Graue Sterne über dem Kreml

Mit ihrem Roman „Die Moschee Notre-Dame“ sorgt sie derzeit in Westeuropa für Aufsehen. Von Jelena Tschudinowa
Fußball: WM-Auslosung-Vorbereitung
Foto: dpa | Moskau in Grau: Passanten auf dem Roten Platz mit der Basilius-Kathedrale (l), Lenin-Mausoleum und der Mauer vom Kreml (r).

Wir können uns freuen: Immerhin ist der 100. Jahrestag am 9. November in Russland nicht als gesetzlicher Feiertag begangen worden. „Und in welchem Zusammenhang sollte er auch gefeiert werden?“, fragte im Vorfeld dazu Dmitri Peskow, der Sprecher des russischen Präsidenten, bei einer Pressekonferenz. Mit dieser Äußerung erregte er zwar den Zorn der kommunistischen Zeitungen und Medien, alles in allem spiegelte sie jedoch die Stimmung der russischen Gesellschaft wider.

In diesen Tagen kündigte auch die orthodoxe Aktivistengruppe „Vierzig mal vierzig“ an, Unterschriften für die Ersetzung der roten fünfzackigen Sterne auf den Türmen des Kreml durch den doppelköpfigen Adler, dem historischen Symbol für das Russische Reich, sammeln zu wollen. Eine Auswechslung dieser Sterne scheint richtig und notwendig zu sein. Der Moskauer Kreml ist ein Symbol für den russischen Staat. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist die kommunistische Ideologie schon nicht mehr Staatsdoktrin. Der doppelköpfige Adler dagegen ist präsent auf unseren Geldscheinen, in den Behörden und auf deren Emblemen. Was also machen die roten Sterne noch auf dem Kreml?

Ach, hier stehen wir vor einer komplexen Erscheinung im Leben der zeitgenössischen russischen Gesellschaft. Im Verlauf der Konferenz mit Dmitri Peskow beschrieb dieser auch das Verhältnis der Autoritäten zu den Ereignissen der Revolution als „zwiespältig“. In diesem seltsamen Zwiespalt leben wir nun seit einem Vierteljahrhundert.

Am 4. November 2017 fand ein katholischer Kongress in Moskau anlässlich des einhundertsten Jahrestages der russischen Katastrophe und der Erscheinungen der Gottesmutter in Fatima statt, welche das Unheil Russlands damals präzise vorhergesagt hatte. In Moskau zeichnete Monsignore Bernard Fellay (FSSPX) eine klare Charakteristik des Relativismus, als er sagte, man versuche von den Menschen eine Antwort auf die Frage zu bekommen, ob das, was sie vor sich sähen, schwarz oder weiß sei. Die Antwort erschiene einfach, aber man höre: Grau! Grau! Die kommunistische Staatsdoktrin ist abgeschafft, aber niemals verurteilt worden. Und dieser Grauschleier ermöglicht kein gesundes gesellschaftliches Klima.

Die staatlichen Behörden weichen öffentlichen Debatten darüber aus, was die Probleme nicht löst, sondern vielmehr akkumuliert. Wie sollen unter diesen Bedingungen Schulbücher verfasst werden? Nach welchen Vorbildern soll der einfache Bürger seine Kinder erziehen?

Meine Heimatstadt Moskau ist eine Stadt der Paradoxien. Die orthodoxe Kirche hat die kaiserliche Familie, die von den Kommunisten 1918 ermordet wurde, als Märtyrer in die Reihen ihrer Heiligen aufgenommen. Kürzlich wurde in Moskau eine Kirche zu Ehren der Familie des letzten Zaren erbaut. Und wo befindet sich dieser Bau? Neben einer Metrostation namens „Woikowa“, die nach einem der Mörder dieser Heiligen benannt ist. Eben jener Woikow war derjenige, der Schwefelsäure besorgt hatte, in der sie die Leichen des Zaren und seiner Familie aufzulösen beabsichtigten. Ist eine solche Nachbarschaft denn denkbar?

Die orthodoxe Kirche kämpft schon seit vielen Jahren für eine Umbenennung dieser Metrostation – doch die Stadtverwaltung von Moskau bleibt hartnäckig.

Seit einem Vierteljahrhundert ist auch die Frage nach der Zukunft des Lenin-Mausoleums auf dem Roten Platz offen. Und jedes Mal, wenn diese Frage gestellt wird, hört man immer das selbe: „Ja, man müsste den Leichnam beisetzen … aber jetzt ist noch nicht die Zeit dafür.“ In den neunziger Jahren sagte man, es sei nicht gut, die Gefühle der noch lebenden Revolutionäre von 1917 zu verletzen. Heute ist keiner von ihnen mehr am Leben.

