Heiligenkreuz

Gottesfurcht als Therapie für die Ängste der Moderne

Mit ihrer bewährten Mischung aus philosophischen, theologischen und psychologischen Betrachtungen näherte sich am Samstag im barocken Kaisersaal des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz das „Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (RPP) dem Phänomen der Angst.
Die Mitteltafel des Triptychons „Das Jüngste Gericht“ von Hieronymus Bosch (1485 bis 1505)
Foto: IN | Die Mitteltafel des Triptychons „Das Jüngste Gericht“ von Hieronymus Bosch (1485 bis 1505) zeigt die metaphysische Wirklichkeit: Christus bietet als Richter Orientierung.

Mit ihrer bewährten Mischung aus philosophischen, theologischen und psychologischen Betrachtungen näherte sich am Samstag im barocken Kaisersaal des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz das „Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (RPP) dem Phänomen der Angst. Die dem Unbedarften auf den ersten Blick vielleicht verwandt oder benachbart scheinenden Begriffe des Titels, „Gottesfurcht und Heidenangst“, erwiesen sich dabei als Gegensatzpaar und scharfer Kontrast, ja Gottesfurcht geradezu als Therapie der Heidenangst.

Diesen Ertrag der Fachtagung nahm der Abt des boomenden Klosters Heiligenkreuz, Maximilian Heim, in seinem Grußwort als Hausherr bereits vorweg, als er davon sprach, dass unsere sich aufgeklärt wähnende Zeit an ganz unaufgeklärten Ängsten leide. Das konnte der renommierte Vorarlberger Psychiater und Neurologe, Gerichtsgutachter und Bestsellerautor Reinhard Haller aus psychiatrischer Expertise und psychotherapeutischer Praxis breit belegen. „Angst ist ein zunehmendes Phänomen, obwohl wir in relativ sicherer Zeit leben“, sagte Haller.

Während des Zweiten Weltkriegs habe es kaum „posttraumatische Belastungsstörungen“ gegeben, doch würden diese heute ebenso wie Depressionen und Ängste rapide, ja geradezu inflationär wachsen. Bis 2020 würden Depressionen laut Weltgesundheitsorganisation WHO die zweithäufigste Erkrankung sein. An sich sei Angst weder gut noch schlecht, sondern neutral, so Haller. Angesichts von Bedrohungen sei Angst nützlich, weil sie zu Stressreaktionen, zu einer „Generalmobilmachung“ der Persönlichkeit führe. Doch könne dieses sinnvolle System zur Krankheit werden. Dann werde der bei Gefahr anschlagende Wachhund zum bedrohlichen Wolf.

„Angst bindet die Schicksale von Menschen!“ So könne die Hälfte der hochbegabten Musiker wegen Ängsten die eigene Karriere nicht wirklich entfalten. „20 Prozent der Bevölkerung leiden an behandlungsbedürftigen Ängsten“, meinte der in Innsbruck lehrende Psychiater, der Panikattacken, Phobien und Zwänge erläuterte. Umgekehrt sei jedoch auch die fehlende Ängstlichkeit ein Problem, weil sie etwa die Neigung zu Verbrechen erleichtere. Bei Kriminellen wie den fälschlich als „Amokläufer“ bezeichneten Schul-Massakristen habe man festgestellt, dass die für Empathie verantwortlichen Spiegelneuronen in einer bestimmten Hirnregion fehlten. Die Angstbereitschaft resultiere aus Anlage, Charakter, Selbstwertempfinden, Temperament und Erziehung. Angst werde zur Krankheit, wenn sie zu stark, zu häufig und unangemessen auftritt oder wenn jemand darunter leidet, meinte Professor Haller. Er erläuterte existenzielle Ängste vor Sinnlosigkeit und Weltverlust („Das Nichts ist bedrohlich“), vor Verarmung, Vernichtung, Versündigung und Verlassenheit. Im Steigen begriffen, aber tabuisiert seien Ängste vor Machtverlust, die zunehmend zu sogenannten „Familientragödien“ führen, ebenso wie narzisstische Ängste.

