Feuilleton

Immer dabei und doch allein

Zum 25. Todestag von Andy Warhol – Eine Betrachtung des Künstlers in seinem New Yorker Umfeld Von Natalie Nordio
Andy Warhols „Children/Toy Paintings“ (1983)
Foto: dpa | Das Prinzip der Reihung war sein Markenzeichen: Andy Warhols „Children/Toy Paintings“ (1983), die gerade in der Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen sind.

Wer kennt sie nicht, die Campbells Dosen oder das in den unterschiedlichsten Farbvariationen dargestellte Porträt Marilyn Monroes, zwei Werke, die Andy Warhol unsterblich gemacht haben. Aber mal ganz ehrlich, was fällt einem denn darüber hinaus zu Warhol ein? Vielleicht noch Pop-Art – danach ist dann aber bei den meisten wirklich Schluss. Doch es ist mehr als lohnenswert, sich näher mit der Person Andy Warhol zu befassen.

Als Kind russischer Immigranten kommt Andrej Warhola, der sich ab 1950 nur noch Andy Warhol nannte, am neunten August 1928 in Pittsburgh zur Welt. Als kleines Kind krankheitsbedingt ans Bett gefesselt, entwickelte er die ihn sein Leben lang nicht mehr loslassende Leidenschaft für Comics und Kinofilme. Auch seine ersten Zeichnungen und Skizzen entstanden in dieser Zeit, wahrscheinlich in Ermangelung einer besseren Tätigkeit aus reiner Langeweile. Viel zu spät kommt er in die Grundschule und findet nie wirklich Gefallen daran. So ist es kaum verwunderlich, dass er seine gesamte Schulzeit ein recht schlechter Schüler blieb. Nach seinem Abschluss 1949 in Malerei und Design am Carnegie Institute of Technology in seiner Heimatstadt zog es ihn, mit seinem Freund und Studienkollegen Philip Pearlstein, nach New York – seit den frühen fünfziger Jahren und bis heute das Mekka der zeitgenössischen Kunstszene schlechthin und, für Warhol damals ausschlaggebend.

Seine erste wichtige Einzelausstellung hatte er dann im Juli 1953 mit „Fifteen Drawings Based on the Writings of Truman Capote“ in der New Yorker Hugo-Galerie, diese jedoch nicht als bildender Künstler, sondern als Grafiker. Ende der fünfziger Jahre hatte er sich zu einem der bestbezahlten Werbegrafiker Manhattans gemausert und hätte sich eigentlich zufrieden zurücklehnen können. Doch dem rastlosen und ehrgeizigen Warhol war dieser Erfolg nicht genug. Er wollte sich auch als „richtiger“ Künstler einen Namen machen und suchte nach immer neuen Ideen und Ausdrucksmöglichkeiten für sich, denn die Kunst, so urteilte er selbst, „ist sehr schnell, weil jede Kunstform, kaum bekannt gemacht, in einer Woche wieder altmodisch ist“.

Anfang der sechziger Jahre waren es besonders zwei Dinge, die entscheidend waren und ihm den Weg zum anerkannten Künstler ebnen würden. Zum einen gründete er im Jahre 1962 sein erstes als „Factory“ bezeichnetes Atelier – nur ein Jahr später wurde dieses in größere Räumlichkeiten verlegt. Zum anderen begann er sich verstärkt mit der, von ihm im Laufe seines Schaffens zur Perfektion gebrachten, Technik des Siebdruckes auseinanderzusetzen. In dieser Anfangszeit wählte er als Vorlagen für die später in Serie produzierten Drucke vor allem Motive aus der Werbung, aber auch weltbekannte Kunstwerke, die so gut wie jedem Amerikaner bekannt waren. Eine Postkarte von Leonardo da Vincis Mona Lisa kam so beispielsweise in gleich dreißigfacher Ausführung auf die Leinwand und erhielt den passenden Titel „30 are better then one“ – also „dreißig sind besser als eine“. Diese Motiventscheidung fällte Warhol ganz bewusst und auch nicht ganz ohne Hintergedanken, denn mit der Verwendung bekannter Marken erhöhte sich beim Betrachter der Wiedererkennungswert und so gleichzeitig auch sein Bekanntheitsgrad. Warhol war eben nicht einfach nur Künstler, sondern ein überaus talentierter Marketing-Stratege in eigener Sache.

Seine „Factory“ wurde alsbald zum Treffpunkt der New Yorker Künstler-Szene. Musiker wie Mick Jagger, Bob Dylan oder der Sänger von „The Doors“, Jim Morrison, gingen neben Malerfreunden wie Salvador Dali oder Marcel Duchamp in Warhols Atelier ein und aus. Doch der Workaholic Warhol ruhte nicht in diesem bunten Treiben, das sich da in seinem Atelier abspielte, und war, als stiller Beobachter der Szenerie, immer auf der Suche nach neuen Motiven, die er auf die Leinwand bringen konnte. Daneben boten die zahlreichen illustren Gäste der „Factory“ dem Kinofan Warhol die Möglichkeit, seiner großen Leidenschaft, dem Film, zu frönen. Jeder war ihm hierbei als Motiv willkommen. Dass Warhol neben seinen Kunstwerken auch eine Vielzahl von Spielfilmen drehte, wissen wohl die Wenigsten. Doch konnte er im Filmgeschäft nicht annähernd an seine Erfolge in der bildenden Kunst anknüpfen.

Ein einschneidender Tag in Warhols Leben war zweifellos der 3. Juni 1968, als er schwerverletzt, von einigen Schüssen getroffen, das Attentat der Frauenrechtlerin Valerie Solanas überlebte. Das daraufhin neubezogene Atelier ließ er von Videokameras überwachen und bis auf seine Mitarbeiter verkehrte dort kaum noch jemand. Die „Partygesellschaft“ fand in New Yorks damals bekanntester Diskothek, dem Studio 54, ein neues Zuhause. Auch Warhol selbst gehörte dort bald zu den Stammgästen.

Die von seiner Sekretärin nach seinem Tod veröffentlichen Tagebuchaufzeichnungen rückten den Menschen, nicht den Künstler Andy Warhol in den Vordergrund, der zu Lebzeiten so gut wie nichts über sich selbst preisgegeben hatte. Immer dabei und doch allein war er ein von Ängsten geplagter Mensch, sei es die Angst vor Krankheiten oder die der erneuten Verarmung, wie er sie als Kind erfahren hatte. Die von ihm meist in grell-bunten Farbnuancen gehaltenen Druckreihen stehen auf den ersten Blick in völligem Gegensatz zu seinem in-trovertierten Charakter, waren jedoch für Warhol das Ventil, sein scheues und zurückhaltendes Inneres doch zum Ausdruck bringen zu können.

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