Feuilleton

Gertrud Fussenegger: „Dichtung ist auch Wahrheitssuche“

Eine große katholische Dichterin: Vor 100 Jahren wurde Gertrud Fussenegger geboren. Von Ilka Scheidgen
Gertrud Fussenegger, Schriftstllerin
Foto: IN

Am 8. Mai hätte die österreichische Schriftstellerin Gertrud Fussenegger ihren 100. Geburtstag begangen. Sie ist eine Erzählerin von europäischem Rang in der Tradition von Stendhal und Flaubert, Proust und Musil mit mehr als 60 Werken, die in elf Sprachen übersetzt wurden. Ihre Romane, Novellen, Erzählungen, Jugend- und Kinderbücher lesen sich nicht nur spannend, sondern sind erfüllt von einem humanistischen Geist, dessen Grundansatz der des gefährdeten, sich nicht genügenden Individuums ist.

1912 im böhmischen Pilsen als Tochter eines k. und k. Offiziers geboren, wurde sie durch die politischen Zeitläufe mehrfach zum Verlassen der Heimat gezwungen. Diese Wanderschaft, dieses Sich-Neuverwurzeln-Müssen hinterließ in der phantasiebegabten und sensiblen Dichterin Spuren: „So bin ich lebensgläubig im Zweifel, Optimistin im Pessimismus“, sagt sie von sich selbst.

Umfangreiches Werk in einer Familie mit fünf Kindern

Ihr Vater erkannte früh ihr Talent zum Schreiben und drängte auf eine gymnasiale Erziehung, der sich dann selbstverständlich ein Studium anschloss. Sie studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie, zuerst in Innsbruck, dann in München, wo sie zum Dr. phil. promovierte. Diese Hingezogenheit zu Geschichte schlug sich auch in ihrem literarischen Werk nieder. Vater Fussenegger war ein eifriger Leser gewesen und verehrte besonders Adalbert Stifter, dem nachzueifern er seiner Tochter ans Herz legte. Aber sie hatte noch wesentlich mehr literarische Vorbilder: Kleist, Flaubert, Zola, Tolstoi, Dostojewski. Die norwegische Literaturnobelpreisträgerin von 1928, Sigrid Undset (1882–1949), gewann für Fussenegger eine ganz besondere Bedeutung, wie sie dem Autor Rainer Hackel in einem Gespräch erzählte: „Ich könnte sagen: Ich habe mit ihr denken, bei ihr fühlen – und schreiben gelernt.“ Grund war die spezifisch weibliche, auch in sich widersprüchliche Psyche, die Undset ihrer Meinung nach vorzüglich darstellte.

In ihrem ersten Roman „Geschlecht im Advent“ und der im selben Jahr 1937 veröffentlichten Novelle „Mohrenlegende“, die beide zur Zeit des Mittelalters spielen, weiß sich die Autorin ihre Kenntnisse als Historikerin zunutze zu machen. Aber historische Kenntnisse sind das eine. Doch diese in lebendige, spannungsreiche Erzählungen zu verwandeln, voll menschlicher Katastrophen und Verstrickungen, dazu bedarf es großen erzählerischen Talents. Mit enormen Einfühlungsvermögen beschreibt Gertrud Fussenegger in ihrem groß angelegten Roman „Das Haus der dunklen Krüge“ das Tableau einer untergehenden Gesellschaftsschicht in der ausgehenden k. und k. Monarchie. Dieser 1951 erschienene Roman wurde von der Literaturkritik einhellig gelobt und ging als „böhmische Buddenbrooks“ in die Literaturgeschichte ein. Meisterhaft porträtiert die Autorin darin eine weit verzweigte Familie, deren unterschiedlichste Charaktere sie bis in die feinsten Verästelungen auslotet. Da ist zunächst der Patriarch Balthasar Bourdanin, ehemaliger Rittmeister, der seine Familie mit eiserner Hand regiert. Sein höchster Wertcodex ist die Ehre, die unter keinen Umständen befleckt werden darf. Seine Frau Marie opfert sich für ihn und die sechs Kinder auf. Es ist bewegend, wie Fussenegger das Kontrastierende des Weiblich-Leidenden und Alles-Ertragenden zum Männlich-Dominanten in den Figuren veranschaulicht. In den Episoden des Romans spiegeln sich in atmosphärischer Dichte und präzisem Zeitkolorit die hohl gewordenen Wertvorstellungen einer zum Untergang verurteilten Generation. Diese grandios gestaltete Familiengeschichte nahm Gertrud Fussenegger 50 Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes in dem Folgeband „Bourdanins Kinder“ noch einmal auf. Auch hier gelingt es ihr erneut, ihre Leser zu fesseln. Anschaulich verfolgt sie die Schicksale der Kinder – bis in die Enkelgeneration. Tragisches wechselt mit Komischem. Fussenegger beschreibt stets auf Augenhöhe, quasi aus den Personen heraus. Das verleiht ihnen Authentizität. Nebenbei erhält man als Leser noch lebendigen Geschichtsunterricht über die österreichisch-ungarische Monarchie, das Leben der Juden in Prag, die Schrecken des ersten und zweiten Weltkriegs. „Nichts wird bewahrt außer durch Verwandlung“ lautet das Motto der Familienchronik.

