„In Gott kommt die Sprache zu sich selbst“

Martin Walser über seine Bücher, in denen die Transzendenz buchstabiert wird – Ein Besuch. Von Ilka Scheidgen
Martin Walser
Foto: dpa | Die Erfahrung des Glaubens ist für sein Werk elementar – Martin Walser vor der Wallfahrtskirche Birnau am Bodensee.

Von der Klosterkirche Birnau, diesem barocken Juwel hoch über dem Bodensee gelegen, ist es nur einen Steinwurf weit entfernt zu Martin Walsers Haus in Nußdorf. Trotz kalendarischem Frühjahr ist die Landschaft in winterliches Weiß getaucht. Martin Walser hat mich noch einmal zu einem Gespräch in sein Haus eingeladen. Und wieder sitzen wir in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf „seinen“ See, der ihn sein Leben lang, seit seiner Geburt in dem kleinen Ort Wasserburg vor 91 Jahren, geprägt hat. Wir wollen über seine letzten Bücher sprechen, und natürlich wird es ein Gespräch über „Gott und die Welt“, wobei Gott den unleugbar größeren Anteil haben wird.

Noch druckfrisch in meinem Gepäck habe ich Walsers neuen Roman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ und eine Hommage an Martin Walser mit dem Titel „Der erste unserer Sprachmenschen. Neue Einsichten zum Werk von Martin Walser“, das, wie mir Martin Walser erzählt, kürzlich am Vorabend von seinem 91. Geburtstag in der Städtischen Galerie an der Seepromenade in Überlingen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, wobei sein Freund Arnold Stadler seinen Beitrag aus diesem Buch las. Über diese Würdigung können wir auch sogleich einsteigen in unser Gespräch. Stadler kennzeichnet Martin Walsers Schreiben als ein „großes Jasagen“, bewundert an ihm sein Rühmungsvermögen, wiewohl er doch mit ihm weiß, dass alles gespeist ist von einem großen Schmerz: „Mich schmerzt dein Schmerz. Das ist wohl der cantus firmus: die durchgehaltene Stimme oder darf ich das sagen: der Walserton.“

Martin Walser bestätigt das, wenn er vom „Unglücksglück“ spricht und zu mir sagt: „Meine Arbeit im Schreiben ist, etwas schöner zu sagen, als es ist. Also: auch wenn ein Roman ganz unglücklich aufhört oder tragisch, dann wirft er dennoch einen weißen Schatten, weil man nicht von der dunklen Inhaltlichkeit bestimmt ist, sondern von der Art, wie es geschrieben ist.“ Auch bei unserem ersten Gespräch hat Martin Walser schon das Bild vom weißen Schatten gebraucht. „Die Welt müsste einen weißen Schatten werfen“, sagte er damals und erklärt jetzt „Und weil sie es nicht tut, da das nicht der Fall ist, deshalb schreibt man!“ Aber seit kurzem habe er eine neue Lieblingsformulierung: „Die Literatur erklärt nicht, sie verklärt.“

Adalbert Stifter, mit dessen Lektüre der junge Martin Walser aus dem Krieg heimgekehrt war, hat diesen Satz formuliert: „Ich gebe den Schmerz nicht her, weil ich sonst das Göttliche hergeben müsste.“ Was wiederum zu Walser passt, denn von Gott hat er schon immer gesprochen und geschrieben, auch wenn es ihm, wie er erzählt, lange gar nicht so recht bewusst gewesen war, wie oft in seinen Büchern Gott schon immer aufgetaucht ist. Da mussten ihn erst andere darauf aufmerksam machen. Und so richtig zum Thema geworden sei es ihm erst, als er Karl Barth gelesen habe. „Ich kannte ihn natürlich, weil er immer wieder zitiert wird.“ Aber erst spät hat er dessen opus magnum „Der Römerbrief“ gelesen. Voller Emphase sagt er: „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein Theologe so fesselnd, so hinreißend schreibt. Kein bisschen trocken!“ Barth selbst habe sogar geschrieben, Theologie müsse Erzählung sein. Und deshalb hat Walser ihn auch mit Nietzsche und Kierkegaard zusammenbringen können. „Für die meisten Menschen sei ja Nietzsche ein klarer Fall, nämlich der, der gesagt habe, Gott ist tot, und kaum einer bedenkt, wie sehr er mit dem Thema gekämpft hat!“

„Natürlich“, fährt Walser fort, „kommt Nietzsche auch bei Karl Barth vor. Und da bin ich hineingezogen worden wie nie zuvor in die Gottesproblematik.“ Diese seine Begeisterung hat Walser in sein Buch „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ (2012) einfließen lassen. Wie Walser immer wieder und zuletzt immer öfter betont: „Ohne Gott fehlt mir etwas“ – zuletzt noch in dem Gesprächsbuch „Das Leben wortwörtlich“ (2017). „Es ist mir unbegreiflich, wie man gegen den Horizont, auf den hin alles entstanden ist, ausrufen kann: Gott gibt es nicht!“ „Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazu sagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung“, schreibt Martin Walser in „Rechtfertigung“.

