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Im Verzeihen liegt die Kraft

Man kann Wertschätzung nicht erzwingen. Schon gar nicht von Menschen, mit denen man im Zwist liegt. Da heißt es dann um des eigenen Seelenfriendens willen, loszulassen und seinen Frieden zu schließen.
Nachttauchen
Foto: Tauchsport Stefan Pape | Manchmal muss man bis zum finstersten Grund der Seele hinabtauchen und dort alle Ecken ausleuchten, um wieder zum unverdunkelten Licht auftauchen zu können, meint Alexander von Schönburg.

Mein Neffe – er galt lange als das Sorgenkind, der Familie, ist aber auch begabter als wir alle zusammen – wirkte wie ausgewechselt. Es war bei einem Familienfest vor mehr als einem Jahr. Ohne auch nur ein Wort mit ihm gewechselt zu haben, war offenbar, dass irgendwas anders war. Es war, als ob ein Licht von ihm ausging, er strahlte serenitas, olympische Gelassenheit, aus. „Was ist los mit dir?“, wollte ich wissen. „Was immer du genommen hast, ich will auch was davon abhaben!“, sagte ich kokett.

Er verriet mir, dass er gerade eine Art Tiefseetauchgang hinter sich gebracht hat. In seine eigene Seele, angeleitet von fantastischen Psychologen und Seelsorgern in Amerika. Weil er mich liebt und weil er das, was er dort erfahren hat, auch mir gönnt, entschied er sich, auch mir einen Aufenthalt an diesem Ort zu schenken. Das war unfassbar großzügig von ihm. Ein echter Akt der Liebe. Und ein ziemlich kostspieliges Unterfangen. Ich komme gerade von dort. Ich schreibe diese Zeilen auf dem Weg zum Flughafen von Nashville (Tennessee). Heute spät abends geht mein Flug zurück nach Europa.

„Im Verzeihen liegt Kraft, nicht in der Anklage!
Und die Person, der man verzeiht, muss davon nicht einmal etwas ahnen“

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Ich will über meine Erfahrung nicht erzählen. Dafür ist es noch zu frisch. Nur so viel: Ich habe eine der profundesten Erlebnisse meines Lebens hinter mir. Und mehrere grundlegende Perspektivwechsel. Ich bin ja von Natur aus Besserwisser. Wenn ein Psychologe mir eine Frage stellt, glaube ich nicht nur die gewünschte Antwort, sondern auch die daraus folgende Lehre antizipieren zu können. Aber der Mann, der mir hier an die Seite gestellt wurde, schaffte es über die knappe Woche, mich immer wieder aufs Neue zu überraschen.

Ein Beispiel: Es gibt Menschen, um deren Anerkennung man lebenslang ringt. Oft sind das die gleichen Menschen, gegen die man insgeheim Ressentiments hegt. Vielleicht weil sie einem, vor langer Zeit einmal etwas getan haben, das an einem nagt. Wie befreit man sich von der Sehnsucht, von diesen Personen immer wieder Wertschätzung zu erbetteln? Vielleicht, indem man sie – metaphorisch betrachtet – schlachtet? Unsere Märchen sind ja voller Drachentötungen, in diesem Bild scheint also archetypisch eine wichtige Botschaft zu schlummern. Konflikte können heilsam sein. Und befreien. Falsche Antwort.

Totale, bedingungslose Vergebung

Die richtige lautet: Es gibt nur einen einzigen Weg, sich effektiv von ungesunden, emotionalen Verstrickungen zu lesen: Totale, bedingungslose Vergebung! Im Verzeihen liegt Kraft, nicht in der Anklage! Und die Person, der man verzeiht, muss davon nicht einmal etwas ahnen. Als Katholik, der sich in den Kartagen befindet, hätte ich auch ohne Hilfe eines Psychologen darauf kommen können.

Gerade – es gibt keine Zufälle – schickt mir mein Freund Jojo eine Textnachricht mit folgendem Wortlaut: „Die Karwoche zeigt uns die ewige Wahrheit des hl. Evangeliums. Eine Beschreibung der Welt passend auf alle Zeitalter und Generationen. Das unübertreffliche Maß an Leid steht einem unübertrefflichen Maß an Liebe gegenüber.“ Danke, Jojo, dass Du mir das gerade jetzt geschickt hast! Es muss unser Ehrgeiz sein, diesem Übermaß an Liebe und Vergebung nachzueifern.

 

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