Esskultur

Im Bauch der Politiker

Toleranz mit Schweinebraten? Die deutsche Esskultur ist in Gefahr.
Der Klassiker: Ein Teller mit zwei Stücken Schweinebraten und einem Knödel.
Foto: dpa | Der Klassiker: Ein Teller mit zwei Stücken Schweinebraten und einem Knödel. In vielen deutschen Kantinen ist es mittlerweile üblich, auf Schweinefleisch zu verzichten.

Fast dreißig Jahre ist es her, seit der französische Philosoph Michel Onfray mit seinem Buch „Der Bauch der Philosophen“ für Aufsehen sorgte. Sein Ansatz, das geistige Denken und das, was körperlich verdaut wird, in einen Zusammenhang zu stellen, war neu und bahnbrechend für die Zeit der Postmoderne – die „Kritik der diätetischen Vernunft“ entwickelte sich schnell zu einem Geheimrezept des philosophischen Verstehens. Klar, wenn man bedenkt, dass sich Friedrich Nietzsche Wurst und Schinken von seiner Mutti zusenden ließ, wie Onfray zeigte, dann wirken Phantasien vom Übermenschen und Antichrist noch etwas deftiger und unangenehm fettig.

Auch Onfrays Hinweis auf den Existenzialisten Jean-Paul Sartre, der grundsätzlich keine Krustentiere verspeiste, weil sich deren Nervensystem auf dem Bauch befindet, fand zu Recht nachhaltige Beachtung: Sartre – wie der Rest der Menschheit mit Nerven auf dem Rücken ausgestattet – zog es vor, nicht in diese ganz andere Welt eindringen zu wollen, wie er es einschätzte, nicht mit ihr zu verschmelzen. Womit wir bei einer aktuellen kulinarischen Entscheidungsfrage sind. Nämlich: Wie hältst Du's mit den Gewohnheiten und Inhalten ganz anderer Esskulturen? Oder, anders ausgedrückt: Wie hältst Du's mit den eigenen Essgewohnheiten im Angesicht multikultureller Mitspeisender? Machen wir uns nichts vor: An vielen deutschen Kantinen ist diese Frage längst beantwortet worden: Schweinebraten, eine typisch deutsche kulinarische Spezialität, befindet sich nicht länger auf dem Speiseplan – aus Rücksicht gegenüber Menschen, deren kultureller und religiöser Hintergrund den Verzehr von Schweinefleisch verbietet. Doch: Ist das die richtige philosophisch-kulinarische Lösung?

Nicht, wenn es nach Bundeskanzlerin Angela Merkel geht! In ihrem aktuellen Regierungs-Podcast bittet Merkel, die in einer RTL-Sendung einmal zugab, „eine ganz gute Kartoffelsuppe“ kochen zu können, um „Toleranz“ gegenüber der deutschen Esskultur. Man müsse, so Merkel, „darauf achten, dass die Vielfalt unserer Angebote erhalten bleibt“. Und: „Die Toleranz gehört schon dazu, dass wir uns in unseren Essgewohnheiten jetzt nicht verändern müssen.“ Man muss diese auf den ersten Biss ganz vernünftig klingenden Worte einmal ruhig auf der Zunge zergehen lassen: Eine deutsche Bundeskanzlerin bittet Menschen, die sich als Gäste in der Bundesrepublik aufhalten, um Duldung, dass Menschen, die mit der deutschen Küche und Kultur großgeworden sind und seit ihrer Geburt in Deutschland leben (sogenannte „Bio-Deutsche“), sich auf eine Art und Weise ernähren und beköstigen dürfen, welche die Gäste nicht mögen. Und als wäre eine solche kulturelle Verrenkung noch nicht ausreichend devot, fordert die Bundeskanzlerin von den Gästen, die mehrheitlich aus einem Kulturkreis kommen, in dem die Aufklärung nicht gerade prägend war, „Toleranz“. Sprich: Merkel verlangt von den Gästen des Landes, das sie regiert, die Verwirklichung einer Idee, welche seit Jahrhunderten mindestens genauso ein Teil der deutschen Kultur ist, wie der Schweinebraten. Und den Gästen genauso fremd.

Aber vielleicht richtet sich die Aussage der Bundeskanzlerin ja gar nicht vorrangig an die Gäste, sondern stärker an die deutschen Schweinebraten-Genießer. Nach dem Motto: Nur in einer Gesellschaft, in der sich jeder – insbesondere wenn er hier geboren ist – um Toleranz bemüht, wird man auch morgen noch ungestört zubeißen können, wenn man Hunger auf Schweinebraten verspürt. Ansonsten winkt der alternativlose Döner. Ist das so?

Je länger man über solche komplizierten kulinarischen Entwicklungen sinniert, desto mehr Hunger bekommt man auf die bewährte deutsche Politik-Küche. Helmut Kohl zum Beispiel empfand überhaupt keine Scheu dabei, internationalen politischen Feinschmeckern wie Jacques Chirac oder Margaret Thatcher seine Leib- und Magenspeise (Pfälzer Saumagen mit Rahmsauerkraut und Bratkartoffeln) servieren zu lassen. Es wäre Kohl nicht im Traum eingefallen, seine Verhandlungspartner um Toleranz gegenüber der deutschen Küche zu bitten. Auch sein Nachfolger im Kanzleramt, Gerhard Schröder, hätte wahrscheinlich eher „Basta“ gesagt, als öffentlich um Toleranz für seinen Currywurst-Verzehr zu werben.

Also, Frau Bundeskanzlerin, beim Bauch der Politiker: Die deutsche Küche – mit all ihren Höhen und Tiefen – ist in Deutschland nicht verhandelbar. Vertreten Sie diese Haltung klar und deutlich – zur ausreichenden Verteidigung unserer Werte. Ansonsten wechseln wir das Restaurant.

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