Philosophisch fand sie verwandte Aspekte bei Ludwig Wittgenstein; so liest man in dem Gesprächsband von Hackel: „Tieferen Eindruck machte mir Wittgenstein mit seinen Aussagen zum Nicht-Aussagbaren. Da war ich als Schriftstellerin berührt. Meine Erfahrung: es gibt gar viel, was sich der Aussage entzieht. Aber als Schriftsteller kann man an den Kreis dessen, was sich erst einmal als Nicht-Aussagbares darstellte, Tangenten legen, da eine, dort eine ... und so wird es möglich, das An-und-für-sich-nicht-Aussagbare einzukreisen und mindestens – in gleichsam indirekter Beleuchtung – erahnbar zu machen.“

Fussenegger sieht eine durchaus enge Beziehung zwischen Literatur, Philosophie und Soziologie. In ihrer Doktorarbeit über den Roman de la Rose des französischen Mönchs Jean Clopinel de Meuing aus dem 13. Jahrhundert, zur Zeit der Hochblüte der Scholastik, beurteilte Fussenegger diesen mittelalterlichen Versroman als frühe Vorstufe zu Gedanken der Aufklärung und der Französischen Revolution. Sie verstand seinen Verfasser „als Rebell reinsten Wassers“, eine Sympathie, die sie viel später in ihrem Roman „Zeit des Raben, Zeit der Taube“ einem anderen Außenseiter, dem Dichter und Mystiker Léon Bloy, zukommen lässt. Während der Jugend waren ihre Idole Nietzsche und Spengler. Auch Marx und Freud begeisterten die junge Gertrud Fussenegger. Aber immer ist, wie sie sagte, „das Christliche, die große Frohbotschaft, aus dem Meer der Irrtümer aufgetaucht und hat mich überzeugt“. Fussenegger: „Dichtung ist immer auch Wahrheitssuche.“

Dass sie als sehr junge Frau im Nationalsozialismus nicht auch Rebellin gewesen ist, vielmehr sich von der Ideologie sogar hat begeistern lassen, vor allem was den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich anging, hat sie sich ein Leben lang nicht verziehen. Ihre Mitgliedschaft in der NSDAP und einige Veröffentlichungen im Völkischen Beobachter sind ihr vor allem von der Literaturkritik vorgeworfen worden. „Ich habe gejubelt, ich habe mitgejubelt, sagte der alte Mann und hämmerte mit seiner dürren Faust auf den Tisch, und keine Träne wäscht den Makel ab.“ Mit diesen Zeilen beginnen die „Selbstgespräche eines bejahrten Österreichers“ über das Jahr 1938, die Gertrud Fussenegger 1987 unter dem Titel „Jubel und bittere Reue“ veröffentlichte. Im Gespräch mit Rainer Hackel sagte sie dazu: „Zu den tragischen Seiten der conditio humana gehört unser Unvermögen, in die Zukunft zu blicken und die Folgen unseres Tuns und sogar Lassens abzuschätzen. Freilich: Wenn wir uns einmal auf ein Ziel zu in Bewegung gesetzt haben, unterdrücken wir nur allzu gern die zarten Warnungen, die sich ebenfalls in uns regen.“ Ihren außergewöhnlichen, ja genialen Roman „Zeit des Raben, Zeit der Taube“ (1960) widmete sie ihren Kindern, weil sie darin ihr endgültiges Credo in ihrer spezifischen Antwort auf die Fragen des Daseins sah: „Ich glaubte, meinen Kindern nichts Endgültigeres anbieten zu können als dieses Buch“, erfahren wir bei Rainer Hackel.