Ohne die Erfahrung des Mangels keine Romane

Und in seine Tagebücher hat er schon 1981 notiert: „Gott ist wahrscheinlich das reinste Wort, das es gibt. Die pure Wortwörtlichkeit. Das vollkommene Sprachwesen. Das Sprachliche schlechthin. In GOTT kommt die Sprache zu sich selbst.“ Und deshalb glaubt der Sprachmensch Martin Walser, dass diese Leere, die es nur für Menschen gibt, denen Gott fehlt, in der Welt der Atheisten keinen Platz hat.

In unserem Gespräch sagt Walser, dass er zwischen Theologie und Literatur keinen Unterschied sehe. Denn die Erfahrungen, auf denen beide aufbauen, seien dieselben. Da seien in erster Linie die Einsamkeit und die Verlassenheit. Barth hat einmal gesagt, Theologie schwebe in der freien Luft. Wenn er aus dem Fenster schaue, dann erfahre er manchmal diese Gegenwärtigkeit, das, was in „Statt alles“ gleich mehrfach auftaucht mit dem Satz „Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt“ und auch beim Schreiben selbst. Oder der Vogel im Flug. Bei Karl Barth ein Bild für den Glauben: „Die Idee von etwas Kommenden, die Bewegung auf etwas hin.“ Und Martin Walser über Gott: „Die reine Metapher. Aber für alles.“ Könnte es Dichtung schöner ausdrücken als so: „Tal der grünsten Zärtlichkeit, als ein Gebirge der reinen Güte“, das ist kein Psalm, das ist O-Ton Martin Walser.

Martin Walser fühlt sich zuständig für den Schmerz in seinen vielfältigen Ausprägungen, den „Hoffnungsschmerz“ und den „Sehnsuchtsschmerz“ und natürlich auch den „Liebesschmerz“ wie auch für den Mangel – „Der Mangel ist meine Muse“ hat er in unserem ersten Gespräch gesagt. Und sagt es auch jetzt: „Ich schreibe, weil mir etwas fehlt. Und wenn ich es dann hingeschrieben habe, ist der Mangel kleiner geworden, habe ich auf den Mangel geantwortet. Und dadurch ist die Welt ein wenig schöner geworden. Sollte es einmal keine Bedürfnisse, keinen Mangel mehr geben“, sagt er halb verschmitzt, „dann gäbe es keine Romane mehr.“ Obwohl: Er kann sich für den Moment gar nicht vorstellen, wie man das Leben aushalten kann, ohne Romane zu schreiben.

Sein neuer Roman heißt „Gar alles“ und erinnert mit diesem Titel an den letzten Roman „Statt etwas“, auch wenn er sich von jenem stark unterscheidet. „Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird“, so beginnt Walsers Roman „Ein springender Brunnen“ (1990), diese nur wenig verschlüsselte Erinnerung an seine Kindheit. Durch seinen Vater erfuhr der kleine Martin, dass Sprache etwas Staunenswertes sei, denn der schenkte ihm einen „Wörterbaum“. Und von dessen Früchten ernährt er sich nun schon ein langes Dichterleben lang. In seinem neuen Roman geht es vordergründig um einen Mann, der behauptet, zwei Frauen gleich zu lieben und nun auf der Suche ist nach einer „unbekannten Geliebten“, an die er in einem Blog schreibt, ohne je eine Antwort zu bekommen. Aber indem er sich vor der Unbekannten in seinem Innersten zu erkennen gibt, gibt und erhält er „gar alles“. Der Protagonist Justus Mall will sich nicht darstellen als „Wortjongleur, sondern als Mensch, als Person“ und beschreibt sich folgendermaßen. „Leibarzt der Verlorenheit/ Kenner des Schnees/ Freund des Fehlens … mich gürtet der Schmerz.“ Und im Verlaufe seiner vielen Briefe und Selbstbefragungen merkt er, „dass alles Lesen und Tun des Überflüssigen in dir Kräfte erwachsen lässt, von denen du nichts gewusst hast“. Erstaunt registriert er bei sich eine Verwandlung, „er, der bisher alles, was er dachte und schrieb, unter dem Motiv Notwendigkeit gedacht und geschrieben“ hatte, fühlte sich plötzlich berufen, das Überflüssige darzustellen als das Tor zum Reich der Freiheit. Dieser neue Roman sei aber reine Belletristik, erklärt mir Walser, über jemanden, der sich in diesem Blog so darstellen möchte, wie er wirklich ist und so genau, wie noch nie jemand sich dargestellt hat, in der Hoffnung, dass jemand ihm erlaubt, dass er so sein darf, wie er ist.

