Höhepunkte der Filmgeschichte

Im Kreuzfeuer der Machtkämpfe

„Mission“ (1986) von Roland Joffé – Teil 6 der Serie „Höhepunkte der Filmgeschichte“. Von José GarcÍa
Filmszene aus „Mission“
Foto: Studiocanal

Mission“ („The Mission“) erzählt von der Aufhebung der sogenannten „Reduktionen“ des Jesuitenordens am Fluss Paraná und der Jesuiten-Vertreibung aus den spanischen Gebieten in Amerika (1767). Nachdem die Spanier bereits mit dem Stamm der Guaraní Kontakt aufgenommen hatten, begann 1609 das sogenannte „Heilige Experiment“: Die Jesuiten gründeten im La-Plata-Becken und im Gebiet der Quellflüsse des Amazonas etwa 70 Indio-Siedlungen („Reduktionen“), in denen schließlich etwa 200 000 Menschen friedlich lebten. Sie standen im ständigen Konflikt mit den Kolonialherren, die allzu gerne Indianer als Arbeitskräfte einsetzten. Das Ende der Reduktionen kam im Jahre 1767, als sie in den Interessenkonflikt zwischen den Kolonialmächten Portugal und Spanien gerieten.

Auf diesem historischen Hintergrund erzählt Roland Joffés „Mission“ nach dem Drehbuch von Robert Bolt – der bereits das Buch zu Fred Zinnemanns „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ verfasst hatte – eine von Ennio Morricones eindrücklicher Filmmusik noch gesteigerte, bildgewaltige Geschichte von einer Mission im Kreuzfeuer der Machtkämpfe.

Ein Kardinal (Ray MacAnally) diktiert einen Brief an den Papst über die Vorfälle im Grenzgebiet von Argentinien, Brasilien und Paraguay. Mit dessen Off-Stimme zeigt die Kamera in rasanten Bildern, wie in der Nähe eines Wasserfalls einige Indios einen Priester an ein Kreuz heften, das auf dem Fluss treibt, um dann mit voller Wucht den Wasserfall herunterzustürzen. Den Platz des ermordeten Priesters nimmt ein anderer Pater ein: Gabriel (Jeremy Irons), der den gleichen Weg in umgekehrter Richtung nimmt. Nach dem beschwerlichen Aufstieg packt er eine Oboe aus. Die Indios beäugen ihn, aber mit der Musik gewinnt er deren Vertrauen. Bald folgen ihm einige wenige Patres wie der junge Fielding (Liam Neeson).

Als besonders effektvoll für die Dramaturgie erweist sich der Kunstgriff des Drehbuches, Pater Gabriel eine Figur entgegenzusetzen, die gegensätzlicher kaum sein könnte: Der Söldner Rodrigo Mendoza (Robert de Niro) entführt mit brutaler Gewalt Indios aus dem Urwald, die er dann den Großgrundbesitzern verkauft (ist die Sklaverei zu diesem Zeitpunkt in den portugiesischen Kolonien erlaubt, so wird sie in den spanischen noch geduldet). Im Streit um eine Frau tötet der jähzornige Rodrigo seinen Bruder im Affekt – was dazu führt, dass der ehemalige Sklavenhändler mit seinem bisherigen Leben bricht. Als selbst auferlegte Buße steigt Rodrigo mit seiner schweren Rüstung im Schlepptau den Wasserfall hoch. Pater Gabriel weist alle Versuche der anderen Jesuiten zurück, das Seil durchzuschneiden, um Rodrigo von dieser schier übermenschlichen Last zu befreien. Erst als die Indios es tun, ist Rodrigos Tat gesühnt – eine großartige Metapher dafür, dass die Vergebung und Erlösung nicht aus eigener Kraft zu erreichen sind.

Nach und nach entdeckt Mendoza den Glauben und seine Berufung, und wird Jesuit. Zusammen bauen sie die Mission auf. Doch bald wird diese ein Spielball in kirchenpolitischen Machtkämpfen. Um die Existenz des Jesuitenordens in Europa nicht zu gefährden, wird die Mission geopfert, die Kirche als Beschützerin der Indianer wird verfolgt.

Ennio Morricones Filmmusik vom eingängigen Leitmotiv „Gabriels Oboe“ über die Choralsätze bis zum „Ave Maria Guaraní“ trägt nicht nur zum Gesamteindruck des Filmes bei, sondern insbesondere auch zu dessen Authentizität. Denn die Musik gehörte zu den wesentlichen Komponenten der Evangelisierung in den Reduktionen.

„Mission“ gewann die Goldene Palme beim Internationalen Filmfestival Cannes 1986. Der Film wurde darüber hinaus mit dem Oscar für die beste Kameraführung sowie mit sechs weiteren Nominierungen (darunter „Bester Film“) ausgezeichnet.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Jeremy Irons Jesuiten Missionen

Weitere Artikel

Der nordirische Schauspieler Liam Neeson verknüpft häufig Charakter- und Actionelemente in seinen Rollen. Nun wird er 70 Jahre alt.
08.06.2022, 09 Uhr
José García
Die Spanierin Montserrat Medina Martínez hat erkannt, dass das wahre Leben nicht im beruflichen Erfolg zu finden ist.
18.12.2022, 09 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Europa muss jetzt eins werden, mit der Ukraine und gegen Putins Russland. Wenn das nicht geschieht, werden noch mehr tote Fische auf den Flüssen Europas schwimmen. Ein Kommentar.
25.08.2022, 07 Uhr
Stefan Meetschen

Kirche

Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
Drei Pariser Innenstadtkirchen sind im Laufe einer Woche Brandanschlägen zum Opfer gefallen. Stadt und Polizeipräsidium kündigen Sicherheitsmaßnahmen an.
26.01.2023, 16 Uhr
Meldung