Glauben im Sturm

Der Tornado in Viersen war nicht die erste Katastrophe dieser Art am Niederrhein: Bereits seit 127 Jahren wird immer am 1. Juli in einer kleinen Kapelle bei Boisheim eine feierliche Messe zum Dank für Gottes Schutz bei einem ähnlichen Sturm gefeiert. Von Burkhardt Gorissen
Wirbelsturm am Niederrhein
Foto: Foto: | Ein beängstigendes Schauspiel zeigte sich am Himmel über Viersen. dpa
Wirbelsturm am Niederrhein
Foto: Foto: | Ein beängstigendes Schauspiel zeigte sich am Himmel über Viersen. dpa

Schon den ganzen Tag stand die Luft. Stickig-bleierne Gewitterluft. Die letzte Woche war ungewöhnlich warm gewesen. Doch jetzt verbarg sich die Sonne, zuvor tagelang Garant sommerlicher Temperaturen. Dieser 16. Mai 2018, ein Mittwoch, besaß alle Attribute eines grauen Novembertages, abgesehen von der drückenden Schwüle. Der Mai jedenfalls ließ sich nur am zarten Grün der Blätter erahnen, auf die, alle paar Stunden, leichter Nieselregen fiel. Nichts Ungewöhnliches also. Regen war am Niederrhein zu allen Jahreszeiten ein treuer Begleiter und verlieh dem flachen Land, in dem Kirchtürme, eingezirkt von Kopfweiden und Windmühlen, die einzigen Erhöhungen waren, einen Hauch melancholischer Fragilität. Dagegen halfen auch die kuriosen Choräle des ewigen Niederrheiners Hanns-Dieter Hüsch nur bedingt. Am Niederrhein war die Erde eine Scheibe, die sich irgendwo in der Grenzenlosigkeit mit dem Horizont verband, was eine ungeheure Assoziationskette zwischen Hier und Da und dem Menschen im Allgemeinen freisetzte. Und mangels horizontaler Fixpunkte blieb der Niederrheiner ein Meister des Ungefähren. Selbst philosophieferne Regentage taten da keinen Abbruch. Vor allem dann nicht, wenn das Weltgeschehen jenseits des Flachlands keine besonders aufregenden Nachrichten parat hielt. Von den Flugzeugen, die den nahen Düsseldorfer Flughafen ansteuerten, hörte man lediglich ein weit entferntes Grummeln, wie ein leises Donnern über dem verschlossenen Himmel. Engel waren nicht in Sicht. Der Alltag wartete in trügerischem Abglanz auf Morgen. Krähen, als heimliches niederrheinisches Wappentier auf allen Feldern und Kaminen zuhause, lieferten sich vor dem Supermarkt mit uneinsichtigen Tauben einen darwinistischen Verteilungskampf um ein weggeworfenes Brötchen. Friss oder stirb. Die Krähen siegten. Darwin eben. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Der Himmel zwischen Venloer Heide und Borussenpark blieb bleiern. Alles in allem schien sich dieser Mittwoch nahtlos in eine lange Reihe grauer Frühlingstage einzureihen. Zeit zum Chillen, Langeweile ist die Mutter der Kreativität.

Die Lage ändert sich schlagartig. Um 17.43 Uhr meldet der Deutsche Wetterdienst: „Von Nordosten ziehen einzelne Gewitter auf. Dabei gibt es heftigen Starkregen mit Niederschlagsmengen um 30 l/m2 pro Stunde sowie Sturmböen mit Geschwindigkeiten bis 85 km/h und Hagel mit Korngrößen um 3.“ Es sollte schlimmer kommen. Viel schlimmer. Die Luft riecht seltsam nach Schwefel und Ammoniak, nicht wie bei Regen normalerweise. Dann reißt der Bleihimmel auf. Hagel trommelt seinen stürmischen Beat auf Dächer und Blätter, taubeneigroße Eiskörner klatschen auf den Asphalt, mit so großer Wucht, dass sie gleich wieder hochspringen wie Hartgummibälle. Im Nu sind die Tische der Straßencafés mit einer weißen Eisschicht bedeckt. Starrend unter der eisigen Hageldecke dunstet der Boden auf. Wie von Blei umhüllt starren Dachfirste, Schornsteine, der Kirchturm. Heftige Böen peitschen die abgerissenen Zweige über das Kopfsteinpflaster vor die eilig geschlossenen Türen der Straßencafés. Für wenige Minuten lässt der Regen nach. Doch Hoffnung sieht anders aus, und das geisterhafte Donnern aus den Weiten des bleiernen Himmels verheißt nichts Gutes. Dann geht es buchstäblich blitzschnell. Ein Sturm elektrischen Feuers zerreißt die Wolkendecke und bohrt sich donnernd in die Erde. Grelle Feuerstreifen, wie an einer Rasierklinge geschliffen. Donnergrollen bricht sich an Hauswänden und dem hoch aufragenden Kirchturm. In einem kurzen Moment kann man in die Gesichter der Menschen blicken, die sich in Hauseingänge oder unter die wenigen noch ausgestellten Markisen geflüchtet haben. Zitternd vor Kälte. Zwei fahrradfahrende Teenies fahren kichernd durch Pfützen. Nass bis auf die Haut. Fünfzehn Fahrradminuten weiter ereignet sich eine Katastrophe.

