Eton

Gender-Ideologen greifen die Meinungsfreiheit an

Gefährliche Intoleranz: Entlassung in Eton, Verfolgung in Schottland, Cancel Culture: Wer die Gender-Ideologie anzweifelt, lebt gefährlich, wird öffentlich angeprangert, verfolgt und kann sogar seine Stelle verlieren. Die Political Correctness betreibt ihre eigene Identitätspolitik . Künftig drohen sogar strafrechtliche Verfolgungen.
David Hume-Denkmal, Endinburgh
Foto: Heartland (imago stock&people) | Weil eine Schrift des Philosophen David Hume eine rassistische Fußnote enthält, hat Edingburgh den Namen des Hume-Towers geändert. Unser Bild zeigt das Hume-Denkmal in Edinburgh.

Wenn Freiheit irgendetwas bedeutet, dann das Recht, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen – schrieb George Orwell. An diesen Satz aus seinem Vorwort zu „Animal Farm“ fühlt sich mancher erinnert wegen einer aktuellen Kontroverse, die in Großbritannien die Gemüter erregt. Sie dreht sich um die Entlassung eines Lehrers am Eton-College wegen eines der Schulleitung nicht genehmen Vortrags, der Dogmen der Gender-Theorie angriff. Die Affäre provoziert seit Tagen Schlagzeilen in britischen Zeitungen.

Geschlecht biologisch definiert? Entlassen!

Lesen Sie auch:

Orwell, der Autor des Romans „1984“, war einst selbst Schüler in Eton. Das nahe Schloss Windsor gelegene, fast sechshundert Jahre alte Eliteinternat ist zweifellos die berühmteste Schule des Vereinigten Königreichs, zwanzig Premierminister haben sie besucht. Der Streit um den entlassenen Lehrer schlägt nun hohe Wellen, auch weil er ein Schlaglicht auf die Gefährdung der Meinungsfreiheit in dem Land wirft, das sich auf seine liberale Tradition einiges einbildet. „Eton trampelt auf der Freiheit des Denkens herum“, befand eine Kolumnistin in der „Times“.

Der Englischlehrer Will Knowland erhielt die fristlose Kündigung, nachdem er sich weigerte, seinen Vortrag „Das Patriarchats-Paradox“ aus seinem Youtube-Kanal zu löschen, der gegen das Konzept einer „toxischen Männlichkeit“ argumentiert. Schuldirektor Simon Henderson findet, der Lehrer habe gegen die schulischen Gleichheitsvorschriften verstoßen. In dem 33 Minuten langen Video zitiert der Pädagoge biologische, anthropologische, verhaltenswissenschaftliche, historische, philosophische, feministische und anti-feministische Studien und Schriften. Frontal attackiert er das zentrale Dogma der Gender-Theorie, wonach Unterschiede zwischen Männern und Frauen lediglich ein soziales Konstrukt seien.

Henderson sieht keinen Angriff auf die Meinungsfreiheit

Seiner Meinung nach gibt es eine biologische und evolutionäre Begründung für patriarchale Strukturen. Und er warnt vor radikal-feministischen Angriffen auf die Kernfamilie. Fast tausend Eton-Schüler haben inzwischen in einem Brief an den Direktor wegen der Entlassung protestiert. Der entlassene Englischlehrer, ein Vater von fünf Kindern, werde „geliebt von allen, die ihn kennengelernt haben“, heißt es darin. Die Debatten müssten frei bleiben, jeder solle sich seine eigene Meinung bilden, fordern die Schüler. Vermögende Absolventen („Old Etonians“) drohen mit Spendenentzug. Henderson, der laut „Times“ den Spitznamen „Trendy Hendy“ trägt, weil er das Elitecollege dem „progressiven“ Zeitgeist anpassen will, versicherte zwar, dass er die Meinungsfreiheit nicht einschränken wolle, doch glauben ihm viele nicht.

