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In Bayreuth führt der Boulevard Regie

So ganz gelungen scheinen die Inszenierungen des Rings nicht gewesen zu sein und auch Tristan bot offenbar Fragwürdiges. Dennoch - die gute Seite dieser Regie: Der Autor kommt auf eine tragfähige Idee um weiterhin im Gespräch zu bleiben.
103. Bayreuther Festspiele - Lohengrin
Foto: Enrico Nawrath (bayreuther Festspiele) | Regieleistungen waren in Bayreuth schon immer für Empörung gut. Hier «Lohengrin» von 2014, mit Ratten auf der Bühne die anfangs auch „umstritten“ waren.

Als ich vor paar Jahren das letzte Mal bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth war, lag das Festspielhaus noch auf dem „Grünen Hügel“. Inzwischen muss man vom „Braunen Hügel“ sprechen – und ich meine das nicht politisch. Der Dürresommer hat dem Rasen rund um das Opernhaus jedenfalls nicht gutgetan. Die Polizisten, die in schusssicheren Westen zwischen Parsifal- und Tristanstraße patrouillierten, wirkten an jenem Premierentag fast so gequält wie wir Opernbesucher, die uns bei tropischen Temperaturen in Abendgarderobe geschmissen hatten.

In den Genuss von Karten für den Bayreuth-Auftakt war ich gekommen, weil meine großzügige Schwester Gloria mich eingeladen hatte. Die Neuinszenierung des „Rings des Nibelungen“ durch Valentin Schwarz hat diesmal regelrecht Tumulte ausgelöst. Einmal musste sogar die Security einschreiten, so sehr waren sich die Wagner-Liebhaber in die schütteren Haare gekommen. Stein des Anstoßes war unter anderem, dass der junge, österreichische Regisseur Siegfried und Brünnhilde ein gemeinsames Kind angedichtet hatte und sich damit zur Empörung der Wagner-Gemeinde ein paar Regieeinfälle zu viele geleistet hatte.

„Ich biete mich dafür gerne an. Wagner,
inszeniert von einem Redakteur der BILD-Zeitung,
erzählt als heiteres Boulevardstück – das würde Stürme der Entrüstung garantieren“

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Bei all dem Wirbel um den neuen „Ring“ ist völlig in den Hintergrund gerückt, dass auch die Tristan-Inszenierung von Roland Schwab mit einem Regieeinfall überrascht hatte, der die dargebotene Geschichte auf den Kopf stellte. Nach dem Liebestod gab es nämlich ein Happy End! Nachdem der Vorhang gefallen war, betrat ein altes Ehepaar Händchen haltend die Bühne. Was wollte uns der Regisseur damit sagen? Dass die Liebenden im Himmel wieder vereinigt werden? Leider habe ich nach der Premiere niemanden gefunden, der sich über dieses Happy End erregt hätte. Schade.

Ich hätte dem dann nämlich naseweis entgegenhalten können, dass Wagner die uralte, keltische Sage der beiden Liebenden ebenfalls verfälscht hatte. Die ursprüngliche Version von Thomas von Bretagne aus dem 12. Jahrhundert, auf der die heute bekannte Fassung basiert, war ja gar keine tragische Geschichte, sondern eher eine Comedy. In dieser Originalversion setzt Tristan König Mark zur Erheiterung des Publikums nämlich fortwährend die Hörner auf. Immer wieder treffen sich Tristan und Isolde heimlich, verlustieren sich – und der als armseliger Trottel dargestellte König Mark ist einfach zu blöd, um zu kapieren, was sich da abspielt.

Bayreuth lebt vom Skandal

In einer Szene der Version von Thomas von Bretagne (der übrigens wahrscheinlich ein Geistlicher war) stellt sich Isolde krank, Tristan verkleidet sich als Mönch mit heilpraktischen Fähigkeiten, geht in ihre Kammer, die beiden schlafen miteinander und als er später rauskommt, geht es Isolde wieder blendend – wofür sich der gehörnte Mark auch noch bei Tristan bedankt. Richard Wagner, der alte Miesepeter, verzichtete ja leider auf solche komödiantischen Elemente. Eigentlich wäre es an der Zeit, die Geschichte von Tristan und Isolde völlig neu – näher am Original – zu inszenieren. Ich biete mich dafür gerne an. Wagner, inszeniert von einem Redakteur der BILD-Zeitung, erzählt als heiteres Boulevardstück – das würde Stürme der Entrüstung garantieren. Von so etwas lebt Bayreuth schließlich.

 

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