Diese Katastrophe schaffte es bis in die internationale Presse. „Gegen 18 Uhr zog der Wirbelsturm über die Ortschaften Viersen-Boisheim, Nettetal-Schaag, Schwalmtal-Dilkrath, Schwalmtal und teilweise über Niederkrüchten“, teilte die Viersener Kreisverwaltung am Mittwochabend auf ihrer Facebook-Seite lapidar mit. Die Nachricht ging viral. Die alte Medienweisheit „Bad news are good news“ trog nicht:

Bild: „Tornado fegt Ortsteil in NRW platt“, SPIEGEL: „In fünf Minuten war es vorbei“, FAZ: „Schneise der Verwüstung: Tornado wütet am Niederrhein“, SÜDDEUTSCHE: „Tornado fegt durch Viersen“, NZZ (Schweiz): „Ein Tornado richtet in Deutschland schwere Schäden an“, Kronenzeitung (Österreich): „Gefährlicher Tornado fegte über Deutschland“, THE SUN: „Shocking footage posted on social media shows the impressive twister advancing through open fields as it bore down on Dusseldorf“, LE PARISIEN: „Violente tornade en Allemagne: plusieurs blessés, des dizaines de maisons endommagées“, Washington Post: „A massive tornado tore up the countryside in the district of Viersen, Germany, on Wednesday evening“.

Die Katastrophe war unvermittelt gekommen. Der tosende Himmel öffnete seinen Kumulusbauch von einem Horizont zum anderen. Warmluft drehte sich unter einer großen Gewitterwolke in immer schnelleren Drehbewegungen spiralförmig nach oben. Der fauchende Brodem brach sich Bahn, wütete unkontrollierbar mit einem langgezogenen, wahnsinnigen Grollen über alles hinweg, was im Weg stand. Die Fenster vibrierten, überall Krachen und Zischen, Staub und Steine wirbelten durch die Luft. Menschen, überrascht von der Naturgewalt, flüchteten in ihre Häuser. Chaos. Tiefwurzelnde Bäume knickten wie Streichhölzer. Hausdächer wurden abgedeckt, Dächer von Lagerhallen, Betonwände eingedrückt, Tore und Türen zerschmettert, Mülltonnen und Abfälle wirbelten meterhoch. Etliche Glasscheiben zerbarsten unter dem Luftdruck oder umherfliegenden Dachziegeln und Ästen. Demolierte Autos am Straßenrand, einen PKW hat ein entwurzelter Baumstamm in zwei Hälften geteilt. Ein Wohnwagen wurde in den nachbarlichen Garten geschleudert. Unbegehbare Straßen, mehrere Verletzte. Überall Feuerwehr und Notarztwagen. Für eine Weile fiel der Strom aus. Für eine Weile war man abgeschnitten von der Welt. Sogar die Kirchturmuhr blieb stehen. Wolken waren über den Mond geglitten. Boisheim war schwarz wie der Schrecken in den Straßen. „Eine Stimmung wie bei einem Weltuntergang.“ So empfanden es die Betroffenen.

Der gelbliche Sog, der aus dem bleiernen Himmel herausbrach, hatte auf der Fujita-Skala die Stärke F1 und tobte mit einer Geschwindigkeit von bis zu 180 Kilometern. Ganz so schnell, wie der SPIEGEL angab, war es nicht vorbei, nach Polizeiangaben dauerte das Unwetter 10 bis 15 Minuten. „Ein sehr eindrucksvoller Tornado zog über den Landkreis Viersen im Westen von NRW hinweg, er richtete hier einige Schäden an“, teilte Wetterunternehmer Jörg Kachelmann auf seiner Internetseite mit. „Sehr eindrucksvoll“? Die Betroffenen selbst standen unter Schock. „Sehr eindrucksvoll“ wäre hier keinem über die Lippen gekommen. Keinem? Augenzeugen filmten mit ihren Smartphones die Windhose aus dem Auto und aus Dachfenstern. Und die hatte sich noch keine zehn Minuten in Luft aufgelöst, da waren schon erste Videos auf YouTube gepostet. Sensation? Heldenmut? Neugier ist auch nur ein Synonym für Angst. Ein Sturmjäger wagte sich ins Auge des Tornados und hielt sein Smartphone tapfer gegen die Windschutzscheibe. Die Kommentare blieben eher einseitig: „Oh, fuck“, „Oh, krass“. Zum Glück für ihn zog der Sturm schnell genug über sein Auto hinweg. Immerhin, innerhalb einer Woche klickten fast 1 000 000 Nutzer das Video bei verschiedenen Anbietern an. Furor und Faszinosum.

