Feuilleton

Herrschaft in der Ästhetik eines Gedichts

„Reiwa“: Die japanische Kaiser-Ära begründet sich zum ersten Mal aus der eigenen Kultur. Von Alexander Riebel
Pflaumenblüte ist das Symbol der neuen Kaiser-Ära
Foto: IN | Die sich öffnende Pflaumenblüte ist das Symbol der neuen Kaiser-Ära.

In Japan beginnt mit dem Thronwechsel am 1. Mai eine neue Ära. Genau einen Monat zuvor wurde der Name der neuen Ära nach gelungener Geheimhaltung unter großem Interesse der Bevölkerung bekannt gegeben. Auf den großen Plätzen in Tokio wurde die Verkündung live übertragen, schon nach wenigen Stunden wurden T-Shirts, Sake-Flaschen, Potato Chips oder Brettspiele mit den Schriftzeichen „Reiwa“ verkauft.

Doch bei aller Begeisterung für den Übergang in eine neue Zukunft ist eine neue Ära in Japan nicht vergleichbar mit einem westlichen Wechsel der Zeiten, die einfach aufeinander folgen. Denn in Japan ist eine neue Ära zugleich eine ausdrückliche Rückbindung an die historischen Wurzeln der Kultur. Am deutlichsten wird das durch den Namen, den die Ära eines neuen Kaisers erhält. Wenn die jetzige Ära „Heisei“ (Es werde Friede) nach der Zeit Hirohitos, der Kaiser im Zweiten Weltkrieg war, durch „Reiwa“ (wunderschöne Harmonie) abgelöst wird, haben diese Begriffe weit zurückliegende Ursprünge. Bisher war es beinahe 1 400 Jahre lang üblich, dass die Ära-Namen ausschließlich der klassischen chinesischen Literatur entlehnt wurden. Das Chinesische ist dem kulturellen Ursprung Europas mit dem Lateinischen und Griechischen vergleichbar. In den bisher 247 Ära-Namen in Japan wurden nur 72 chinesische Schriftzeichen verwandt, in der Regel besteht solch ein Name aus zwei Silben. Japan führte die Ära-Namen 645 ein, als das chinesische Zeichensystem Schritt für Schritt übernommen wurde. Das Neue ist bei diesem Thronwechsel von Kaiser Akihito zu Kaiser Naruhito, dass die Bezeichnung „Reiwa“ nun zum ersten Mal aus einem japanischen Gedicht stammt – aus dem Man?yôshu, der ältesten Gedichtsammlung des Landes aus der Zeit des späten 8. Jahrhunderts. Westliche Journalisten glaubten sofort, einen neuen Nationalismus zu wittern und dass die Wahl des Namens auf den konservativen Ministerpräsidenten Shinzo Abe zurückzuführen sei. Doch verhält es sich umgekehrt. Vielmehr ist es ein Wunder, dass sich Japan noch so lange ausschließlich auf China bezogen hat, trotz Kulturrevolution und Kommunismus. Es wird Zeit und nichts spricht dagegen, dass eine japanische Kaiser-Ära auch mit der japanischen Kultur zu tun haben kann. Insofern ist es auch kein politischer Bruch mit der Tradition, wie etwa der „Guardian“, die „New York Times“ und deutsche Medien nahelegen wollten. Nach Bekanntwerden des Namens erklärte Abe, der Ära-Name beziehe sich auf einen Vers aus dem Man?yôshu das sich Öffnen einer Pflaumenblüte nach einem harten Winter. Damit basiere nach Abe der Name „auf der langen Erbschaft der Kaiserfamilie, der Stabilität des Landes und dem Glück der Menschen“. Die Silben von „Reiwa“ sind den Versen entnommen: „Es war zum Frühlingsbeginn in einem schönen (rei) Monat, als die Luft klar und der Wind harmonisch (wa) waren, während die Pflaume wie in der Schönheit einer sich mit Puder schminkenden Frau erblühte und die Orchideen sie mit ihrem Duft schmückten.“ Somit ist der Zusammenhang also eindeutig, dass es sich nicht um die Wortbedeutungen „Befehl“, „Gesetz“ oder „Ordnung“ handelt, die auch im Zusammenhang mit der Silbe rei verwandt werden. Das japanische Außenministerium hatte nach ersten Irritationen verlauten lassen, dass die Bedeutung „wunderbare“ oder „schöne Harmonie“ sei, und dass dies als eine offizielle Erklärung, wenn auch nicht als offizielle Übersetzung, verstanden werden soll. Das Man?yôshu aus dem achten Jahrhundert und teils auch davor, die „Anthologie der zehntausend Blätter“, umfasst mehr als 4 500 Gedichte, die nicht wie sonst häufig von Adeligen verfasst wurden, sondern von allen Ständen – vom Kaiser bis zum Bauern. Wegen der Schönheit des Ausdrucks der Gedichte und ihrer oft sehr subjektiven Färbung gehören sie bis heute zu den größten Schätzen der japanischen Dichtung.

Die häufig auftretende Waka-Form der Gedichte mit 31 Silben und fünf Zeilen wird noch heute sehr geschätzt, etwa wenn die Verse des Kaiserpaars beim Utakai Hajime, der „Imperialen Dichterlesung zum Neujahr“, aber auch zu sonstigen Anlässen vorgetragen werden in einem Stil, der den liturgischen Gesängen der Christenheit nicht unähnlich ist. In einem Gedicht der jetzigen Kaiserin Michiko, das an die alte Form anknüpfte, drückte sie ihre Trauer über das Dahinscheiden des Shôwa Tennôs Hirohito 1989 aus: „Bachstelzen/ bringen Leben/ in den winterlichen Garten./ Freudig wollte ich's im Traum berichten./ Und erwachte, in tiefer Einsamkeit.“ (Aus: „Nur eine kleine Maulbeere. Aber sie wog schwer“, Herder 2017).

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Kaiser Akihito Shinzō Abe

Weitere Artikel

Kirche

Nach dem Rom-Besuch spricht der Augsburger Bischof Bertram Meier über das eigentliche Ziel des Synodalen Weges und stellt die Gewissensfrage: Wollten die Bischöfe in Rom hören oder sich ...
30.11.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt
Mit fremden Menschen auf der Straße über den Glauben sprechen ist das „Back to the roots“ der Evangelisierung.
30.11.2022, 11 Uhr
Franziska Harter
Der hohe Wert von Wahrheit und Freiheit – Nächste Folge der losen Serie über die „Köpfe des Konzils“: Bischof Karol Wojtylas Akzentsetzung beim Zweiten Vatikanum.
29.11.2022, 19 Uhr
Christoph Münch