London

Harry, Meghan und Maria

Von der britischen Königin oder der Jungfrau zu lernen, hieße „Ja“ zu sagen zu Verantwortung und Pflicht – darauf haben die Herzogin und der Herzog von Sussex keine Lust.
Auf Distanz zur Königlichen Familie: Prinz Harry und Herzogin Meghan
Foto: Victoria Jones/ PA Wire/ dpa | Auf Distanz zur Königlichen Familie: Auch in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett wird der Exit von Prinz Harry und Herzogin Meghan durch räumliche Trennung dokumentiert. Die pflichtbewusste Königin Elizabeth II.

Jetzt hat also ein junger englischer Prinz beschlossen, seinen Anspruch auf die englische Krone zu behalten, aber seinen repräsentativen Pflichten als Nummer sechs in der Thronfolge des Hauses Windsor nicht mehr nachzukommen. Seine amerikanische Gattin Meghan und er ziehen es vor, sich in Nordamerika selbstständig zu machen – in Kanada hört man es mit Bangen. Naja, sollen sie halt, könnte man sagen, wen interessiert im 21. Jahrhundert schon eine reiche Königsfamilie ohne Macht. Selbst der alte Bolschewik Bertolt Brecht hätte an dieser Schmierenkomödie seine Freude gehabt. Episches Theater: Die Herzogin von Sussex, eine geschiedene Bürgerin und Schauspielerin aus einem fernen Land, betritt die Bühne. Die Herzogin durchbricht die vierte Wand und als geübte Schauspielerin verlässt sie ihre neue Rolle als Mitglied des Königshauses und beginnt mit Publikumsbelehrungen. Der junge Prinz eilt seiner Gemahlin zur Seite, als seine Familie und das Publikum auf die Darbietung der Herzogin mit Buhrufen reagieren. Abgang Herzog und Herzogin von Sussex.

Das Paar steht für Jet Set und Selbstverwirklichung

Auf der anderen Seite Prinz William, Herzog von Cambridge und direkter Thronfolger nach seinem Vater Charles, verheiratet mit der gediegenen Kate Middleton, die er in der schottischen Eliteuniversität St. Andrews kennenlernte. Der äußerliche Gegensatz, aber vor allem das Betragen zwischen den beiden Brüdern, könnte nicht größer sein. Worum geht es?

Beide Jungen hatten mit der Scheidung ihrer Eltern schwer zu schaffen und beide verloren ihre Mutter Prinzessin Diana unter skandalösen und tragischen Umständen bei einem Autounfall, wobei der Altersunterschied zwischen William und Harry hinsichtlich der Bewältigung zum Tragen kommen mag. Wie sein Onkel Andrew wurde Prinz Harry als Partyprinz bekannt und entschloss sich, wie einst sein Urgroßonkel Edward, eine geschiedene Amerikanerin zu heiraten. Bereits die Predigt des amerikanischen Bischofs Michael Curry während der Hochzeit von Harry und Meghan in Windsor Castle war ein Novum und politisches Statement. Harry und Meghan stehen einerseits für den Hedonismus des Jet Set, aber auch für moderne Selbstverwirklichung und Individualismus. Sie haben es vorgezogen, nicht nur Teil einer konstitutionellen Monarchie zu sein, sondern sich zu politischen Themen zu äußern und progressive Standpunkte zu besetzen.

Die Handlungen von Harry und Meghan mögen uns größtenteils lächerlich erscheinen – so belehren sie beispielsweise die Öffentlichkeit über den Klimawandel, während sie in Privatjets herumfliegen. Sie warnen Familien, mehr als ein Kind zu wollen, wobei sie selbst in eine Institution eingebettet sind, für die Familie und Blut von grundlegender Bedeutung sind. Sie haben sich somit zu leichten Zielen öffentlichen Gespöttes gemacht, die sie in ihren jüngsten Aussagen als so schmerzhaft bezeichnen. Und hier muss man ihre Vorwürfe vermeintlicher öffentlicher Voreingenommenheit rundweg ablehnen – sie sind Individuen, die enorme Privilegien besitzen, Harry aufgrund seiner Geburt, Meghan wegen ihres enormen Reichtums. Vor dem Eintritt in ihre zweite Ehe betrug das Nettovermögen von Meghan Markle ungefähr fünf Millionen US Dollar. Bevor sie ihre Ehe begannen, wussten beide, was von ihnen erwartet wird und was kommen würde. Vielleicht kann man sich aber wie in der Mutterschaft nie ausreichend auf das gefasst machen, was vor uns liegt – die Freuden, die Ängste, das Gefühl enormer und beständiger Verantwortung. Aber wenn man einmal „Ja“ sagt, kann es kein Zurück mehr geben.