Donnerstagmorgen, 17. Mai 2018, keine zwölf Stunden nach der Katastrophe, verkündet eine Polizeisprecherin, die am Abend gesperrten Straßen und Schienen seien größtenteils freigegeben. Auf der Autobahn 61 rolle der Verkehr wieder. Auch die Bahnlinie Mönchengladbach-Venlo sei wieder befahrbar. Am Ort des Geschehens bleiben die Straßen größtenteils gesperrt. Überall Dachdecker und Räumfahrzeuge, Kreissägen kreischen unaufhörlich. Von den knorrigen alten Bäumen an den Straßenrändern der kleinen Nebenstraßen ist meist nur der traurige Rest abgesägter Baumstümpfe geblieben. Bei den Anwohnern überwiegen Angst und Unsicherheit. Keiner weiß, welche Schäden die Versicherungen begleichen – und wann. Nicht wenige fürchten, auf den Kosten sitzenzubleiben. Auch bei den beiden älteren Frauen, die zerborstene Ziegel vom Bürgersteig kehren, überwiegt die Ungewissheit. Wie es weiter geht, „widde wör net“, sagt die ältere der beiden in breitem Dialekt, den man nur hier spricht, wo niederrheinisches Platt und Holländisch stufenlos miteinander verschmelzen. Eine Art Zweisprachigkeit, wie sie nur in Grenzgebieten vorkommt. Sie sprechen auch darüber, dass sie einen Rosenkranz gebetet haben als der Sturm aufzog, denn „da ha' ich Ängs“, und später, als der Sturm vorbei war, habe man noch einen zweiten gebetet: „Man mutt sich ja bedanke, dat oss nit mihr passert is.“ Es gibt sie also noch, die niederrheinische Volksfrömmigkeit. Ein paar Straßen weiter beklagt ein alter Mann den Verlust seiner Obstbäume. Neue? Nein, die wird er nicht setzen: „Bis die tragen, bin ich bei Petrus“, sagt er und lächelt, „ich bin 88“. – „Deus providebit.“

Man redet jetzt viel von der Klimakatastrophe. Insbesondere in den Internetforen. Verschwörungstheorien über Chemtrails grassieren. Antworten lassen sich schwer finden. Vor allem nicht, wenn sich die Erklärungsversuche wie eine Abraumhalde zwischen Sorglosigkeit und Angst auftürmen. In Deutschland gibt es im Durchschnitt 30 bis 60 Tornados pro Jahr. Manchmal hilft es auch, einen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen. Die Zeitreise führt zum 1. Juli 1891, 17 Uhr. Derselbe Ort, zur selben Stunde. Der Chronist der „Kölnischen Zeitung“ notiert: „Nachdem bereits am Nachmittage mehrere heftige Gewitter niedergegangen waren, sah man etwa gegen halb 6 Uhr südlich der Süchtelner Höhen von Westen her ein neues Gewitter heranziehen. Graue Wolken, die wie ein langer Flor tief herunterhingen, zogen in rasender Eile nordöstlich, um dann plötzlich eine östliche Richtung anzunehmen. (…) Nur wenige Minuten, und die Windhose brauste auch schon heran, sodass es Ihrem Berichterstatter kaum noch möglich war, sich durch den Sturm hindurch ein schützendes Obdach zu erkämpfen. Der unheimlich gelb-graue Himmel, der in Strömen herniedersausende mit Hagelkörnern von der Größe eines Taubeneies gemischte Regen, das Brüllen des Sturmes, das Ächzen und Krachen der Bäume und Häuser – ein entsetzliches Schauspiel. (…) Viele vordem stattliche Bauernhöfe sind jetzt nur noch wüste Trümmerhaufen. (…) Gärten und Felder sind allenthalben verwüstet; eine Menge kostbarer Obstbäume, Pappeln und selbst starker Eichen liegen entwurzelt oder zersplittert am Boden.“

127 Jahre liegen zwischen den beiden Ereignissen. An das verheerende Unwetter von damals erinnert eine Wegekapelle in Lind, einer Gehöftsiedlung kurz vor Boisheim. Sie wurde 1911 von Anwohnern aus Dankbarkeit dafür errichtet, dass das Unwetter keine Toten gefordert hatte. Seither findet dort an jedem 1. Juli eine feierliche Messe statt. Auch 2018.

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Charles Robert Darwin Jörg Kachelmann

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