„Gescheit, und trotzdem tapfer“

„Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weiß“: Zum 120. Geburtstag des Jugendbuchautors Erich Kästner. Von Gudrun Trausmuth
Vor 40 Jahren starb Erich Kästner
Foto: dpa | Blickt wohlwollend auf seine Büste: Der Jugendbuchautor Erich Kästner (1959).

Um die Erinnerung ist es etwas Seltsames. Da schreibt jemand alles Mögliche, Journalistisches, Satirisches, Gebrauchslyrik, Erwachsenenliteratur und all das von hoher Qualität; aber was man weithin mit seinem Namen verbindet, ist: Kinderbuchautor. Als solcher allerdings gehört Erich Kästner (1899–1974) unumstritten zu den Allergrößten. Und vielleicht hat die Memoria in Bezug auf den vor 120 Jahren geborenen Dresdner insofern recht, als sie in ihrer Akzentuierung auf das ureigenste Charisma Kästners hinweist. Emil, Anton, Martin, Justus, Matz, Ulli, der Nichtraucher, Pünktchen, Lotte – hat man sie einmal kennengelernt, vergisst man sie nicht wieder. Auf den ersten Blick wirkt Vieles vertraut, heimelig und idyllisch, doch zeigt ein Umweg über Kästners Lyrik die andere Dimension seiner Kinderliteratur.

Alle Charaktere entwickeln sich in die richtige Richtung

In der „Gebrauchslyrik“ der Neuen Sachlichkeit greift die Sprache stark ins Alltägliche aus, analysiert, mahnt, poltert, kritisiert. Erhellend für das gesamte Oeuvre Kästners ist sein Gedicht „Und immer wieder schickt ihr mir Briefe“, das er 1930 auf die Frage seiner Leser, wo denn bei ihm das Positive bleibe, verfasste. Wenn er darin schreibt: „Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen/ den leeren Platz überm Sofa ein./ Ihr wollt euch noch immer nicht daran gewöhnen, gescheit und trotzdem tapfer zu sein“ verwirft er den empfundenen Anspruch, Literatur müsse das Gute und Schöne thematisieren und verweist – auch als jemand, der die Zertrümmerung der Welt durch den Ersten Weltkrieg tief erfahren hat – auf das Drama der Realität, das einem „Schönschreiben“ entgegensteht: „Die Spezies Mensch ging aus dem Leime/ und mit ihr Haus und Staat und Welt./ Ihr wünscht, dass ichs hübsch zusammenreime, und denkt, dass es dann zusammenhält“ Kästner hat einen schonungslosen Blick auf die Wirklichkeit, den er – unter mehrdeutiger Verwendung einer Metapher – verteidigt: „Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln./ Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weiß.“

Blickt man unter solcherlei Vorzeichen auf Kästners Kinderromane, deren erfolgreichste er bis 1933 schrieb, tritt plötzlich auch hier die harte Realität der Erzählzeit hervor. Hermann Kesten, Schriftstellerkollege zur Zeit der Weimarer Republik, vernahm bei Kästner eine „Verzweiflung, die durch Witz überwunden wird“, was die Sache gut trifft. Kästner, der offenbar mit seiner Mutter das Geheimnis teilte, dass in Wahrheit wohl der jüdische Familienarzt Emil Zimmermann sein Vater war, wusste, dass auch Kinderleben von Lasten beschwert sein können. Selbst aus einfachen Verhältnissen, die Mutter Friseuse, ihr Mann Sattlermeister, skizzierte Kästner in „Pünktchen und Anton“ den scharfen Kontrast von Armut und Reichtum in den 1920er Jahren: Da ist Pünktchen, die kecke, aber gutherzige Tochter des reichen Spazierstockfabrikanten Pogge, die das nächtliche Betteln, zu dem sie ihr Kinderfräulein verleitet, als Theater nimmt. Daneben der heroische Anton, Halbwaise, bettelarm, aber stolz, seine Mutter krank. Anton, der, herzzerreißend, die Spiegeleier, die er brät, mit Mehl und Wasser streckt, damit „es mehr aussieht“… Dazwischen kriminelle Existenzen, Pünktchens oberflächliche Mutter, die ihre Tochter vernachlässigt, das perfide Frl. Andacht, und, Gott sei Dank, eine Köchin, die dicke Berta, die eine gefährliche Situation mit dem Nudelholz klärt. Kästners Geschichten gehen gut aus, Armut wird durch Arbeitsmöglichkeit behoben, in „Emil und die Detektive“ (1929) holt sich der clevere Kinderheld das gestohlene Geld zurück, im „Fliegenden Klassenzimmer“ (1933) entwickeln sich alle Charaktere in die richtige Richtung und die alten Freunde Justus und „der Nichtraucher“ finden einander wieder. Erich Kästner zeichnet in seinen Kinderbüchern Helden, die den in obigem Gedicht formulierten Anspruch „gescheit und trotzdem tapfer“ zu sein, exemplarisch erfüllen.

