In der Kunst die gemeinsame Seele Europas

„Impressionismus – Expressionismus“: Die Alte Nationalgalerie Berlin über die Dramatik einer Kunstwende. Von Sylvia Brück
"Der geblendete Simson", Lovis Corinth, 1912
Foto: IN | Lovis Corinths „Der geblendete Simson“ (Ausschnitt) aus dem Jahr 1912.
"Der geblendete Simson", Lovis Corinth, 1912
Foto: IN | Lovis Corinths „Der geblendete Simson“ (Ausschnitt) aus dem Jahr 1912.

Ein Mensch tritt auf den Betrachter zu. Es ist ein Mann, nackt, mit nichts außer einem Lendenschurz angetan, ein Gefangener mit metallenen Fesseln um beide Handgelenke mit einer Kette verbunden; sein muskulöser, malträtierter Körper ist angespannt und verdreht, die großen Hände mit langen Fingern greifen suchend in den Raum. Der linke Arm lehnt sich balancierend, nach Halt suchend, an einen Türrahmen, während die rechte Hand nach vorn tastend ins Nichts greift. Der Kopf sitzt nahezu halslos zwischen angespannten Muskelsträngen. Sein Kinn weist nach vorn, die vollen Lippen unter einem dunklen Bartansatz sind in wütender Qual und irrem Schmerz nach unten gezogen, blecken Zähne. Von ausgemergelten Wangen fließen weißrote Tränen herab. Der helle Lappen vor seinen Augen ist blutverschmiert. Struppiges, nachgewachsenes Haupthaar steht über den am Hinterkopf gebundenen weißen Baumwolllappen wirr hervor. Die weißen Knotenenden wirken wie schlaffe Engelsflügel. Simson ist blind. Simson ist blind, weil er geblendet wurde im Tempel. Jedoch wuchsen Haare und Kraft nach, und am Ende tötete er sich und tausende Philister mehr. Lovis Corinth erschuf 1912 das Gemälde „Der geblendete Simson“ in warmen Ölfarben. Nuancen von Ocker, Petrol, Maigrün, Rot, Grau, Braun und Weiß sind auszumachen. Es ist ein sich befreiender Mensch, der vor unser Antlitz tritt. Jemand, dem das Fürchten gelehrt wurde und der Mut bewies durch das Sagen seiner Meinung.

Mit der von Angelika Wesenberg kuratierten Ausstellung „Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende“ gelingt den Staatlichen Museen zu Berlin (smb) wieder einmal ein überraschender Coup. Platziert in der „Alten Nationalgalerie“ – zu bestaunen bis zum 20. September 2015. Für Nichtberliner: „Die Neue Nationalgalerie“, beheimatet im Gebäude von Ludwig Mies van der Rohe, ist seit Januar diesen Jahres sanierungsbedingt geschlossen und wird dies auch vorerst bleiben. Dort war bislang die Sammlung zum 20. Jahrhundert untergebracht. Die Ausstellung bringt die Dramatik des Gegensatzes von Impressionismus und Expressionismus zum Ausdruck, die lebensfrohe französische Kunstauffassung und den existenzialistischen deutschen Stil. Auffällig sind aber auch die Gemeinsamkeiten, besonders der Widerwille gegen die akademische Kunst und der Aufbruch in die Moderne. Licht, Gefühle, aber auch die ganz individuelle Führung des Pinsels sind weitere unübersehbare Gemeinsamkeiten.

In der „Alten Nationalgalerie“ auf der Museumsinsel wurde schon nach kurzer Zeit der 100 000 Besucher von „ImEx“ gezählt und der im Hirmer Verlag produzierte Ausstellungskatalog ist bereits die 3. Auflage im Druck. Im Mittelgeschoss der „Alten Nationalgalerie“ werden rund 160 Meisterwerke aus internationalen Museen sowie Leihgaben privater Wunderkammern gezeigt. Rund die Hälfte davon stammt aus eigenen Beständen, wie etwa „Der geblendete Simson“ von Lovis Corinth.

Die Frage der Haltungen und Meinungen zu Impressionismus und Expressionismus wird in den fabelhaften Katalogbeiträgen hinreichend kommuniziert. In ihrer Grußbotschaft appellieren an die Notwendigkeit einer gemeinsamen Seele Europas Clemens Pflanz (Vorsitzender, Meisterkreis – Deutschland) und Michel Bernardaud (Präsident, Comite Colbert) und stellen fest: „Keiner der Maler hat qualitative Zugeständnisse gemacht, weder inhaltlich noch formal“ und „Kompromisslos und mutig zu sein, war für sie ein wichtiger Teil ihres Selbstverständnisses.“ Peter-Klaus Schuster schreibt in seinem Katalogbeitrag über „Kultur und Zivilisation. Im Zeichen von Thomas Mann.“

