Feuilleton

Georges Bernanos: Ein Schriftsteller, der an den Glauben mahnt

Vor 125 Jahren in Paris geboren und von großer Bedeutung für die „Renouveau catholique“: Der katholische Romancier Georges Bernanos. Von Veit Neumann
Schriftsteller Georges Bernanos
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Georges Bernanos (1888–1948) war Frankreichs großer katholischer Schriftsteller und anti-nihilistischer Romancier. Seine widersprüchlich wirkenden Haltungen und Positionen lassen sich allerdings stets in einer Umfassung der Gegensätze vereinen, was auf das enge Miteinander von Frankreich und katholischer Kirche in seinem Geist – und in seinem Herzen – zurückzuführen ist. Deshalb sollte der ambivalente Begriff des Schillerns im Falle des Georges Bernanos besser durch den eines Nonkonformisten ersetzt werden, war er doch der Mann, dieses Miteinander von Kirche und Frankreich auf buchstäblich eigene Faust zu erkunden. Oft genug hatte er es auch zu erleiden.

Georges Bernanos: Leben und Wirken

Morgen vor 125 Jahren, am 20. Februar 1888, wurde der katholische Autor der „France profonde“, des ländlichen und von Beharrlichkeit geprägten Frankreich, in Paris geboren. Paris, das ist gleich der erste Widerspruch, aber über alle „France profonde“ hinaus sollte Bernanos ebenso der „écrivain itinérant“, der wandernde Schriftsteller werden, der, etwa in den 1920er Jahren, in Zügen und Bars der Provinz seinen freimütig polemischen Feuilletonstil kreiert, wobei der Begriff Feuilleton angesichts der darin enthaltenen Verkleinerungsform („Blättchen“) wiederum ein Euphemismus ist. Denn Bernanos denkt immer groß, weit, vor allem katholisch und keinesfalls bürgerlich. Daher das Schweifen: Innere Unruhe und drohende Armut führen ihn 1934 nach Mallorca. Gegen die Selbstaufgabe Frankreichs geht er 1938 ins Exil zuerst nach Paraguay, dann nach Brasilien. Verzweiflung treibt ihn 1947 schließlich in den Maghreb. Sein Leben lang bleibt Bernanos, Sohn eines Möbelhändlers, der anti-bürgerliche Rabauke, ein Bürgerschreck. Den Werten der Tradition ist er verhaftet, wenn auch allein in ihrer Prägung aus den Zeiten der Monarchie oder wenigstens in dem, was er an dieser längst untergegangenen Welt, bis zur Utopie, als heldenhaft erachtet.

Realist und Utopist in einem

So ist er Realist und Utopist in einem: in seiner Jugend der zu Straßenschlägereien und Saaltumulten durchaus aufgelegte „Camelot du Roi“ (Königspage), wie sich die Mitglieder der zupackenden Jugendtruppe der „Action Française“ nennen, aber auch immer der dem verlorenen Paradies seiner Kindheit nachweinende Feinmotoriker des Gefühls und der sinnlichen Wahrnehmung, die die regenfrisch duftende französische Scholle atmet, die bei weitläufigen Wanderungen im flandrischen Nordfrankreich am Stiefel haftet.

Die Technik fasziniert ihn als Ausdruck der Zügelung der Natur durch den Menschen. Er fährt Motorrad, bis bei einer Ausfahrt ein Bein zerschmettert wird, was ihn für den Rest des Lebens am Stock gehen lässt, wie einen Jakob, am Jabbok von einer fremden Macht gezeichnet. Gerade in dieser Zeit ist er aber auch einer, wenn nicht der gewaltigste sprachliche Gegner der Mechanisierung und Roboterisierung des menschenverachtenden Zeitalters. Seine Überzeugung: Nur das alte Frankreich aus Glaube, Mut und Ehre könnte dagegen aufkommen.

