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Hans Urs von Balthasar ist ein Erkenntnisberg

Es sind 3000 Seiten und viele Stunden zu bezwingen, aber die Lektüre ist gehaltvoll und weitet den Horizont auf erstaunliche Weise: Balthasars „Herrlichkeit“ sollte man lesen, meint unser Autor.
Gipfel über Wolken
Foto: Jean-Christophe Bott (KEYSTONE) | Atemberaubende Ansichten: Hat man ein monumentales Lektüre-Vorhaben glücklich beendet, hebt man den Blick vom Buch, so kann man oft staunend erkennen, dass vieles am Grund des Alltags von grauen Wolken überdeckt ist.

Von einem Gipfel aus sieht man besser. Manch anderes erscheint dann zwergenhaft klein. Ins Reich der Bücher übertragen ergeht es mir so, nachdem ich den siebten und letzten Band von Hans Urs von Balthasars Monumentalwerk „Herrlichkeit“ fertig gelesen habe. Knapp 3000 Seiten. Nun, ich sollte besser dazu sagen, dass ich vor 10 Jahren mit dem Lesen begonnen habe. Immer wieder Unterbrechungen, doch nun ist der Aufstieg vollendet und mein Blick auf das meiste Andere in der Theologie verändert.

„Er reibt sich verwundert die Augen
und ist ein wenig erschüttert über den Kontrast zwischen dem soeben Gelesenen
und dem an der Universität im eigenen Studium Gehörten“

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Das, was ich an zeitgenössischer Theologie gelesen habe, erscheint mir an Balthasar gemessen tatsächlich klein – allem voran selbstverständlich besonders das, was ich selbst geschrieben habe. Was so bemerkenswert daran ist, kann in vier Punkte gegliedert werden. (1) Balthasar wagt einen theologischen Gesamtentwurf. Alle Themen der Theologie in großen Linien zu zeichnen und in ein einziges System zu fassen, war im Hochmittelalter und bis in die Neuzeit noch üblich. Doch heute eine „summa theologica“ vorzulegen, brächte einem wohl den Vorwurf des Größenwahns ein.

Balthasar hat es tatsächlich geschafft. In „Herrlichkeit“ allein gelingt ihm eine Gesamtdarstellung aller wesentlichen Themen der Dogmatik allein unter der Kategorie des „Schönen“; darin ein Durchgang durch die gesamte Bibel, die Theologiegeschichte, die Philosophie und die Spiritualität. Dies gelingt ihm, ohne den Überblick zu verlieren oder die innere Mitte und die zentralen Gedankengänge zu lange in Nebenspuren zu verlassen.

Balthasars Denken setzt bei Gott an

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(2) Balthasars Theologie ist theozentrisch. Im Gegensatz zu fast allen seinen theologischen Zeitgenossen (Karl Barth ausgenommen) setzt sein Denken nicht beim Menschen an, sondern bei Gott. Bei dem, wer er ist und wie er sich in Jesus Christus geoffenbart hat. Dadurch hebt seine Theologie sich erfrischend unmodern ab von so vielen anderen jüngeren Texten: Sie verleitet zum Staunen, zum Anbeten, zur Kontemplation und ist dennoch alles andere als irrational oder hermetisch.

(3) Er entwickelt sein Denken im tiefen Dialog mit der Philosophiegeschichte und der großen Literatur in Lyrik, Belletristik und Drama; das ist zum einen für Theologen schon alles andere als selbstverständlich. Die Gründlichkeit und Tiefe der Auseinandersetzung aber sucht in der gesamten Geschichte der Gottesgelehrtheit ihresgleichen.

Erstaunlicher Kontrast zu dem, was an Universitäten gelehrt wird

(4) Die letzte hier zu nennende herausragende Eigenschaft Balthasars Werk ist die spirituelle Tiefe seines Denkens und seine Rezeption der mystischen Theologie, sowie der Heiligen der Kirche. Wenige Theologen des 20. Jahrhunderts haben auch die charismatische Dimension des Glaubens, das Sich-Ereignen der Gnade noch über alles Planbare und in kirchlichen Strukturen Abbildbare hinaus so ernst genommen wie Balthasar. Hinsichtlich der vier nun genannten Punkte bleibt der Leser nach 7 Bänden zwar ein wenig überwältigt, doch in erster Linie beglückt zurück. Er reibt sich verwundert die Augen und ist ein wenig erschüttert über den Kontrast zwischen dem soeben Gelesenen und dem an der Universität im eigenen Studium Gehörten. Und möge man auch 10 Jahre brauchen, lohnend ist die Lektüre allemal.

 

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