„Was dieser Schritt grundlegend offenbart,
ist die Unvereinbarkeit der modernen Kultur des Narzissmus
mit den Werten der Pflicht, Loyalität und Selbstverneinung“

Da sie in vielerlei Hinsicht einen Großteil der Kritik, der sie ausgesetzt sind, selbst verschuldet haben, ist es müßig, sich weiter damit zu befassen, auch wenn die Eitelkeit und die Heuchelei schwer erträglich sind. Was dieser Schritt grundlegend offenbart, ist die Unvereinbarkeit der modernen Kultur des Narzissmus mit den Werten der Pflicht, Loyalität und Selbstverneinung, die traditionell mit dem aristokratischen Leben verbunden sind. Doch die progressive Agenda, die Meghan Markle so gut zum Ausdruck bringt, hat auch vieles gemein mit dem Elitismus des bürgerlichen Establishments. Beide haben eine Vorliebe dafür, den kleinen Leuten vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben.

Man mag darauf verweisen, dass Einweihungen und Reden kaum ein Leben des Dienstes und der Hingabe darstellen. Aber auch hier versteht sich die Moderne selbst nicht mehr. Die repräsentative Monarchie entspricht einer weltlichen Ikonographie, trotz der Position des Monarchen als Oberhaupt der Church of England. Ein Teil der englischen Bürger möchte lieber darauf verzichten, doch die englische Monarchie bleibt vorerst bestehen. Und soweit sie ikonografisch wichtig ist, vermittelt sie der Öffentlichkeit ein Bildnis von Dienst, Pflicht und Verpflichtung. Und das ist kein Bildnis im einfachen Sinne. Die Monarchie ist eine ständige visuelle Erinnerung an jene Tugenden, die zumindest früher für die Gesellschaft und das soziale Gefüge, für das Familien- und Privatleben sowie für das öffentliche Leben, für die Gemeinschaft und die Nation von grundlegender Bedeutung waren. Dies ist allerdings nicht die Art von Ikonographie, an der Harry und Meghan teilhaben wollen. Anstatt zu ihrem Volk, ihrer Nation und ihren Verpflichtungen „Ja“ zu sagen, sagen sie: „Nein“, wir werden es so haben, wie wir es wollen. Denken wir aber nur daran, was die Welt verloren hätte, wenn die Jungfrau Maria es ebenfalls so getan hätte.

Eine bemerkenswerte Unfähigkeit zum Leben der Pflicht

Dieses Jahr wird England erneut als Mitgift der Heiligen Jungfrau geweiht. Die erste Widmung wurde von König Richard II. (1367–1400) im Jahre 1381 in der Westminster Abtei vorgenommen, als er angesichts der großen politischen Unruhen den Schutz der Muttergottes suchte. Zu diesem Zeitpunkt erhielt England den Titel „Mary's Dowry“, was bedeutete, dass England als Geschenk, als Mitgift für Unsere Liebe Frau unter ihre Führung und ihren Schutz gestellt wurde. Am Sonntag nach Mariä Verkündigung, dem 29. März 2020 um 12 Uhr versammeln sich die Katholiken in ganz England zur Messe, um die anhaltende Erlösungskraft von Marias „Ja“ zu würdigen. Dieser Moment scheint von den Ereignissen der letzten Tage, die die britische Monarchie erneut in Aufruhr versetzt haben, noch sehr weit entfernt zu sein.

Die plötzliche Ankündigung des Herzogs und der Herzogin von Sussex, sich von ihren Rollen in der Monarchie zurückzuziehen, um ein Leben in „Unabhängigkeit“ zu führen, bekundet eine bemerkenswerte Unfähigkeit zum Leben der Pflicht, des Dienstes und in der Tat der Hingabe, „Ja“ zu sagen, die vor ihnen anlässlich ihrer Hochzeit klar dargelegt wurden. Und so ist die Tragweite der Entscheidung des Herzogs und der Herzogin und die allgemeine Verwunderung darüber eine, über die wir weiter nachdenken sollten. Wem sollen wir uns widmen? Marias „Ja“ hat uns so viel zu lehren. Wir können von ihr viel lernen und müssen uns dabei möglicherweise den Spekulationen über das Tun von Mitgliedern der königlichen Familie und anderer Schauspiele dieser Welt entziehen. Wir können uns davon abwenden und unser Herz wieder ihrem und dem ihres Sohnes, unseres Herrn, widmen.

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