Die Entstehung seiner Werke

In den 20er und 30er Jahren, bis in die 40er Jahre, jedenfalls parallel zum Untergang der Menschlichkeit in Kultur und (Welt)Politik, entstehen die bewegenden Werke. Seine Romane, Plädoyers für die Inkarnation, deren Christlichkeit allein schon durch die meisten Titel schimmert, gehören zur Weltliteratur: „Die Sonne Satans“ (erschien 1926), „Der Betrug“ (1927), „Die Freude“ (1929), „Tagebuch eines Landpfarrers“ (1936), „Die neue Geschichte der Mouchette“ (1937) und „Die tote Gemeinde“ (1943). Die wirkungsvollsten Essays, ideenpolitische Collagen prophetischen Zuschnitts, tragen die Titel „Die großen Friedhöfe unter dem Mond“ (1938), „Die große Angst der Wohlmeinenden“ (1931) sowie „Wider die Roboter“ (1945). In dem Drehbuch „Die begnadete Angst“ (1949) greift er Gertrud von le Forts Erzählung „Die Letzte am Schafott“ auf – in feindschaftlicher Verbundenheit mit Frankreichs bürgerlicher Revolution.

Eine gewaltige Gestalt ist Bernanos, dessen Name wohl spanischen Ursprungs ist, ganz der Typus des „Herren“, dem Asfa-Wossen Asserate ein eigenes Kapitel seiner kulturphilosophisch geprägten Publikation „Manieren“ gewidmet hat. Innerhalb des „Renouveau catholique“ ist er der Antipode zum psychologisierenden Moralisten François Mauriac. Sie sind sich nie begegnet. Gleichzeitig liebt der Polemiker die Sanftmut seiner zutiefst verehrten Heiligen, der Therese von Lisieux wie auch des Pfarrers von Ars. Jean-Marie Vianney etwa wiederaufersteht in mehreren der genannten Romane, um dann aber jeweils am Leben (und der Gleichgültigkeit der anderen) zu scheitern. So zergeht der tagebuchschreibende Landpfarrer an schrecklichen Magengeschwüren und wird, auf dem Steinfußboden kollabiert, des Morgens aufgefunden. Allein Rotwein und darin getränktes Brot hatte er zuvor noch zu sich nehmen können.

Angstzustände und Krisen durch den Krieg

Trotz des genannten Typus des Herren bleibt Bernanos, für den sich am Tag der Erstkommunion die Öffnung des Himmels vollzog, in seinem in Vorträgen teils hingegrölten Wort, in seiner teils zähen literarischen Produktion, überhaupt in seiner Existenz das ewige Kind, das allerdings schon früh, 1948, an Leberkrebs stirbt: abgelebt durch den Ersten Weltkrieg, die Dauersorge für die achtköpfige Familie, die Verausgabung in Politik und Polemik, durch Unfälle, die erfolglose Viehzucht im brasilianischen Pirapora, letztlich durch die das Leben verzehrende, vor allem unbürgerliche, ja antibürgerliche Hoffnung auf Gottes Liebe und Gerechtigkeit. Kein Enfant terrible ist er, sondern ein schriftstellernder Brauskopf, der im Stolz lebt, 1917 eine Nachfahrin in direkter Linie des Bruders der von ihm ebenfalls hingebungsvoll verehrten heiligen Johanna von Orléans geehelicht zu haben: Jeanne Talbert-d'Arc. Das Verlobungsbild aus dem Studio zeigt ihn im Feldgrau, den geschwungenen Pfeifenstiel locker in der Linken, zeigt seine Verehrte, über die später kaum je ein Wort fallen sollte, das Ensemble abgerundet durch das Statussymbol des jungen Fuchsen an der Leine.

