Feuilleton

In der Schule des Unglaubens

Diderot-Dialog erstmals in deutscher Sprache: Elegant geschriebene Kritik am Christentum. Von Urs Buhlmann
Diderot
Foto: IN

Als unschuldiges, hübsch in hellblau eingebundenes Heftchen – ja, es gibt noch Fadenheftung – kommt der schmale Band daher, doch der Inhalt hat es in sich. Denis Diderot (1713–1784), uns als Enzyklopädie-Mitbegründer und Heros der französischen Aufklärung vor der Großen Revolution bekannt, ist auch selber literarisch hervorgetreten, verstand sich wohl in erster Linie als moralphilosophisch geprägter Schriftsteller. Ein lebender deutscher Kollege von ihm, Hans Magnus Enzensberger, der sich schon mehrfach mit Diderot beschäftigt hat und der der vorliegenden Ausgabe ein kleines Nachwort spendiert hat, fungiert als Übersetzer und Herausgeber der zum ersten Mal auf Deutsch zugänglichen Salon-Unterhaltung zwischen der frommen Frau eines französischen Militärs und dem Philosophen Crudeli, bekannt als Mann ohne Glauben. Das kleine Stück – es war wohl ursprünglich für das Theater gedacht – stammt aus dem Jahr 1774 und ist eine leichtfüßige Unterhaltung über die Beziehung von Glauben und Moral, in der Diderot (der sich natürlich hinter Crudeli verbirgt) mit Scharfsinn und Witz der gottesfürchtigen Marschallin vor Augen führen will, dass nicht an Gott glauben muss, wer als anständiger Mensch leben will.

Schon der Eingangsdialog macht das deutlich, Crudeli offenbart sich als der Mann, der an nichts glaubt. „Marschallin: Und wie steht es mit ihrer Moral? Ist sie nicht dieselbe wie die eines gläubigen Christen? Crudeli: Warum nicht, vorausgesetzt, dass es sich um einen Edelmann handelt? Marschallin: Und nach dieser Moral leben Sie? Crudeli: So gut ich kann. Marschallin: Wie? Sie stehlen nicht, sie plündern und töten nicht? Crudeli: Sehr selten. Marschallin: Und was haben Sie dann von ihrem Unglauben? Crudeli: Gar nichts. Glaubt man denn, um einen Vorteil davon zu haben?“

So munter geht es weiter. Die Marschallin wird als sympathisch, aber nicht allzu helle geschildert. Crudeli hat es leicht, ihr Falle nach Falle zu stellen und allmählich ihr ganzes, auf Wohlanständigkeit aufgebautes Gedankensystem ins Wanken zu bringen. Er bleibt dabei aber nicht stehen. So wie Diderot selber einen Weg vom Theismus über den Deismus zum Atheismus fand, so macht er sich nun in seinem Alter Ego Crudeli daran, der verwirrten Frau nach und nach den Glauben an die göttliche Gerechtigkeit und an Gott als deren Urheber auszutreiben. Am Ende wird sie nur noch ganz schwach dagegenhalten können, dass es vielleicht doch am „einfachsten“ sei, so zu leben, als existiere Gott. Die Aufklärungs-Zeit, zumal die französische, liebte „Erziehungs-Geschichten“, weil sie an die Macht der Pädagogik glaubte. Der Marquis de Sade wird das auf die Spitze treiben, wenn er in seinen Geschichten einen sorgfältig angelegten Parcours der Amoral aufbaut, durch die er seine Gestalten hetzt.

Diderot, das wird nicht wirklich überraschen, kam aus gutbürgerlichem, frommen Elternhaus. Sein Bruder wird Stiftsherr, die Schwester geht in ein Kloster, er selber konnte sich ironischerweise Abbé nennen, weil er die niederen Weihen empfangen hatte, die Theologie aber dann nicht weiter verfolgte. Über die Moralphilosophie Shaftesburys gerät er an den Skeptiker Pierre Bayle, arbeitet sich an Pascal ab und wird am Ende seines Lebens ein krasser Materialist sein. Der hier gebotene Dialog – gerade so kurz, dass man sich nicht langweilt – führt deutlich vor Augen, dass gewappnet sein muss, wer mit dem Atheismus, auch dem modernen, streiten will. Auf guten Willen – wie ihn die arme Marschallin reichlich hat – kommt es dabei nicht an, sondern auf Argumente und Kenntnis der gegnerischen Position. Chesterton hat vorgemacht, dass das geht: Eine zeitgenössische katholische Apologetik tut not!

Denis Diderot: Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion. Übersetzt und mit einem Nachwort von Hans Magnus Enzensberger. Friedenauer Presse, Berlin, 2018, 30 Seiten, ISBN 978-3-932109-84-3, EUR 12,–

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