Fusseneggers Roman hat von seiner Faszination und Aktualität, auch in der Anwendung eines ganz neuen Erzählstils, nichts eingebüßt. Sie verschränkt darin die Lebensgeschichten zweier Protagonisten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: des katholischen Dichters und Mystikers Léon Bloy aus dem Périgord in Frankreich und der Naturwissenschaftlerin Marie Curie aus Warschau, die beide nach Paris kamen und dort ihren so unterschiedlichen Visionen folgten, ohne sich in Wirklichkeit begegnet zu sein. Fussenegger wurde dazu angeregt, diese beiden außerordentlichen Schicksale miteinander zu verknüpfen, als sie bei Ernst Jünger beide Namen auf einer Tagebuchseite geschrieben fand. Primär faszinierte sie eigentlich die Figur des streitbaren Gottesnarren Bloy, der als Wegbereiter des „renouveau catholique“ gilt.

Das Einmalige gewinnt der Roman aber gerade aus der Gegenüberstellung mit der völlig anders gearteten Lebenswelt der Physikerin Marie Curie, die gemeinsam mit ihrem Mann das Radium entdeckte. In Parallelführung entwickelt Fussenegger derer beider Lebensgeschichte in äußerst lebendigen Beschreibungen von der Kindheit bis hinein ins Alter und lässt den Leser von Anfang an das Besondere in diesen beiden Menschen spüren. Beide sind besessen von ihren Ideen, Bloy auf dem Gebiet der Religion, Curie auf dem der Naturwissenschaft. Als gemeinsame Metapher führt Fussenegger schon früh im Roman die Licht- oder Strahlensymbolik ein. In den miteinander verschränkten Lebensläufen exemplifiziert Fussenegger auf spannende Weise die gegensätzlichen Welten von Fortschrittsglauben und Gottesglauben. In ihrem Roman lässt die Autorin die Protagonisten (unerkannt) aufeinandertreffen. Bloy passiert die (im wörtlichen, tödlichen Sinne) „strahlende“ Marie Curie und spricht zu seiner Frau von der ihn beseelenden Hoffnung: „Könnte es nicht so sein, Jeanne, könnte es nicht, dass Gott uns nochmals einen Neuen Bund gewährte, zum andernmal und zu einer noch höheren verantwortlicheren und gleichsam übermenschlichen Mündigkeit? – Hoffnung, Jeanne, Hoffnung, ,unerwartete, nie erhoffte Hoffnung‘. Denke an unsere Kinder, Jeanne, an unsere Enkel – ihretwillen! Ach, ein Tropfen Demut könnte alles retten.“

Dieser Roman behandelt die bedrückendsten Fragen unserer Zeit und ist vielleicht heute noch aktueller als zum Zeitpunkt seines Erscheinens, indem er eine „neue Mitverantwortung für alles Lebendige“ anmahnt. Fussenegger schreibt aus einem Geist heraus, der sowohl das Reale, als auch das Transzendente ernst nimmt.

Gertrud Fussenegger gilt als eine der bedeutendsten katholischen Dichterinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ihr umfangreiches Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Diese bis ins hohe Alter geistig und intellektuell äußerst wache Frau hat in ihrem Leben etwas geschafft, was vielen heutigen Frauen anscheinend schwer fällt: ein Familien- und Arbeitsleben miteinander zu vereinbaren. Gertrud Fussenegger hat „trotz“ einer Familie mit fünf Kindern ein umfangreiches Werk geschaffen. Am 19. März 2009, kurz vor Vollendung ihres 97. Lebensjahres ist sie in Linz im St. Anna-Heim im Kreise ihrer Familie verstorben. Im Rückblick auf ihr erfülltes Leben bekannte sie: „Im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass ich ein glückliches Leben geführt habe, erfüllt, sehr erfüllt. Viel Liebe habe ich bekommen, und habe das bekommen, was ich wollte, von vornherein wollte. Ich wollte schreiben, und ich wollte Kinder haben – na und beides hat sich erfüllt.“

Empfehlenswerte Bücher über die Schriftstellerin sind „Gertrud Fussenegger. Ein Gespräch über ihr Leben und Werk mit Rainer Hackel“, Böhlau Verlag (19,90 EUR) sowie Rainer Hackels Band „Gertrud Fussenegger. Das erzählerische Werk“, Böhlau Verlag (39,00 EUR).

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