Japan beginnt eine neue Zeitrechnung

Am 1. Mai besteigt Kronprinz Naruhito den japanischen Thron, sein Vater Akihito wird „Imperator emeritus“. Von Sebastian Krockenberger
30. Jubiläum der Thronbesteigung Kaiser Akihito
Foto: dpa | Welche Akzente setzt das neue Kaiserhaus? Kaiser Akihito tritt zurück, sein Sohn Naruhito wird sein Nachfolger.

Japan steht vor bedeutungsschwangeren Tagen. Am 30. April 2019 wird der 86-jährige Kaiser Akihito abdanken, Grund ist seine schwache Gesundheit. Nach dem Tod seines Vaters Kaiser Hirohito, der im Zweiten Weltkrieg an der Spitze Japans stand, bestieg Akihito am 7. Januar 1989 den Thron. Sein Sohn Naruhito (59 Jahre) wird am 1. Mai 2019 unter der Devise „Reiwa“ den Thron besteigen.

Die Geschichte des japanischen Kaisertums reicht weit in die Vergangenheit zurück. Eine alte chinesische Chronik, das „Wei Zhi“, berichtet von Königin Himiko, die in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts nach Christus in Japan herrschte, sich mit dem „Weg der Dämonen“ beschäftigte und durch magische Kräfte herrschte. Die Gedichtsammlung „Man?yôshu“ stellt Tenmu-Tenno, der im siebten Jahrhundert herrschte, als Gott dar. Die Herrscher wandelten sich von bloßen Beherrschern des Heiligen zur Verkörperung des Heiligen selbst, schreibt Brett L. Walker in „A Concise History of Japan“. Jito wurde als erste Herrscherin ab Ende des 7. Jahrhunderts als Tenno, „Himmlischer Herrscher“, bezeichnet.

Durch die Geschichte hindurch hat sich der Tenno immer wieder wie Proteus in Gestalt und Erscheinung gewandelt. Lange Zeit diente der Buddhismus zur Legitimation des Amtes. Doch immer wieder erscheint die Hinordnung des Tennos auf die Götterwelt Japans als Merkmal der Institution. Herrschaft durch rituelle Koordination war das Mittel der Wahl in den Anfängen der japanischen Monarchie, wie Joan R. Piggott das in ihrem Werk „The Emergence of Japanese Kingship“ ausführlich darstellt. Durch die Geschichte Japans hindurch wird diese Art von Herrschaft durch Rituale immer wieder sichtbar. Bald entglitt den Kaisern die tatsächliche Macht. Schwiegerväter, abgedankte Kaiser, Regenten und schließlich die Shogune übten die Macht aus. Der Shogun Tokugawa Ieyasu (1543–1616) wies dem Kaiserhof in Kyoto die Kultur und Religion zu, regiert wurde das Land von Edo aus, dem heutigen Tokyo.

Mit der Modernisierung Japans Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Tenno zur ideellen Achse des japanischen Staates ausgebaut, der damalige Staatsmann Ito Hirobumi (1841–1909) war eine der treibenden Kräfte. Da die japanische Führungsschicht das Christentum als die bestimmende Dynamik der westlichen Mächte sah, sollte dem Christentum die Verehrung des Tenno entgegengesetzt werden. Schon der Shogun Toyotomi Hideyoshi hatte in einem Edikt zur Verfolgung der Christen von 1587 erklärt, dass Japan das „Land der Götter“ sei. Ende des 19. Jahrhunderts wurde betont, dass der Tenno an der Spitze der Götterverehrung steht, seine Göttlichkeit wurde her-ausgestellt. Um den Tenno herum wurde der volkstümliche Geisterglaube Japans zum Staatskult ausgebaut. Die Bezeichnung Staatsshinto wird in der Forschung dafür verwendet.

In seinem Werk „Shintô und die Konzeption des japanischen Nationalwesens (kokutai)“ beschreibt Klaus Antoni Japan in dieser Zeit als „ein besonders prägnantes Beispiel für einen in jener historischen Situation weltweit wirksamen Prozess, der aus dem Kontext der Nationalstaatsbildungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts her-aus zu begreifen ist. Die Manipulation, ja Neuschaffung von Traditionen bildete einen grundlegenden Faktor in dieser Entwicklung.“ Die Verbindung von Shinto und Politik erwies sich als verhängnisvoll, sie trieb Japan in radikalen Nationalismus, der zur Niederlage im Zweiten Weltkrieg führte. Unter der US-amerikanischen Okkupation bekam Japan eine neue Verfassung, nach welcher der Kaiser nur noch ein repräsentatives Staatsoberhaupt war. Nach der Verfassung ist der Kaiser „Symbol des Staates Japan und der Einheit des japanischen Volkes“. Japan wurde parlamentarische Monarchie. Die englische Monarchie war jetzt das Vorbild, auch in der Erziehung des jungen Akihito.