Zum Thema „Stadt, Vorstadt, Passanten“ findet sich unter anderem Lesser Urys Berliner Straßenszene „Leipziger Straße“ von 1889. Sein nächtlicher Blick auf Berlin reduziert sich auf skizzenhafte Einschreibungen der abgebildeten Figuren, und fast könnte man meinen, das Gaslicht und die Reflexionen zu spüren. Der reich bebilderte Katalog gliedert in zwölf Kapitel, die in die Geschichte der Kunstwende, wie sie in der Ausstellung zu sehen ist, einführen: „Badende“, „Stadt, Vorstadt, Passanten“, „Im Grünen“, „Landhäuser“, „Vergnügen“, „Beziehungen“, „Künstler“, „Kunstvermittler“, „Stillleben“, „Interieur“, „Tier“, „Vision Krieg. 1913“. Das schlau gewählte Kürzel „ImEx“ weist auf die Uneinigkeit im Stil der Künstler hin, sowie auf deren Austausch, die unterschiedlichen Richtungen, Wertungen, auf die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich und auch auf den Im- und Export von Kunstwerken. „Kunstwende“, diesen Begriff erdachte der Galerist Herwarth Walden, um den Übergang von Impressionismus zum Expressionismus zu markieren. Das Grundaxiom der Deutung positiver und negativer Stellungnahmen der Kunst als Zusammenhang von überholten und aktuellen Richtungen ist, dass sie jeweils vom Standpunkt der Gegenwart aus zu betrachten sind. So sieht man heute, 100 Jahre später, diese beiden Stile in einem anderen Licht vereint. 1896 erwarb der Direktor der Berliner Nationalgalerie, Hugo von Tschudi, französische impressionistischer Bilder, zunächst Edouard Manet und Paul Cézanne. Später folgten Paul Gauguin, Auguste Rodin, Edgar Degas, Vincent van Gogh, August Renoir. Dies war eine Sensation, und es war das erste Museum überhaupt, welches Werke des Impressionismus ankaufte. Von Tschudi verkehrte im Salon Carl und Felice Bernstein, die bereits 1882 auf Anraten von Carls Cousin, Charles Ephrussi, dem späteren Herausgeber der „Gazette des Beaux-Art“, zeitgenössische Kunst in Paris kauften. Die mitgebrachten Manets, Monets, Sisleys und Degas lösten einen Skandal bei den Salon-Besuchern aus. Adolph Menzel nannte die Bilder „Dreck“.

Dessen ungeachtet ging das Museum auf Einkaufstour und die Cousins Bruno und Paul Cassirer 1898 gründen die „Bruno & Paul Cassirer, Kunst- und Verlagsanstalt“. In ihrem Kunstsalon, gelegen im südlichen Tiergarten-Bezirk, präsentierten und verkauften sie aktuelle französische Werke, in Gegenüberstellung mit Bildern deutscher Künstler. Das erklärte Ziel war, „das Beste aus aller Welt“ zu zeigen. Der Nachfolger Tschudis, Ludwig Justi, erwarb nach 1918 Bilder von Impressionisten und Expressionisten. Justi entwickelte ein Konzept des vergleichenden Sehens. Die „Schule des Sehens“ wollte durch Gegenüberstellung unterschiedlicher Kunstwerke deren Besonderheiten im direkten Nebeneinander erkennbar machen. Dazu äußert der Leiter der „Alten Nationalgalerie“, Philipp Demandt, in seinem bemerkenswerten Katalogbeitrag über den politischen, gesellschaftlichen, künstlerischen Kampf, der auf allen Ebenen und mit offenem und geschlossenem Visier ausgefochten wurde: „Man schenkte sich nichts“.

Es eint die beiden Stile vor allem eine antiakademische Haltung, und der jeweils eigene Aufbruch in die Moderne. Die Lust an der Natur, so beginnt der Ausstellungsrundgang mit „Badende“. Max Pechstein, malte 1910 „Sitzendes Mädchen“. Etwa sieben Jahren früher schuf Auguste Renoir „Die blonde Badende mit offenem Haar“, 1902. Das urbane Umfeld „Stadt, Vorstadt, Passanten“ ist ein weiteres, gemeinsames Motiv beider Kunstrichtungen. Eine andere private Leihgabe ist „Mädchen mit der roten Krawatte“ von Auguste Chabaud, 1907. Zurückgekehrt aus seinem Militärdienst in Tunesien, durchstreift Chabaud vor allem einsam und obendrein allein das nächtliche Paris. Bei dem „Mädchen mit roten Krawatte“ handelt es um eine junge Frau. Es ist Nacht. Sie trägt einen Pagenschnitt, und ein kohlrabenschwarz geschminktes Auge ist auszumachen. Das andere Auge wird von Haar halb verborgen, der Mund ist sehr voll und dunkel, sie trägt ein schwarzes Band um den Hals. Ihr Gesicht ist sehr blass. Ihre Bluse ist durchsichtig, darüber hängt die sehr lange, rote Krawatte, seitlich hinter ihr prangt ein Schild mit gelben Lettern: Hotel. In dessen Eingang ein Mann, nahezu verborgen von der Schwärze der Nacht, eintritt. Ihr Blick wirkt sehr distanziert.

Alte Nationalgalerie, Museumsinsel Berlin, Bodestraße 1–3, 10178 Berlin. Die Ausstellung ist bis zum 20. September geöffnet. Öffnungszeiten Di., Mi., So. 10–18 Uhr, Do., Fr., Sa. 10–20 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt Ausstellung inkl. Sammlung 12 Euro, ermäßigt 6,- Euro; freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Onlinebuchung unter www.imexinberlin.de

Katalog „Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende.“, Hirmer Verlag, 320 Seiten, 230 Abbildungen in Farbe, ISBN: 978-3-7774-2343-2, EUR 49, 90

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