Nun erinnert man daran, dass am 7. November 1941 eine Militärparade in Moskau stattfand, deren Teilnehmer sofort an die Front abkommandiert wurden. Ungefähr ein halbes Dutzend jener Teilnehmer von damals lebt noch und sie treffen sich jährlich am 7. November auf dem Roten Platz. Die Argumentation ist nicht sonderlich stark; schließlich könnte man für einen Tag im Jahr das demontierte Mausoleum als eine Art Modell wieder aufstellen … Und sobald auch diese wenigen Überlebenden in eine bessere Welt gegangen sein werden, wird die Zeit kommen. Doch auf wen müssen wir als nächstes Rücksicht nehmen? Wann wird der letzte Komsomolze sterben? Der letzte Pionier? Der letzte „Oktjabrjonok“? Dort traten Kinder bereits im Alter von sieben Jahren ein als eine Vorstufe zu den Pionieren, was bedeutet, der letzte „Oktjabrjonok“ dürfte jetzt etwas mehr als 30 Jahre alt sein. Die Behörden wollen die naheliegendste Tatsache nicht sehen: es gibt keine prinzipielle und generelle Lösung, mit der die gesamte Bevölkerung des Landes zufrieden sein könnte. Wenn die letzte Person stirbt, die sich noch daran erinnern konnte, „dass es in der UdSSR sehr leckeres Eis gab“, dann wird ihr jemand nachfolgen, der zwar das Eis von damals niemals gekostet, aber dafür von seiner Großmutter davon erzählt bekommen hat. So geht es ohne Ende weiter. Es sind nun einmal die Umstände, die von den staatlichen Behörden verlangen, Verantwortung zu übernehmen. Zum hundertsten Jahrestag der Revolution ist Russland das Problem nicht angegangen, den Kommunismus offiziell zu verurteilen. Die kommunistischen Parteien bleiben erlaubt – es gibt noch ein paar von ihnen im Land.

Zum zweiten Mal nach den Ereignissen der Französischen Revolution kamen in einem christlichen Land Kräfte an die Macht, die eine solche Ungeheuerlichkeit, einen Stratozid, entfesselt haben. Über Völkermord wird heute viel geredet. Aber inwiefern sollte ein Stratozid weniger schrecklich sein? Es gab eine Eliminierung bestimmter gesellschaftlicher Klassen. Die Vernichtung der Offiziere, des Adels, der reichen Gutsbesitzer und wohlhabenderen Bauern, der Kaufleute. Selbst die friedliebendste soziale Klasse, die Geistlichkeit, sah sich einer ungeheuerlichen Verfolgung ausgesetzt.

Statistik ist eine trockene Angelegenheit. Doch was die trockenen Zahlen zur Verfolgung der orthodoxen Kirche während und nach der Revolution betrifft, so gelingt es ihnen, einen Schauder des Schreckens hervorzurufen: Allein im Jahre 1922 wurden insgesamt etwa 8 100 Priester getötet. Sie wurden massenhaft ermordet, sie wurden verfolgt und diskriminiert, ebenso wie die einfachen Gläubigen. Gemäß den Zahlen der orthodoxen geisteswissenschaftlichen Universität St. Tichon, Moskau, wurden während der Sowjetzeit insgesamt etwa 200 000 Menschen aufgrund ihres religiösen Bekenntnisses getötet, sie wurden ermordet ohne Gerichtsverfahren oder sind im Gefängnis verstorben. Noch einmal – dies vollzog sich in einem christlichen Land, zum zweiten Mal in der Geschichte des ganzen Kontinentes, auf dem man einst das Kreuz errichtet hatte.

Am 2. Februar 1930 forderte Seine Heiligkeit Papst Pius XI. die gesamte katholische Welt auf, für „die verfolgte russische Kirche“ zu beten. Die Repressionen gegen die Geistlichkeit haben während der ganzen Dauer der Sowjetunion nie aufgehört.

Am 4. November 2017 eröffnete Putin ein neues Zentrum des Gedenkens für die Opfer politischer Repression. Zu diesem Anlass sagte er, jedermann konnte verleumdet und der absurdesten Dinge bezichtigt werden, Millionen von Menschen konnten zu „Volksfeinden“ erklärt werden, wurden erschossen, gefoltert, verstümmelt und in die Gefängnisse, Lager oder ins Exil geschickt.

Ausgezeichnet! Aber es ist noch gar nicht lange her, da gratulierte er noch dem ehemaligen Vorsitzenden der kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow, zum 70. Geburtstag. Die selbe Partei, die in der Kontinuität der Mörder steht, die diese Repressionen veranlasst und vollzogen hat. Eben jener Sjuganow, der dazu aufgerufen hatte „von Lenin und Stalin zu lernen“, also von denen, welche die Urheber jener schlimmen politischen Unterdrückung sind. Aber wenn man also Sjuganow gratuliert – und Putin brachte ihm sogar ein Geschenk mit, eine Statuette aus Metall, die den roten Kommandanten Tschapajew darstellte! – was für einen Sinn soll es da haben, Blumen für die Opfer niederzulegen? Und wenn man Blumen am Denkmal für die Opfer niederlegt, warum ehrt man dann Sjuganow auch noch öffentlich?