Lösungen finden in einer dunklen Welt

Das „trotzdem“ ist besonders wichtig, weil es für die Erkenntnis einer elenden Lage steht, angesichts derer, so signalisiert die Konjunktion, auch Resignation möglich wäre. Auch Lotte im viel später verfassten „Doppelten Lottchen“ (1949) gehört zum tapferen Idealtypus Kästners, wenn sich auch die Problemlage geändert hat und der Autor nun – Kästner ist sehr modern – kindliches Scheidungsleid thematisiert. Kästner mutet die Dunkelheit der Welt auch den jungen Lesern zu, andererseits aber führt er vor, wie patente, „gescheite, und trotzdem tapfere“ Kinder sich einen Weg bahnen und in Solidarität Lösungen finden. Dabei wirbt der in seinen Büchern immer hochpräsente Autor für Tugenden wie Ehrlichkeit, Treue, Freundschaft, Güte … Ja, Kästner ist als Autor Pädagoge aus ganzem Herzen, das zeigt sich auch jenen Kapiteln, die als begleitende und beratende Reflexionen etwa in „Emil und die Detektive“ eingeschoben sind.

Bei der Verbrennung seiner Bücher war er im Publikum

Wie er in seiner Autobiographie schreibt, sei er „aufgewachsen inmitten von Büchern, Rotstiften, Heften…“, da seine Eltern ein Zimmer zur Untermiete an junge Lehrer vermieteten. Der entsprechende erste Berufswunsch Kästners zerschlug sich allerdings und er fand seine erste Anstellung als Journalist bei der „Neuen Leipziger Zeitung“, daneben etablierte er sich früh als Autor. Bereits im Jahr der Machtergreifung, 1933, erhielt Kästner Publikationsverbot in Deutschland; bei der Bücherverbrennung vor der Berliner Universität, die auch seine Bücher vernichtete, stand er im Publikum. Dennoch entwickelte er auch während des Dritten Reichs eine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit im Schutz von Pseudonymen.

Wenn heute Kästners Existenz zur Zeit des Nationalsozialismus kritisch besprochen wird, so sei zumindest darauf hingewiesen, dass auch Kinderbücher Sätze enthalten können, die in gefährlicher Zeit Ausdruck von Mut sind. Im 1933 erschienenen „Fliegenden Klassenzimmer“ verkündet der undurchschaubare Professor Kreuzbein nach einem Bubenstreich: „An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“ Die gesamte Klasse muss diesen Satz 50 Mal abschreiben, später im Text wird er noch einmal wiederholt. Hier wird eine Aussage mit verschiedenen Textstrategien gezielt getroffen, welche, in die zeitgenössische Realität hineinragend, geradezu tollkühn erscheint, in ihrem literarischen Kontext aber wiederum nicht angreifbar ist. „Gescheit, und trotzdem tapfer“ – das gilt auch für Erich Kästner selbst.

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