fortschritt, hat eine vielfältige Welt erschaffen und damit den aufgeklärten Citoyen mit multipler Identität. Im Extremfall beginnt die Fragmentierung schon vor der Geburt: Manche Kinder haben mehr als zwei Eltern, eine Mutter, einen sozialen Vater und einen Samenspender. In den USA kann man schon seit einigen Jahren Embryonen anderer Menschen adoptieren und selbst austragen. Wie soll ein Kind da seine Identität definieren? „Tumult im Kopf, Krawall im Herzen“ (Octavio Paz), Slogan einer atomisierten Welt, die sich nach einer kindlichen Ganzheit sehnt.

Die Verknüpfung widersprüchlicher Fragmente hat zu einer intellektuellen Wahrnehmungsstörung geführt. Insofern ist nicht erstaunlich, dass wir Widersprüche nicht mehr als solche wahrnehmen: Wir reden von Nachhaltigkeit, tragen Ökomode zur Schau, aber fliegen für einen Shopping-Trip um die halbe Welt. Wir reden von Lohngerechtigkeit, aber kaufen Waren, die von Kindern für einen Hungerlohn produziert wurden. Manchmal scheint es so, als wechselten unsere Ansichten vor allem mit dem Sättigungsgefühl. Vor allem zerbricht der fragmentierte Citoyen an der postmodernen Illusion, er sei der Meister seines eigenen Schicksals, ohne zu vergegenwärtigen, dass der Glaube an Gott nicht unbedingt in Wohlfühloasen endet. Jedoch die Möglichkeit, „Die dunkle Nacht der Seele“ (Johannes vom Kreuz) am eigenen Leib zu erfahren, wirkt auf eine spaßwütige Gesellschaft weniger attraktiv als die Aussicht auf das wochenendliche Kampftrinken. Wer die totale Freiheit als höchstes Gut setzt, ohne den Heilsplan Gottes zu berücksichtigen oder wenigstens als Möglichkeit zu akzeptieren, rutscht haltlos den steilen Abhang des Relativismus hinunter, ohne die ethischen und moralischen Herausforderungen, die die nahe Zukunft bringt, auch nur annähernd auf seiner Agenda zu haben.

Wir versinken immer tiefer in einem ruinösen Materialismus. Finanzjongleure, die ganze Bankenimperien ruinieren. Finanzmärkte, die mehr nach der Chaos-Theorie zu funktionieren scheinen, als nach seriösen Geschäftsgrundlagen. Börsengurus, die nur eins im Sinn haben: das schnelle Geld. Wenn im realexistierenden Neoliberalismus nur das verlogene Ethos des Geldes zählt, ist der Tanz um das Goldene Kalb jener Tanz auf dem Vulkan, der die Wirtschaftssysteme der Welt komplett zerrütten wird. Schlagworte von einer mobilen Gesellschaft können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das VW-Desaster, das DB-Desaster (Stuttgart 21), der BER-Flughafen keine hochgespielten Schimären sind, sondern zu den antagonistischen Widersprüchen im Imperialismus gehören.

Dabei gehört es zur Schizophrenie des derzeitigen Denkens, Aktiengewinne über Menschlichkeit zu stellen. Seit der „Geiz ist geil“-Kampagne verhärten unsere Herzen. Narzissmus, Selbstsucht und Eitelkeit tragen zur Verwirrung bei. Wenn die kosmopolitische Welt der Eliten kaum mehr ist als ein Schmelztiegel von Exzentrikern, Snobs, Parvenüs und Staffagen, die sich meilenweit vom normalen Leben entfernt haben, offenbart sich darin nicht deren Erhabenheit, sondern Verblendung. Die Methode ihrer Erkenntnisverweigerung ist, tabuisierte Gedankeninhalte, wie Nächstenliebe oder kindliche Gläubigkeit, zu unterdrücken. Und zwar so, bis die objektive Ichzuspitzung, die seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts die Menschen der westlichen Welt beherrscht, eine maximal potenzierte Egomanie hervorbringt. So ist auch diese Verirrung nur Abglanz unserer vergehenden Kultur. Nicht mehr als ein Widerschein einer von Dekadenz gekennzeichneten Welt, ohne geistiges Ergebnis, ohne Ertrag, ohne Selbsterkenntnis, ohne tieferes Verstehen. Wer jede Form des Christentums in der voraufklärerischen Steinzeit verortet, verliert nun mal das Gespür für die Ästhetik der Wahrheit.

Die vielfältigen kulturellen, machtpolitischen und zivilisatorischen Strategien, deren konzeptionelle Umsetzung wir nicht erst seit der Flüchtlingskrise sehen, geben einen Vorgeschmack auf die künftigen Entwicklungen, die am Reißbrett für eine neue Weltordnung entstanden sind. Doch liegt darin die Lösung? Um die Verwirrung zu beseitigen, wird kein Weg daran vorbeiführen, eine neue, globale Friedensordnung zu gestalten, die nicht von ideologischen Ideen oder antichristlichen Visionen und Utopien beherrscht wird, sondern vom Glauben „an den wahren Gott“, wie Paulus es auf dem Areopag sagte. Dazu braucht es Lebensmut, -kraft und -einsicht – und den Mut, durch die Verwirrung zu gehen. Dieser Weg kann für gläubige Menschen auch läuternd sein.

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