Die Gesellschaft ist von dieser „grauen“ Ideologie durchdrungen und es besteht kein Zweifel, sie ist besser als „schwarz“. Heute veröffentlicht man Bücher über die Gräueltaten der Bolschewisten, verlegt theologische Literatur, Biografien über Helden des weißen Widerstandes – von so etwas konnten wir zur Zeit meiner Jugend nur träumen. Und da ist auch in meiner Erinnerung, wie ich als junge Frau zu Beginn der achtziger Jahre meinen ersten Roman geschrieben hatte, über General Judenitsch, einen Befehlshaber der Nordwest-Armee [ein Teilverband der Weißen Armee] und wie ich in Kauf nahm, dafür sogar ins Gefängnis zu gehen.

Heute erlebt dieses Buch seine sechste Auflage und liegt ruhig und unbehelligt in den Regalen der Buchhandlungen. Klar. Aber in den Regalen gegenüber liegen Apologien über Lenin und sogar Stalin. Und das, obwohl Stalin im Gegensatz zu Lenin sogar offiziell auf dem 20. Parteitag der KpdSU verurteilt wurde. Und jetzt ist Stalin wieder in Mode gekommen (vor allem bei älteren Menschen und radikalen Jugendlichen). Widerspreche ich mir hier nicht? Er wurde verurteilt und dennoch „kehrte er wieder zurück“? Die offizielle Verurteilung ist also doch kein Allheilmittel?

Es gibt hier keinen Widerspruch, aber eine besondere Kuriosität: Stalin wurde nach seinem Tod in der UdSSR verurteilt. Zur Zeit meiner Kindheit war er praktisch nicht mehr vorhanden im Bewusstsein der damaligen Gesellschaft. Die politischen Verfolgungen während der dreißiger Jahre waren offiziell anerkannt. Vollständig beschwiegen wurden die Verbrechen Lenins und der ersten Bolschewisten, aber auch eine halbe Wahrheit ist immer noch besser als eine komplette Lüge. Stalin kam in Schulbüchern vor, in Wochenschau-Chroniken oder in historischen Filmen, aber niemand machte aus ihm eine positive Symbolfigur. Zur Zeit als ich eingeschult wurde, konnte ich mir keine Plakatdekoration mit Stalin auf dem Roten Platz anlässlich eines Feiertages vorstellen. Stalin ist als eine völlig mythologisierte Gestalt, ein „Fabelwesen“, in die Köpfe der Menschen des neuen Russlands zurückgekehrt. Und das konnte nur deshalb vonstatten gehen, weil das neue Russland sich nicht bemüht hat, Stalins Verbrechen gegen das russische Volk, die Kirche und die Wissenschaft offiziell zu verurteilen. In diesem Sinne hat es sich sogar noch einen Schritt weiter von der Wahrheit entfernt, verglichen mit der UdSSR.

Ganz besonders eigentümlich kommt einem aber der zeitgenössische historische Relativismus in Russland vor. Einer seiner kläglichsten Erweise ist der Spielfilm „Mathilda“, der an der Abendkasse zwar gescheitert, aber nichtsdestotrotz einen handfesten innergesellschaftlichen Skandal verursacht hat. Zweifellos bestand die Absicht der staatlichen Kinematographen darin, „irgendetwas über den Zaren“ zu machen. Im Ergebnis landeten sie dann bei einer fast erfundenen Liebesgeschichte aus der Jugend des Zarewitsch. Hinzu kam eine unvorstellbare Vulgarität – außerdem ein bemerkenswerter geschichtlicher Analphabetismus der Autoren. Das Kulturministerium trat diesen Vorwürfen so weit möglich entgegen, allerdings wurde es schwierig, zu erklären, warum die Anstößigkeiten für russische Patrioten und orthodoxe Gläubige, die nicht den geringsten künstlerischen Wert besitzen, aus dem Staatshaushalt budgetiert wurde. Beklagenswert und bedauerlich.

Doch nein, die Autorin dieser Zeilen befindet sich im Bereich dieses „Grau“ immer noch besser als im Bereich des Schwarzen. Aber ich wollte lieber im Hellen sein, im Weißen. Damit ist nicht die gleichnamige Armee gemeint, sondern die Idee, der ich schon mein ganzes Leben lang diene. „Leuchtendes Weiß hält nieder die Schwärze/ Weißes Kirchlein Gewitter und Donner bezwingt/ Der weiße Gerechte das Sodom wehrt/ mit dem Lilienschilde, nicht mit dem Schwert“, schrieb vor 100 Jahren die große russische Dichterin Marina Zwetajewa.

Unsere Gesellschaft ist angekränkelt im Bezug auf eine klare Unterscheidung zwischen den Kategorien Gut und Böse. Doch es gibt im heutigen Russland genug Kraft, um eines Tages die menschenfeindliche Ideologie des Kommunismus zu verwerfen, ob in ihren Zielsetzungen oder ihren Protagonisten. Früher oder später wird das makabre Mausoleum vom Roten Platz verschwinden und der doppelköpfige Adler zu den Mauern des Kreml fliegen.

Übersetzt aus dem Russischen von Barbara Wenz.

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