Haller riet gesellschaftlich dazu, Angst zu enttabuisieren. Die Betroffenen sollten professionelle Hilfe nicht scheuen. Mit einem speziellen Phänomen, das viel mit Angst zu tun habe und die innere Freiheit nehme, beschäftigte sich der Wiener Psychiater, Neurowissenschaftler und Psychotherapeut Raphael Bonelli: mit dem Perfektionismus, der „panischen Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit“. Der RPP-Gründer Bonelli beschrieb aus seiner psychotherapeutischen Praxis die unbewussten Ängste vor Liebesverlust und Ausgrenzung, in der die eigenen Fehler zur existenziellen Bedrohung werden. Nicht das hohe Ideal sei der Denkfehler des Perfektionisten, denn ein hohes Ideal mache noch nicht an sich neurotisch. Vielmehr verwechsle der Perfektionist das Soll, an dem das Ist wachsen kann, mit einem Muss.

Der Perfektionist sei innerlich unfrei, kreise um sich selbst, habe eine falsche Wertehierarchie und einen Horror davor, kritisiert oder in Frage gestellt zu werden. Im Religiösen setze der Perfektionist auf Selbsterlösung: Er wolle tadellos vor Gott stehen, nicht aber als Sünder und Bittender. Perfektionistische Häresien seien die Gnosis und der Pelagianismus, Jansenisten, Katharer und Albigenser. Als Lernziel nannte Bonelli „Imperfektionismustoleranz“, also die Fähigkeit, die eigene Fehlerhaftigkeit und die Differenz zwischen Ist und Soll anzunehmen.

Die früher in Dresden und nun an der Hochschule in Heiligenkreuz lehrende Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die von den Anfängen 2007 an zu den tragenden Säulen der RPP-Tagungen zählte, brachte ein Licht in die tiefen „Brunnen der Vergangenheit“. Sie zeigte, dass die Angst vor Endlichkeit wie vor Schuld zum Gebrochensein des „Mängelwesen Mensch“ (Karl Jaspers) zählt. Alles Leben sei durchsäuert von Endlichkeit: „Alles, was Stoffwechsel hat, stirbt.“ Das sei die Quelle der Angst vor der Endlichkeit. Im 20. Jahrhundert sei die Philosophie zur Tanatologie geworden, zum „Verwinden“ – nicht aber Überwinden – der Angst vor der Endlichkeit. Gerl-Falkovitz zitierte Martin Heidegger mit dessen Rat zum gelassenen Einstimmen in das Ende, mit seiner Weisung, „die Sinnlosigkeit des Daseins als Sinn des Daseins anzunehmen“ und seiner „Unbedingtheit des Entschlusses, den Tod als Ende anzunehmen“.

Als zweite große „Quelle unserer Daseinsbelastung“ beschrieb die Philosophin die Angst vor der Schuld, und zwar noch vormoralisch und vorpersonal verstanden als ontische Schuld durch das Dasein selbst. Religion bearbeite Schuld, „weil sie da ist“. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz beschrieb aber auch, was mit Heidenangst gemeint ist: die Angst vor den Göttern, den Drang zu Selbstaufgabe und Selbstopfer angesichts des Übermächtigen. Das Gegenteil von Angst sei ein Leben aus Vertrauen: „der Treue des Daseins trauen“. Die Israeliten hätten dem Einen, Allgewaltigen vertraut, weil Gott treu ist. Die Entmachtung der unzuverlässigen, willkürlichen Gewalten gehe hier einher mit dem Vertrauen in die Bundestreue Gottes. Während im Buddhismus die Lebensschuld durch den Tod abgezahlt werde, sei das Christentum eine einzigartige Umdrehung der Religionsgeschichte. Durch das Heilshandeln Gottes werde das Dasein zur Gabe. Der Mensch werde nicht vernichtet, sondern vollendet, nicht in das All-Eine aufgelöst, sondern getröstet.

