Ist die autonome Moral im christlichen Kontext widerlegt?

Werner Theobalds Buch „Ohne Gott?“ weist nach, dass Religion die entscheidende Wurzel der Moral ist

Unzählige Theologen haben mit Alfons Auers Buch „Autonome Moral und christlicher Glaube“ theologische Ethik studiert. Auer (1915–2005) lehrte als Professor für Moraltheologie an den Universitäten Regensburg und Tübingen. Das genannte Lehrbuch (Erstauflage 1971) gilt bis heute als Standardwerk einer modernen, zeitgemäßen theologischen Ethik. Der Autor dieser Rezension, selbst Moraltheologe, hat das Buch von Werner Theobald auf dem Hintergrund der Thesen Auers gelesen.

Ausgangspunkt der Überlegungen Auers ist die Forderung, dass das Nachdenken über moralische Fragen „autonom“, das heißt, unabhängig von bestimmten Glaubenshorizonten, ansetzen muss, um vernünftig mitteilbar, wie er sagt, „rational kommunikabel“, zu sein. Die Autonomie der Moral ist, so Auer, auch für den Theologen nicht nur ein möglicher, sondern zumindest in der heutigen Gesellschaft der einzig sinnvolle Ansatz. Auer führt einen sachlichen (die Autonomie der Moral) sowie einen aktuellen (die Ermöglichung der Kommunikation mit einer weltanschaulich pluralen Gesellschaft angesichts neuer Fragen, die aufgrund des Fortschritts von Wissenschaft und Technik entstehen) Grund für seine Konzeption an. Beides klingt sehr plausibel.

Auers Buch spiegelt, auch wenn es nicht unumstritten ist, den Mainstream der gegenwärtigen katholischen theologischen Ethik, zumindest im deutschen Sprachraum, wider. Die Enzyklika Veritatis splendor von Papst Johannes Paul II. von 1993 hatte sich zwar kritisch mit dem „Autonomismus“ in der Moraltheologie auseinandergesetzt. Aber die Vertreter der autonomen Moral fanden sich mehrheitlich von der päpstlichen Kritik nicht getroffen. Das war unter anderem deswegen möglich, weil das päpstliche Lehrschreiben Positionen benennt und zurückweist, aber keine Namen erwähnt. Daneben kritisiert die Enzyklika den „Teleologismus“, die Überbewertung der Folgen bei der Beurteilung von Handlungen.

Bleiben wir noch bei Auer. Seine Hauptthese fordert die Rationalität, die Vernünftigkeit moralischer Normen. Die christliche Botschaft zeitigt nach Auer keine konkreten material-ethischen Weisungen im Hinblick auf das menschliche Weltverhalten; deren Findung ist für ihn Sache der gesellschaftlich-geschichtlichen Vernunft. Wohl aber stellt nach Auer die christliche Botschaft den Glaubenden in einen neuen „Sinnhorizont“.

Noch einmal: Auer fasst das zusammen, was die Mehrheit der katholischen Moraltheologen im deutschen Sprachraum denkt. Strittig ist in moraltheologischen Fachkreisen nicht, dass es einer letzten religiösen Begründung der Moral bedarf. Die Absolutheit moralischer Forderungen ist ein Indiz dafür. Ob aber Auers Begriff des „Sinnhorizonts“ dafür ausreichend ist, kann hier offenbleiben. Kontrovers bei den Moraltheologen ist allerdings, ob sich die religiöse Letztbegründung der Moral bis hinein in konkrete Handlungsregeln auswirkt. Mit anderen Worten: Ob es unterscheidend christliche Normen gibt.

Was trägt nun das Buch von Theobald für die Beantwortung dieser Frage bei? Ein instruktives Beispiel Theobalds stammt aus der bioethischen Debatte. Eine zentrale hier erörterte Frage ist die nach dem sogenannten moralischen Status von Embryonen. Aus diesem wiederum ergeben sich rechtliche Konsequenzen. Theobald zitiert die Instruktion „Donum vitae“ der Kongregation für die Glaubenslehre aus dem Jahr 1987: Jedes menschliche Wesen muss vom ersten Augenblick seines Lebens als Person geachtet werden. In Anlehnung an den australischen Moralphilosophen Peter Singer greift Theobald nun folgende Fragen auf: Kann man ein Wesen sinnvollerweise als „Person“ bezeichnen, das – wie ein Embryo – nachweislich (und unstrittig) nicht über Selbstbewusstsein, Rationalität oder Autonomie verfügt? Machen nicht gerade erst diese Attribute das biologische Wesen „Mensch“ zu dem, was man „Person“ nennt? Auf den ersten Blick scheint dieser in Frageform formulierte Einwand gegen „Donum vitae“ berechtigt zu sein. Die genaueren und tieferen Überlegungen Theobalds zeigen jedoch, dass der Einwand nicht trägt. Tatsächlich ist, wie Theobald überzeugend herausarbeitet, „Person“ kein empirischer, sondern ein normativ-religiöser oder metaphysischer Begriff. Analoges gilt für den Begriff der Menschenwürde, den Theobald ausführlich behandelt. Ohne ihre metaphysischen und religiösen Wurzeln ist die Menschenwürde nicht zu begreifen. Christlich gesehen ist die Würde des Menschen in seiner Gottebenbildlichkeit und in der Menschwerdung Gottes begründet. Die aktuelle politische Diskussion über den Umgang mit embryonalen Stammzellen gibt Theobald Recht. Die Position, die den Embryo, gleich wie er entstanden ist, aufgrund seines moralischen Status rechtlich schützen will, lässt sich rein rational ganz offensichtlich nicht vollständig begründen und vermitteln. Die Befürworter eines sogenannten Verbrauchs von Embryonen sind, um es ganz einfach zu sagen, weder dumm noch bösartig. Aber sie teilen augenscheinlich nicht die religiösen oder metaphysischen Wurzeln, aus denen sich die Gegenposition speist, die den Embryo als Person wegen seiner Menschenwürde schützen will.

Kommen wir noch einmal zurück zum Ausgangspunkt, zu Auers Behauptung, der christliche Glaube habe keine inhaltlichen Konsequenzen für die Findung und Begründung von konkreten ethischen Normen. Theobalds Beispiel der Embryonen – er nennt weitere: etwa das Verbot des Organhandels, der Folter oder der Sterbehilfe – zeigt, dass die autonome Moral im christlichen Kontext am Ende ist. Es sind vor allem die neuen Handlungsmöglichkeiten im Bereich der Biologie und der Medizin, die Auers These widerlegen.

Auch wenn Theobald Auer nicht erwähnt, liest sich sein Buch doch wie eine Kritik an ihm. Der Versuch des Menschen, so schreibt Theobald, von sich aus, ohne Rückbeziehung (religio) oder Rücksicht auf Gott, das Wissen über Gut und Böse zu erlangen, wurde mit der Vertreibung aus dem Paradies bestraft. Was manche Moraltheologen intuitiv gespürt oder vermutet haben, ist nun demonstriert. Die christliche Position wird damit freilich nicht widervernünftig, auch das zeigt Theobald. Aber die Kommunikation mit einer, um noch einmal Auer zu zitieren, weltanschaulich pluralen Gesellschaft bedarf größerer kirchlicher und theologischer Anstrengungen als bislang angenommen.

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