Schon länger gibt es Klagen, dass Lehrer sanktioniert werden, wenn sie gegen Vorgaben der „Political Correctness“ verstoßen. Henderson will das Knabeninternat (mit Schulgebühren von 42 500 Pfund im Jahr) weniger elitär machen und Gleichheits- und Gender-Themen betonen. Die Jungen mussten laut Medienberichten auch einen Film über einen „Trans-Mann“ anschauen, der schwanger wird und ein Kind gebiert. Zudem soll die „Diversität“ stärker betont werden, Henderson hat im Sommer der „Black Lives Matter“-Bewegung versprochen, „systemischen Rassismus“ in Eton zu bekämpfen. Der Lehrplan soll „entkolonialisiert“ werden.

Zensur wird als Toleranz und Respekt verkauft

Lesen Sie auch:

Während der Eton-Schulleiter behauptet, er vertrete „Toleranz“ und „Respekt“, warf ihm ein Religionslehrer und Kaplan der Schule vor, die Schüler mit progressiven Ideen zu indoktrinieren. Wer unorthodoxe Ansichten habe, müsse Angst haben; dies erinnere an religiösen Fundamentalismus. Lehrer Knowland will sich mithilfe der Free Speech Union, deren Mitglied er ist, gegen seinen Rauswurf zu wehren. Auch der Harvard-Psychologe Steven Pinker und der Harvard-Anthropologe Richard Wrangham haben sich für Knowland eingesetzt und an die Schulleitung geschrieben.

Die Eton-Debatte ist nur ein neuer Fall in einer langen Kette von Vorfällen, in denen eine zunehmend intolerante „progressive“ Bewegung die Meinungsfreiheit bedroht. Die Korridore des Denk- und Sagbaren werden enger, bestimmte Worte und Ansichten werden tabuisiert. An Universitäten bauen lautstarke Gruppen Druck auf, um unbequeme Redner auszuladen. „No platforming“ heißt die Praxis der National Student Union, die eigentlich Zensur bedeutet. So wurde etwa ein Vortrag der Oxford-Historikerin Selina Todd verhindert, da Aktivisten ihr eine „transphobe“ Einstellung vorwerfen, weil sie darauf beharrt, das Frau-Sein biologisch zu begründen.

Eine „Guardian“-Journalistin, die sie verteidigte, wurde aus der Zeitung weggemobbt. Ein regelrechter Shit-Tsunami ergoss sich über die Schriftstellerin J. K. Rowling, die Harry-Potter-Erfinderin, wegen angeblicher Transphobie, nachdem sie gegen die Bezeichnung „Menschen, die menstruieren“ für Frauen protestiert hatte. Die altmodische Feministin Rowling verteidigt biologische Geschlechtsrealitäten. Sie ist besorgt über die zunehmende Zahl von Mädchen, die sich zu „Trans-Männern“ erklären.

In Deutschland ist die Forschung bedroht 

Lesen Sie auch:

Keineswegs sind es also nur Konservative, die unter PC-Bann geraten. Am Trinity College in Dublin wurde kürzlich der atheistische Evolutionsbiologe Richard Dawkins (Autor von „Der Gotteswahn“) von einem Vortrag ausgeladen, weil plötzlich jemand an älteren islamkritischen Aussagen Dawkins Anstoß nahm. Selbst jemand, der eigentlich voll im Mainstream linksliberalen Denkens steht, kann also Opfer der Cancel Culture werden. In Cambridge wurde vor zwei Jahren dem rechten kanadischen Psychologieprofessor Jordan Peterson wegen „Islamophobie“ eine Gastdozentur gestrichen; den Feminismus-Kritiker hatten linke Gruppen schon lange im Visier. Eine Studie des Londoner Politologen Eric Kaufman hat jüngst gezeigt, dass konservative Professoren immer mehr in die Minderheit geraten und aus Angst vor Kampagnen Selbstzensur betreiben. In Deutschland ergab eine Allensbach-Umfrage für den Hochschullehrerverband, dass fast ein Drittel sagt, die Political Correctness schränke sie in Forschung und Lehre ein.

