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Gendern: ein schwacher Religionsersatz einer säkularen Gesellschaft

Unsere Gesellschaft hat besseres und wichtigeres verdient als die Befassung mit künstlich generierten Geschlechtern und deren sprachliche Umsetzung.
Gender-Gefahr
Foto: IMAGO/Christian Ohde | Gender-Sprache und ihre toxische Wirkung auf die Gesellschaft sind Thema der Betrachtung unseres Autors Stefan Groß-Lobkowicz. .

Ein Gespenst geht um – der Genderwahn. Dass wir inmitten der größten Pandemie der Weltgeschichte keine anderen Probleme haben, unterstreicht den ganzen Irrsinn der angestachelten Diskussion. Was sich einst als eine harmlose linguistisch anmutende Debatte über das Geschlecht nach dem Linguistic Turn entwickelte, der maßgebende Impulse dem postmodernen, poststrukturalistischen Diskurs von Jacques Derrida verdankte, ist zu einer radikalen Programmatik geworden, der ein absoluter Wahrheitsanspruch inkludiert ist.

„Die Corona-geschüttelten deutschen Bundesbürger wollen keine Elter 1 oder Elter 2 sein.
Man trägt ein großes Unbehagen an den Sprach- und Schreibmonstern
wie Bürger*innen, BürgerInnen, Bürger:innen, Bürger/innen und Bürger_innen.
Wer seine Sprache zerstört, cancelt sich selbst“

„Nun sag‘, wie hast du?“ mit dem Gendern dann ich sage Dir, wer Du bist. So zumindest könnte man Goethes Gretchenfrage zur Religion aus dem „Faust“ zum Glaubensbekenntnis des 21. Jahrhunderts transformieren. Denn das Gendern trägt heutzutage – und dies immer mehr – fast religiöse Züge. Wer an der „neuen“ Religion und Deutungshoheit zweifelt, dass Mannsein und Frausein eine „gesellschaftliche Konstruktion“ sind, wer Alternativen zu Homo und Hetero nicht aufheben will, wer Begriffe wie „Mann“ und „Frau“ unkritisch seinem Seelenhaushalt verordnet, gehört einer Welt oder Generation buchstäblich im Sinne Stefan Zweigs von Gestern an.

Heute geht es nur noch um die beweglichen Formen von Geschlechtlichkeit – oder eben um den Abschied vom Prinzipiellen, von der tradierten Überlieferung von Mann und Frau. Schon längst hat die Gendertheorie, Gender Studies und Gender-Mainstreaming die Welt des Wissens erobert. Die Universitäten, einst Kathedralen des Wissens, sind zu Sprechröhren der neuen politischen Korrektheit geworden, zu regelrechten Blasen des Gender-Jargons, die die neue „Wissenschaft“ mit Hunderten von Lehrstühlen und mit Millionen Unsummen finanzieren.

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Aber beim Gendern handelt es sich nach wie vor um eine Religionswerdung qualitativ schwacher Kraft, die zwar den Anspruch auf eine Mehrheitsdoktrin mit gewaltigen Sanktionsmechanismen für sich in Anspruch nimmt, letztendlich aber nichts anderes als ein „neues“ Glaubensbekenntnis ist, das Kritiker vor den Richterstuhl zieht und knechtend beugt – bis sie sich zum „neuen“ Glauben bekennen. Dabei lehnen fast 90 Prozent der Deutschen die Umformatierung der Sprache ab. Hierzulande hält sich die Begeisterung in Grenzen, wenn es um einen Neusprech geht, der die Sprache verunglimpft und geradezu verhunzt, wo der Begriff des Bäckerhandwerks durch Backendenhandwerk ersetzt werden soll, wo von im Biergarten sitzenden Radfahrenden statt von dort sich erholenden Radfahrern die Rede ist.

Es gibt wichtigere gesellschaftliche Themen als intolerante, "Gender''-Anliegen

Die Corona-geschüttelten deutschen Bundesbürger wollen keine Elter 1 oder Elter 2 sein. Man trägt ein großes Unbehagen an den Sprach- und Schreibmonstern wie Bürger*innen, BürgerInnen, Bürger:innen, Bürger/innen und Bürger_innen. Wer seine Sprache zerstört, cancelt sich selbst. Für einen religiös Musikalischen ist der Neusprech aber nichts anderes als die neue Form einer sprachlichen Apartheid, die nicht nur Sprachmonster generiert, sondern in ihrer medialen Diktion und im Tenor erschreckend einseitig, intolerant und aggressiv ist. Anstatt die ohnehin brüchige Gesellschaft im Geist der Versöhnung harmonisch zu befrieden, befeuert das Gendern einen kontraproduktiven Diskurs.


Der Autor ist Pressesprecher der Diözese Regensburg.

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