Marianne Schlosser, Professorin für Theologie der Spiritualität an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, zeigte, dass Furcht und Liebe nicht nur Gegensätze sind, sondern ineinander verflochten sein können. Biblisch gebe es die „Furcht des Herrn“ als numinose Furcht vor dem Heiligen und Machtvollen, als moralische Furcht angesichts des eigenen Sünderseins und als Furcht des Glaubenden, der niemanden so ehrt und achtet wie Gott. Der Gottesfürchtige vertraue mehr auf Gott als auf sich selbst. Die Gotteserkenntnis sei in der Bibel mit Selbsterkenntnis verbunden, damit, Gott und die Welt mit den Maßstäben Gottes zu sehen.

Das „Gespür für Gott“ gelte darum als Weisheit, die allerdings nicht im theoretischen Wissen verbleibe, sondern mit dem Tun des Menschen verbunden sei. „Liebe ist Gott gegenüber kein Gefühl, sondern ein Gebot der Treue“, so Schlosser. Im Neuen Testament nehme die Haltung der Gottesfurcht noch zu.

Schlosser befasste sich in ihrem Vortrag auch mit den Ursachen der Skrupulanz, also des überängstlichen Gewissens. Gegenstand der Furcht könne ein in der Zukunft liegendes Übel sein, aber auch etwas Erhabenes. Gott als vollkommenes Gut könne nicht gefürchtet werden, wohl aber das, was von Gott ausgeht, also die Strafe oder dass das eigene Wohlbefinden und die übertriebene Selbstliebe gestört werden könnte. Die Furcht vor Strafe sei ein Anfang der Erkenntnis, aber noch keine Tugend. Eine Tugend dagegen sei die Furcht vor der eigenen Schuld aus Liebe zu Gott. Gott mit Ehrfurcht und Liebe zu betrachten sei bereits eine Forderung der natürlichen Gotteserkenntnis, wobei Ehrfurcht mit der eigenen Demut verknüpft sei.

„Gottesfurcht“ sei in der akademischen Theologie heute praktisch am Aussterben, meinte der Rektor und Dogmatiker der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“, Pater Karl Wallner. Der postmoderne Mensch sei nicht unreligiös, lasse aber die Religion nur da gelten, wo sie das Ich glücklich macht. Gott aber habe den Menschen auf Ihn selbst hin geschaffen, weshalb der Mensch ein „ens religiosum“ bleibe.

In den Religionen der Welt sei die Gottesfurcht eine Angst vor dem Numinosen. „Tatsächlich verhalten sich die antiken Götter fürchtenswert“, so Karl Wallner. Sie würden ebenso irrational handeln wie die Menschen auf Erden. Der Kult diene hier dazu, die launischen Götter bei Laune zu halten. Im Christentum dagegen geschehe die Vergeistigung des Opfers in der Eucharistie. Die Selbstoffenbarung Gottes habe einen „exorzierenden Charakter“, da sie die Dämonen und Geister – und die Furcht vor ihnen – austreibe. „Der Jude darf nur mehr Jahwe fürchten. Schluss mit der irrationalen Heidenangst!“

Pater Karl Wallner zitierte den protestantischen Theologen Karl Barth, der den Religionen als der Suche des Menschen nach Gott die jüdisch-christliche Offenbarung als Suche Gottes nach dem Menschen gegenüberstellte.

Die Gottesfurcht im Alten Testament sei eben keine irrationale Heidenangst, sondern die Achtung vor dem Unfasslichen, Anbetungswürdigen und Heiligen. Dieses Erschaudern der Gläubigen begleite auch das Wirken Jesu, etwa bei seinen Wundern und Heilungen, bei seiner Verklärung und den Worten Jesu über sich selbst. Wie Gott ist und wie der Mensch ihn fürchten soll, das zeige sich am Kreuz. Darum überwinde die authentische Gottesfurcht auch jede falsche Menschenfurcht. Wallner nannte als Beleg dafür den Widerstand gläubiger Christen gegen totalitäre Tyranneien.

Die christliche Gottesfurcht sei keine knechtische Furcht, sondern kindliche Ehrfurcht, die vom Aberglauben befreie. Ohne den Schrecken vor Gottes Herrlichkeit würde aber der Liebe zu Gott die Anbetung fehlen. Pater Karl Wallner zeigte sich überzeugt davon, dass die rechte Gottesfurcht geradezu eine Therapie sei.

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