Glaubensreise durch die Ewige Stadt

Der zweite Teil von „Vrbs Aeterna“ führt geografisch wie geistig bis in die entlegensten Winkel Roms. Von Natalie Nordio
San Bartolomeo all'Isola in Rom
Foto: IN | In San Bartolomeo all'Isola endet Rilingers Rundgang durch Rom. An der schlichten Kirche auf der Tiberinsel strömen tagtäglich Millionen von Besuchern achtlos vorbei, obwohl der auf das Jahr 1000 zurückgehende Bau ...

Vor einem guten Jahr begann Lothar C. Rilingers geistiger und geistlicher Spaziergang durch Rom (DT vom 12.5.2017). Mit „Vrbs Aeterna II – unterwegs zu den christlichen Gedächtnisorten in Rom“ begibt sich der Autor nun erneut auf ganz besondere Streifzüge durch die Ewige Stadt. Diese Rundgänge führen ihn geografisch in so manche Ecke der Stadt, die die meisten Rom-Besucher wohl eher links liegen lassen würden, die dem Autor aber dabei helfen, gedanklich neue Horizonte zu öffnen und Wege zu beschreiten.

Hatte sich Rilinger im ersten Teil die sieben Pilgerkirchen als Ziel seiner Spaziergänge gewählt, beginnt er seine Reise dieses Mal in Il Gesu, der Haupt- und Mutterkirche des Jesuitenordens, deren Inneres kurzzeitig Ruhe vom tobenden Verkehr der römischen Altstadt verspricht, darüber hin-aus aber noch einiges mehr zu bieten hat, wie der Autor mitzuteilen weiß. Wie bereits im ersten Teil enthält auch in Rilingers neuem Werk so gut wie jeder Satz Wissenswertes. Bei seinen Ausführungen und Erklärungen kommt der Autor vom Hundertsten ins Tausende, aber im positiven Sinn. Abschnitte über den Ordensgründer Ignatius von Loyola oder dessen Mitstreiter, der heilige Franz Xavier, formen gemeinsam mit anderen Textpassagen, in denen er immer wieder auch sehr komplexe Themen wie die „Tradition der Inkulturation“ aufgreift, das auf den nächsten Seiten noch am Beispiel Afrikas und Asiens weiter vertieft wird, thematische Kausalketten. Ein Abschnitt über den bekanntesten Jesuiten des 21. Jahrhunderts, Papst Franziskus, darf in diesem Zusammenhang natürlich auch nicht fehlen. Besonders interessieren den Autor hierbei aber die südamerikanische Prägung des argentinischen Papstes und sein politischer Auftrag – ein Abschnitt über Rosa Luxemburg geht dieser Textpassage voraus. Besonders spannend sind die Passagen, in denen sich der Autor mit der Befreiungstheologie beschäftigt und in dem Abschnitt „Franziskus – ein Befreiungstheologe?“ nicht nur eine Frage aufwirft, die wohl so manchem schon einmal in den Sinn kam, sondern auch Antwort gibt.

Mit der Kirche San Saba verlässt Rilinger im zweiten Kapitel endgültig die Wege des Durchschnitt-Rom-Besuchers. Nach einer einführenden Beschreibung von Kirche und umliegendem Komplex liegt der Fokus auf einem Mann: Augustin Bea. Der 1968 in Rom verstorbene Kurienkardinal hatte mit San Saba, seit 1959 seine Titeldiakonie, auch seine Wirkungsstätte gefunden. Genauer befasst sich Rilinger hier mit der tragenden Rolle Kardinal Beas an der Entstehung von „Nostra Aetate“ in den 1960er Jahren. Dem in den ersten Kapiteln entwickelten Muster bleibt der Autor treu und entwickelt seine Gedanken logisch strukturiert von Absatz zu Absatz weiter. Immer wieder unternimmt Rilinger mit kurzen Abschnitten wie über Ernst Bloch oder Ludwig Feuerbach auch Ausflüge in die Philosophie, die er geschickt in die übergeordnete Denkstruktur einzubinden weiß. Im Kapitel über den heiligen Philipp Neri kann der Autor nicht umhin, auch auf die von Neri ins Leben gerufene Sieben-Kirchen-Wallfahrt einzugehen – ohne abzuschweifen, beschränkt er sich aber auf das Wesentliche. Zweimal verlässt der Autor zugunsten von Exkursen, in denen er den Leser in die Villa Doria Pamphili oder die Villa Borghese mitnimmt, den Haupterzählstrang seines Buchs. Wie die Römer, die sich in den grünen Parkanlagen ein wenig Ruhe gönnen, kann auch der Leser in diesen thematisch leichteren Passagen etwas durchatmen.

In San Bartolomeo all'Isola endet Rilingers zweiter ganz besonderer Rundgang durch Rom. An der schlichten Kirche auf der Tiberinsel strömen Tag täglich Millionen von Besuchern achtlos vorbei, um von der einen zur anderen Flussseite zu kommen, obwohl der auf das Jahr 1000 zurückgehende Bau so manches Geheimnis birgt und mit seiner Weihung an die Märtyrer des zwanzigsten Jahrhunderts doch aktueller denn je ist, wie es auch der Autor gewohnt gut recherchiert dem Leser mitteilt.

Mit dem zweiten Buch führt Rilinger nicht nur seine Gedanken, Hoffnungen und Ängste weiter, sondern vervollkommnet sie gleichsam, indem er ein immer lückenloseres Bild seiner Vorstellungen von Kirche und was es bedeutet, Christ zu sein, entwirft.

Lothar C. Rilinger: „Vrbs Aeterna: Unterwegs zu den christlichen Gedächtnisorten in Rom“
Bernardus Verlag 2018, 318 Seiten, ISBN: 9-78381070-284-5, EUR 16,80

Themen & Autoren
Befreiungstheologen Ernst Bloch Jesuitenorden Ludwig Feuerbach Papst Franziskus Rosa Luxemburg

Weitere Artikel

Viel Lärm um nichts: Wie Erzbischof Georg Gänswein von einem italienischen Verlag benutzt wurde.
11.01.2023, 11 Uhr
Guido Horst
Der Selbst-Identifikation zuzustimmen: Die Überzeugung dass durch Selbstoptimierung ein ideales Ich erreichbar sei.
16.11.2022, 09 Uhr
Gerhild Heyder

Kirche

Die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen zieht eine positive Bilanz der finanziellen Entschädigung von Missbrauchsbetroffenen. Dabei gibt es eine wichtige Neuerung.
03.02.2023, 15 Uhr
Oliver Gierens
Kurz vor der Ankunft von Papst Franziskus im Südsudan erschüttert ein tödlicher Angriff auf Bauern das Land.
03.02.2023, 13 Uhr
Meldung
Erneut stehen mehrere internationale geistliche Gemeinschaften in Frankreich im Fokus der Missbrauchsaufarbeitung.
03.02.2023, 13 Uhr
Franziska Harter