Das Fallbeil der Political Correctness beendet zuweilen Karrieren schon wegen eines einzigen unbedachten Wortes. Vor kurzem musste der Chef des englischen Fußballbundes zurücktreten, weil er von „farbigen“ Sportlern sprach („coloured“ darf man nicht mehr sagen, wohl aber „people of colour“). Der antirassistische Bannfluch hat rückwirkend auch den großen Aufklärungsphilosophen David Hume getroffen, dem Aktivisten an der Universität Edinburgh eine Fußnote in einem Essay von 1752 über Schwarze („natürlich inferior gegenüber Weißen“) vorhalten. Eine Petition einiger Studenten genügte, die schottische Universität knickte ein. Sie hat ein Bürohochhaus, den Hume Tower, umbenannt. Die Löschung von Humes Namen erfolge aus Rücksicht auf Studierende, die nicht ein Gebäude benutzen sollen, „das nach einem Philosophen des 18. Jahrhunderts benannt ist, dessen Kommentare zum Thema Rasse, obwohl nicht ungewöhnlich in der damaligen Zeit, heute berechtigterweise Schmerzen verursachen“, schrieb das Antirassismus-Komitee der Universität.

Selbst die Bibel könnte der Zensur zum Opfer fallen

Lesen Sie auch:

Schottland könnte durch ein neues Gesetz gegen „Hass-Sprache“ schon bald eine der rigidesten Einschränkungen der Redefreiheit in der westlichen Welt erfahren.Die von Justizminister Humza Yousaf von der linksnationalen Scottish National Party entworfene „Hate Crime and Public Order Bill“ droht mit einer drastischen Verschärfung der Grenzen der Rede- und Pressefreiheit durch eine exzessive Auslegung dessen, was als Hasssprache gilt. Schottlands katholische Bischöfe sorgten sich, dass sogar die Bibel wegen mancher Passagen als ein „Hassbuch“ illegal werden könnte. In der Bibel heißt es, Gott schuf die Menschen als Mann und Frau, dies kollidiere mit der postmodernen Gender-Lehre von fluiden Geschlechtsidentitäten, warnten Kirchenvertreter. Wer sich gegen die Gender- und Trans-Bewegung stellt, könnte vor dem Kadi landen. Aber auch linken Kulturschaffenden ist unwohl, weil Satire künftig als Hass verboten werden könnte.

Angeblich aufhetzende Schriften, Theaterstücke, ja sogar Gespräche im Familien- oder Freundeskreis in Privatwohnungen sollten der Polizei gemeldet werden, so fordert es Justizminister Yousaf. Er bestätigte, dass es strafbar werden könnte zu sagen, dass „Trans-Frauen“ keine richtigen Frauen seien. Allerdings nur dann, wenn die Rede in aufhetzender Weise gemeint war, sagt er. Aber viele fürchten, dass ein Gummiparagraph geschaffen wird, der die Meinungsfreiheit gefährlich beschneidet. Für George Orwell, den Warner vor totalitärer Gedankenkontrolle, böte sich heute ein weites Feld.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Die Stonewall-Bewegung wollte die Diskriminierung und den „Hass“ gegen Homosexuelle bekämpfen.
Löschkultur
Widerstand gegen Cancel Culture wächst Premium Inhalt
Rückeroberung der freien Meinungsäußerung und der Freiheit der Wissenschaft: An Universitäten, aber auch in Zeitungen, stehen immer mehr Menschen gegen die Unsitte „Löschkultur“ auf.
01.08.2021, 09  Uhr
José García
Themen & Autoren
Philip Plickert Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten Clinton Richard Dawkins David Hume Emanzipation Evolutionsbiologen George Orwell Justizminister Philosophen Polizei Professoren Religionslehrerinnen und -lehrer Schottische Nationalpartei Schottland Schülerinnen und Schüler Steven Pinker

Kirche