Als er 1989 den Thron bestieg, füllte er diese Rolle eines Monarchen in einer parlamentarischen Monarchie voll und ganz aus. Er betonte die Nähe zu den Menschen. Bei Naturkatastrophen besuchte das Kaiserpaar die Unglücksgebiete und suchte, den Menschen Trost zu spenden. Akihito erfreut sich großer Popularität.

2016 brachte Kaiser Akihito durch eine Fernsehansprache den Wunsch zum Ausdruck, dass er zurücktreten wolle. Ein Sondergesetz wurde verabschiedet. Seit über 200 Jahren ist das der erste Rücktritt eines Kaisers. National ausgerichtete Kreise tun sich schwer mit der Abdankung, denn die Abdankung nimmt dem Amt einen guten Teil seiner mystischen Entrücktheit. Die rituelle Thronbesteigung wird im Herbst stattfinden. Die Tradition des Amtes kommt in diesen Zeremonien zum Ausdruck, auch wenn die Wichtigkeit dieser Zeremonien erst Ende des 19. Jahrhunderts mit der Modernisierung Japans ihre jetzige große Bedeutung bekommen haben.

Geraten Politik und Kaiserhof in Konflikt?

„Sokui no rei“ heißt die formelle Thronbesteigung, bei der Gäste aus der ganzen Welt geladen sind und die Thronbesteigung proklamiert wird. Eine weitere Zeremonie sorgte schon bei der Thronbesteigung von Akihito für Kontroversen. Der Tenno feiert jedes Jahr im Herbst eine Art Erntefest, das „Kosten des neuen Reises“, bei dem Reis den Göttern dargebracht wird. Die erste Feier dieser Zeremonie ist das Daijosai, das „Große Kosten“, bei der der Tenno das erste Mal durch das Reis-Opfer in Kommunion mit der Sonnengöttin Amaterasu Omikami und anderen Göttern tritt. Laut der japanischen Verfassung sind Staat und Religion strikt getrennt, deshalb ist die Finanzierung der Feier aus staatlichen Mitteln umstritten. Nelly Naumann beschrieb in ihrem zweibändigen Werk „Die einheimische Religion Japans“, wie das Daijosai aus der chinesischen Tradition kam und in der Vergangenheit nicht durchweg den Stellenwert hatte wie heute.

Die offizielle vom Hofamt bekanntgegebene englische Übersetzung von „Joko“, des Titels nach der Abdankung, wird „Emperor Emeritus“ heißen. Der Bezug zum „Papa emeritus“ liegt auf der Hand. Das nährt die Spekulationen, inwieweit der Papstrücktritt ein Vorbild für Akihito bei seiner Entscheidung zur Abdankung war. Auf jeden Fall ist es ein Verweis auf die religiöse Bedeutung des Amtes. Obwohl die japanische Verfassung säkular ist und die Trennung von Religion und Politik vorschreibt, amtiert der Tenno als Priesterherrscher Japans.

Welche Akzente wird der künftige Kaiser Naruhito setzen? Wird Naruhito ein ähnliches Fahrwasser wie Papst Franziskus einschlagen und das Zeremoniell am Kaiserhof lockern? Sein Vater Akihito hat die Nähe zu den Menschen gesucht. Beide wollen keine religiöse Überhöhung des Amtes. Die Ehefrau von Naruhito ist Masako, eine ehemalige Diplomatin, die für den Kronprinzen eine vielversprechende Karriere aufgegeben hat. Der Kronprinz hatte sich bewusst für diese Frau entschieden, doch sie hat viel unter der Enge am Kaiserhof gelitten. Dem entgegen steht die nationalistische Identitätspolitik von Premierminister Abe Shinzo, der durch gezielte Auftritte seine Nähe zum Shinto demonstriert.

Im vergangenen Jahr kritisierte Prinz Akishino, der Bruder von Naruhito und künftige Kronprinz, dass das Daijosai aus öffentlichen Mitteln bezahlt werde. Da es ein „hoch religiöses Ritual“ sei, solle es aus dem Privatbudget des Kaisers bezahlt werden. Obwohl mit Prinz Hisahito, dem Sohn von Prinz Akishino, die Thronfolge gesichert ist, könnte der Konflikt um die weibliche Thronfolge wieder aufflammen. Denn Naruhito und Masako haben lediglich eine Tochter. Zwar saßen in der Geschichte des Kaiserhauses auch Frauen auf dem Thron, doch wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Anlehnung an die europäischen Herrscherhäuser die rein männliche Thronfolge festgelegt. Die kaiserliche Familie ist zwar den Traditionen am Hof verpflichtet, doch scheint sie eher in eine kosmopolitische Richtung zu tendieren. Premier Abe hingegen ist den shintoistisch und national ausgerichteten Kräften zuzurechnen, die den Kaiser in einer traditionellen und stark religiösen Rolle sehen wollen. Ein Konflikt um die künftige Bedeutung des Tennos und damit des gesamten Staatsverständnisses deutet sich an.

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