Bernanos liebt die Jagd, auf die das Kind den Vater in Frankreichs weiter Natur begleiten durfte. Den Adel verehrt er. Umso größer dann die Enttäuschung, sieht er sich mit dessen regionaler Bräsigkeit konfrontiert. Als Kind der antiklerikalen „Dritten Republik“ (1870–1940) sucht der junge Erwachsene sodann im Kampf der beweglichen Lettern die Auseinandersetzung. Und er findet sie als Chefredakteur der monarchistisch ausgerichteten Zeitschrift „L'Avant-garde de Normandie“, die er in Rouen binnen kurzer Zeit zu dem macht, was ihr Titel bis dahin allein zu sein versprochen hatte: die Vorhut. 1913 ebnete Léon Daudet ihm den Weg dorthin. In der Hauptstadt der Normandie immerhin war Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhaufen geendet. Die Zeitungsredaktion, die Bernanos übernimmt, liegt passend zu Thérese von Lisieux in der Karmelitengasse. Bernanos’ journalistische Agitation entwickelt sich mitreißend, bis das Vaterland ihn zu Beginn des Ersten Weltkriegs zu den Fahnen ruft. Der Krieg lässt ihn in die tiefsten menschlichen Abgründe blicken und fallen. Für den Rest des Lebens begleiten ihn immer wieder schwerste Angstzustände und Krisen.

Nur wenige schätzen den unbestechlichen Bernanos, der wahllos austeilt und verdammt – scheinbar wahllos, denn ein Polterer ist er eben nicht. La France classique, wenn auch profonde, hat immerhin einige Spuren in seinem Wesen hinterlassen. Dazu passt, dass der kunstsinnige Beuroner Benediktiner Paulus Gordan, als herkünftiger Jude Ende der 30er Jahre nach Lateinamerika, hauptsächlich nach Brasilien versetzt, zu Bernanos’ Freunden im Exil gehört. Bis 1998 erinnert der Mönch (1912–1999) alle Jahrzehnte in „Erbe und Auftrag“, der vormaligen „Benediktinischen Monatsschrift“, zum wiederkehrenden Todestag an seinen nonkonformistischen Freund aus gemeinsamen südamerikanischen Tagen. Bernanos zog das Benediktinische wie übrigens auch das Dominikanische allem Jesuitischen, dem er in der Schule in Paris begegnet ist, vor. Hans Urs von Balthasar wiederum, selbst Nonkonformist, hat den poete béni gedeutet, allerdings mit erheblichem Eigenbezug.

Der römische Katholizismus gab ihm die nötige Kraft

Von den Protagonisten seiner Romane, den wüsten, den zärtlichen, den utopischen wie auch den realistischen, trug Bernanos jeweils selbst einiges an sich, was ihm jedoch nie gegeben war, selbst zu werden. Im Gegensatz zu Nietzsches lebenslanger Befassung mit dem Rausch ist der aufrechte Franzose ganz der Vulkan in Person. Die Jahre in den Schützengräben mit ihrem tagtäglichen Grauen der Auflösung der menschlichen Existenz durch Morden, Hungern, Sprengen und Verlausen hätten sein Bild vom Menschen ruiniert, wäre da nicht der römische Katholizismus, der sich mit aller Kraft gegen die ideologisierende Verrohung des Menschen im 20. Jahrhundert wendet. Stellvertretend für seine Kirche bekämpft Bernanos mit der Wucht, selbst mit der Gewalt seiner Liebe alle Entmenschlichung.

„A nous deux“ – jetzt zu uns beiden, sind die letzten Worte des alten Kindes, als am 5. Juli 1948 im amerikanischen Spital in Neuilly bei Paris das Sterben beginnt, als ginge es zu einer Rauferei wie in den Tagen von einst. Heiterer ist da schon die Karikatur, die er vom „Berühmten Schriftsteller, gerade bei der Arbeit“ (L'illustre auteur en plein travail) entworfen hat: ein Stielmützen-Franzose, der über seiner literarischen Produktion auf dem Tischchen eingeschlafen ist. Aufrecht zur Seite steht dem wohlig Schlummernden eine Flasche nebst halbgefülltem Rotweinglas. Doch selbst auf sein eigenes Ende hat Bernanos (der übrigens der Überzeugung war, dass die Kinder die Welt richten würden) ein Zerrbild angefertigt: Diese Karikatur zeigt einen Grabstein, unter dem die Aufforderung an den Engel des Jüngsten Gerichts geschrieben steht, doch kräftig zu posaunen. Schließlich sei der Verstorbene „dur d'oreille“ – schwerhörig.

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