Aus der Haltung des „Nein“ entsteht kein Werk

Und muss sich am Ende des Romans eingestehen, dass es eine solche Person wahrscheinlich nicht gibt, er also trotz der Liebe zu zwei Frauen – diesem klassischen Thema der Weltliteratur – zurückbleibt in Einsamkeit. „Einsamkeit“, sagt Walser, „ist ja ein Allerweltswort. Alles was wir normalerweise tun, ist eine Aktivität, um nicht einsam zu sein. Aber die einzige Einsamkeit, die eine wirkliche Einsamkeit war, war die von Nietzsche. Nach allem, was ich von ihm gelesen und dann noch erfahren habe, ist gewiss: Er war einsam. Was wir Einsamkeit nennen, das ist nur eine eingebildete, und auch die kann unangenehm sein. Aber bei Nietzsche war es eine reale, eine wirkliche, eine existenzielle Einsamkeit.“

Arnold Stadler beschreibt in seinem Essay Walser als den „Stellvertreter unserer Einsamkeit“, wozu Walser meint: „Ich selber dürfte das nie so formulieren! Bestimmte Befindlichkeiten kann man selber gar nicht ausdrücken. Da nimmt man immer etwas zu Hilfe.“ Und er kommt noch einmal auf „Statt etwas oder der letzte Rank“ zu sprechen: „Das will wirklich die menschliche Existenz ausdrückbar, fassbar, messbar, erlebbar machen als nichts als Existenz, ohne alles Tun, nur noch pures Sein!“ Das ganze Buch sei sozusagen nur das Innere eines Romans, denn es fehlten alle äußeren Dinge, die einen Roman spannend machten. Aber das, so habe er aus den Reaktionen erfahren, sei eben nur für bestimmte Leser interessant. „Diese Art zu schreiben habe ich nicht gesucht. Die hat sich so ergeben.“ Er sei ja, beginnend mit dem Roman „Muttersohn“ (2011), dann dem Roman „Das dreizehnte Kapitel“ (2012) und zuletzt mit „Statt etwas oder der letzte Rank“ (2017) immer mehr vom Belletristischen zum Existenziellen vorgedrungen, das seien „das Jenseits direkt anvisierende Bücher“. „Das sind, kann ich sagen, Bücher, in denen die Transzendenz buchstabiert wird.“

Und das beruht auf seiner lebenslangen Beschäftigung mit den für ihn maßgeblichen Sprachmenschen: Augustinus, Luther, Kierkegaard, Nietzsche und zuletzt Karl Barth. „Das sind die Säulen meines Weltdaches“, sagt Walser. „Von denen sind die für mich wichtigsten Texte. Von ihnen habe ich zeitweise gelebt! Das ist ja das schwierigste Thema überhaupt: dieses da zu sein und oben und unten und dass es dafür Texte gibt, die so passend, so greifbar sind, die so notwendig sind! Das ist doch eine unglaublich schöne Überraschung der Sprache gegenüber. Keiner war genauer zu seiner Zeit. Und die haben genau das gesagt, was du jeweils gebraucht hast. Da bekommst du mehr, als du sozusagen brauchen kannst.“ Martin Walser hat sich regelrecht in Begeisterung geredet, als er fortfährt: „Ich weiß noch, was das für Leseerlebnisse waren mit Augustin und Kierkegaard, als seien die Sätze für mich geschrieben, direkt!“

Allen jenen, für die der Glaube an Gott ein „Nullproblem“ ist, rät er, doch das Leben als Roman zu lesen. Die umgekehrte Erfahrung, dass ein Roman zum Nachleben animiere, hat Walser einmal gemacht, als sein Freund Michael Felder, der Theologe und Professor für Homiletik in Fribourg war, sich durch den Protagonisten Percy in „Muttersohn“ dazu anregen ließ, ganz ohne Vorbereitung zu predigen. Es ginge dabei um die Heiligung des Augenblicks. Das wollte dieser Freund auch probieren, nachdem er es gelesen hatte. „Und er hat es wirklich gemacht! Ganz aus dem Augenblick. Ganz im Hier und Jetzt. Gänzlich unvorbereitet.“ Ein wohl eher seltenes Erlebnis! Dass Literatur zur Realität wird!

Und noch einmal zum Schluss ein Zitat aus Stadlers Lobrede: „Jeder hat eine Wunde, aus der er weiterblutet, die bei einem Dichter wie Walser zur Sprache geworden ist. Aus dem Wort ,Nein‘ entsteht kein Werk von diesem Format. Sagt einer Nein, muss einer nicht schreiben.“ Und deshalb schreibt Martin Walser auch mit 91 Jahren weiter an seinem Lebenswerk. Denn: „Wir überleben nicht als die, die wir gewesen sind, sondern als die, die wir geworden sind, nachdem wir waren.“

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte. Roman, Rowohlt 2018, 112 Seiten, EUR 18,–

Martin Walser: Ich würde heute ungern sterben. Interviews von 1978 bis 2016; Hrsg. von Thekla Chabbi, Rowohlt Verlag 2018, 576 Seiten, EUR 20,–

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