Grundlagen des Gemeinwesens

Robert Spaemann und Martin Rhonheimer erörtern das Verhältnis von Staat, Kirche und Recht. Von Sebastian Krockenberger
Papst Benedikt XVI. besucht Deutschland
Foto: Soeren Stache (dpa) | Benedikt XVI. sprach im Deutschen Bundestag im September 2011 über Grundlagen des Naturrechts.DT/dpa

Papst Benedikt XVI. besuchte im September 2011 Deutschland. In seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011 sprach er über das Naturrecht. Die großen Medien und die mächtigen Entscheider in Berlin wollten damals nicht so richtig wahrnehmen, was der Papst da machte. Vor aller Öffentlichkeit setze er einen Impuls zur Debatte über das Naturrecht.

Mit Blick auf diese Rede des Papstes fragt Hanns-Gregor Nissing: „Welches sind die geistigen und ethischen Grundlagen, in denen unser Gemeinwesen wurzelt?“ Nissing, Referent für Glaubensbildung im Geistlichen Zentrum der Malteser in Ehreshoven, versammelt im Sammelband „Naturrecht und Kirche im säkularen Staat“ Beiträge herausragender Denker zur Materie. Der Band ist Ergebnis zweier Tagungen des Philosophischen Arbeitskreises „Vernunft und Glaube“ vom November 2012 und Mai 2014. Ein gutes Dutzend deutschsprachiger Philosophen treffen sich in unregelmäßigen Abständen im Rahmen des Arbeitskreises zum Austausch untereinander und mit einem interessierten Publikum. Bereits 2010 hat Nissing mit Aufsätzen aus diesem Kreis den Sammelband „Natur – Ein philosophischer Grundbegriff“ veröffentlicht. Der 2016 veröffentlichte Band knüpft lose daran an.

Der Philosoph Robert Spaemann leistet schon seit Jahrzehnten immer wieder Beiträge zur Debatte um das Naturrecht. In seinem Aufsatz „Warum gibt es kein Recht ohne Naturrecht?“ am Anfang des Sammelbandes setzt er sich mit drei Einwänden auseinander, die häufig gegen das Naturrecht erhoben werden. Spaemann ist der Überzeugung, dass die Vernunft eine Wahrheit erkennen kann, wie das, was von Natur aus rechtens ist. Es seien heute „in erster Linie Katholiken, die die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft verteidigen“. Oft wird das Naturrecht daher als eine „katholische Sonderlehre“ bezeichnet.

Um das zu widerlegen, führt Spaemann nicht-katholische Autoren an, die das Naturrecht vertreten. Auch ist das Naturrecht für ihn keine „Leerformel, die man mit beliebigen Inhalten füllen kann“. Uneinigkeit über seinen Inhalt ist eher Hinweis auf seine Objektivität. „Gerade weil das Naturrecht nicht auf dem Belieben der Herrscher beruht, sondern ihnen als eine objektive Norm vorgegeben ist, kann es darüber Streit geben.“

Gegner des Naturrechtes werfen ein, dass aus einem Sein kein Sollen folgen könne. Spaemann setzt diesem ein einfaches Beispiel entgegen: Wenn jemand Hunger hat, folgt daraus durchaus, dass man ihm zu essen geben soll. Auf wenigen Seiten steckt Spaemann die entscheidenden Punkte der Naturrechts-Debatte ab.

Weitere Beiträge vertiefen die Thematik. So erörtert beispielsweise Berthold Wald, wie „Menschenwürde und Menschenrechte“ vom Naturrecht herkommen. Er warnt vor einer Rechtsentwicklung, bei der die Menschenrechte von ihren Wurzeln im Naturrecht getrennt werden. Denn „der kulturelle Wechsel vom Naturrecht zu den Menschenrechten“ beinhaltet, dass auf eine Begründung der Menschenrechte mehr und mehr verzichtet wird. Alles außer der individuellen Freiheit werde nicht mehr für begründbar gehalten. Wald diagnostiziert einen „Vernunftverzicht zugunsten der Freiheit“.

Im zweiten Teil des Bandes geht es um das Verhältnis von Kirche und Staat. Martin Rhonheimer betont, dass das Christentum die Trennung von Religion und Politik als „ein absolutes Novum in die Geschichte gebracht“ habe. Erst dadurch wird der säkulare Staat möglich, „der eine Ordnung der Freiheit und der Sicherheit ist“. Er zeigt, wie der Kampf um die libertas ecclesiae – die „Freiheit der Kirche“ gegenüber der staatlichen Gewalt – das Verhältnis von Kirche und Politik gestaltet hat. In heutiger Zeit diagnostiziert er eine neue Form der Verschränkung von Kirche und Staat. Ein „Sozialstaatskirchensystem“ ist entstanden. Die Entflechtung von Staat und Kirche hält Rhonheimer daher für notwendig. Damit ist auch die „Entweltlichung“ der Kirche gemeint, die Papst Benedikt XVI. in seiner Freiburger Rede während seiner Deutschland-Reise 2011 anmahnte.

Der Philosoph Hermann Lübbe beschäftigt sich mit dem deutschen Staatskirchenrecht, diskutiert die Weiterentwicklung des Verhältnisses von Kirche und Staat und plädiert ähnlich wie Rhonheimer für eine stärkere Trennung. Der Politikwissenschaftler Reinhard Mehring beleuchtet Hintergrund und Entstehung des „Böckenförde-Diktums“ im Kontext der politischen Theologie Carl Schmitts.

Wenn Politik die Religion bewusst instrumentalisiert, wird das auch als „politische Religion“ bezeichnet. Unabhängig vonein-ander haben Eric Voegelin und Raymond Aron diesen Begriff unter dem Eindruck der totalitären Regime in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt. Der Münchener Philosoph Hans Otto Seitschek setzt sich mit beiden auseinander.

Die insgesamt neun Aufsätze und der fundierte Einleitungstext von Hanns-Gregor Nissing verschaffen einen guten Überblick über „ethische und geistige Wurzeln“ des Gemeinwesens. Die inhaltlich sehr dichten Texte beschäftigen sich mit Fragen von dauerhafter Relevanz.

Hanns-Gregor Nissing (Hrsg.):
Naturrecht und Kirche im säkularen Staat.
Verlag Springer VS, 208 Seiten, ISBN: 978-365812-142-6, EUR 39,99

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