Gehört der Religionsunterricht zu Deutschland?

In Tutzing fragten Bildungsexperten nach der Dringlichkeit von religiöser Schulbildung. Von Marie-Thérese Knöbl

Sobald über Themen des gesellschaftlichen Miteinanders Tagungen veranstaltet werden, könnte man meinen, sie haben aufgehört selbstverständlich zu sein. Beim konfessionellen Religionsunterricht in Deutschland ist das seit einigen Jahren der Fall. Längst nicht mehr allgemein akzeptiert und aufgrund sinkender Zahlen getaufter Kinder in einigen Regionen Deutschlands nicht mehr an allen Schulen in der gewohnten Weise aufrechtzuerhalten, steht der konfessionelle Religionsunterricht nicht erst seit der neuartigen Schulsituationen aufgrund der sogenannten Flüchtlingskrise, sondern bereits seit 1990 unter Beobachtung und Rechtfertigungsdruck – nicht zuletzt deshalb, weil die Eltern der meisten in Deutschland zwischen 1990 und heute geborenen Kinder sich keiner der beiden Kirchen mehr zugehörig fühlen.

Von Seiten der beiden zur Steuererhebung berechtigten Kirchen versucht man der spürbaren Krise des konfessionellen Religionsunterrichts durchaus zu begegnen, leider jedoch vor allem mit Verflachung und Verkindlichung der religionspädagogischen Angebote, zunehmend auch mit konfessionsneutralen und interreligiös kompatiblen Lehrinhalten. Von allgemeiner Christenkunde in den Grundschulen über globalethische und interreligiöse Ansätze im Sekundarbereich hin zu einer Reduktion des Christentums auf Hexenverbrennung, die Kreuzzüge und das rein architekturgeschichtliche Interesse an Kirchen bei Schulabsolventen.

An der Evangelischen Akademie in Tutzing diskutierten angesichts der aktuellen Situation des Religionsunterrichts in Deutschland unter der Überschrift „Konfessioneller Unterricht: wichtiger denn je?“ am vergangenen Wochenende Bildungsexperten, Religionspädagogen, Schulleiter, Priester, Ordensleute, Laien und Schüler darüber, was den konfessionellen Religionsunterricht in Deutschland ausmacht und wie es um seine Zukunft bestellt ist. Der konfessionelle Religionsunterricht, als einziges Unterrichtsfach in Deutschland durch Artikel 7, Absatz 3 im Grundgesetz verankert, genießt, zumindest für katholische und evangelische, zum großen Kummer der orthodoxen Kirche jedoch nicht für orthodoxe Schüler, Sonderrechte und Subventionen und ist außer in den Bundesländern Hamburg, Berlin, Brandenburg und Bremen Pflichtfach. In allen Bundesländern außer Bayern und dem Saarland können sich Schüler zudem ab dem 14. Lebensjahr vom Religionsunterricht abmelden.

Dass der konfessionelle Religionsunterricht in einigen Regionen Deutschlands gar nicht mehr ordentlich durchgeführt werden kann, liegt jedoch vornehmlich an der sinkenden Zahl getaufter Eltern und Kinder. Darauf hat die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) 2016 mit einer Erklärung reagiert, die die Marschrichtung für die Zukunft vorgeben soll: „Die Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts. Empfehlungen für die Kooperation des katholischen mit dem evangelischen Religionsunterricht.“ Im Jahr 2017 folgte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit dem Dokument „Konfessionell-kooperativ erteilter Religionsunterricht. Grundlagen, Standards und Zielsetzungen.“ Was in Bayern noch exotisch wirken mag, wird in anderen Bundesländern bereits seit einigen Jahren praktiziert. Die Abkürzung „KokoRu“ (für: konfessionell-kooperativer Religionsunterricht) geht den Lehrkräften aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen auf der Tutzinger Tagung so flott über die Lippen, als hätten sie das Fach studiert. Auch in Niedersachsen und Schleswig-Holstein wird „KokoRu“ bereits unterrichtet, berichten diejenigen, die sein Konzept entwickelt und politisch durchgesetzt haben. „Immerhin seit 1956 gibt es den orthodoxen Religionsunterricht in Bayern!“, gibt der Mitdiskutant Erzpriester Nikolai Artemoff zu bedenken. Umso bedauerlicher, dass er trotz steigender Schülerzahlen aus Südosteuropa und Russland in den Erklärungen der beiden großen Kirchen und bei der Entwicklung des konfessionell-kooperativen Religionsunterricht keine Rolle zu spielen scheint, denn gerade mit der Erweiterung um die Perspektive des Ostens könnte ganz Europa in den Blick genommen werden. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, wenn man künftig im Religionsunterricht der religiösen Pluralität der Gesellschaft Rechnung tragen möchte. Denn Bildungsziel, so heißt es von Seiten der Religionspädagogik einstimmig, ist vor allem eines: „Pluralitätsfähigkeit“.

Ganz wichtig ist den Lehrern auch die fächerübergreifende Zusammenarbeit: „KokoRu darf kein Kokon werden!“, so ein Religionspädagoge aus Franken. Auch die religionswissenschaftliche Forschung ist dieser Meinung: „Der Begriff der Inklusion ist weiter zu fassen. In Zukunft geht es vor allem darum, Heterogenitätsoptionen auch in anderer Hinsicht zu nutzen“, waren sich die Lehrstuhlinhaber für Religionspädagogik an der Universität Bamberg, Henrik Simojoki und Konstantin Lindner aus evangelischer und katholischer Warte, einig. Es gelte nun, „der beschleunigten Pluralisierung durch die Migrationsbewegungen Rechnung zu tragen“. Der Religionsunterricht müsse zudem dem aufkeimenden Populismus und Rassismus entgegenwirken, im konfessionell gebundenen Religionsunterricht sei das so nicht oder nur sehr begrenzt möglich. „Die konfessionellen, religiösen und weltanschaulichen Hintergründe der unterschiedlichen Schüler müssen stärker integriert werden“, so die beiden Theologen. Bei aller Praxisbezogenheit sollte jedoch nicht vergessen werden, was der Philosoph Hegel als Direktor des Ägidiengymnasiums in Nürnberg einmal sagte und woran in seinem Vortrag „Gehört der Religionsunterricht zur Allgemeinbildung?“ der Auftaktredner der Tagung und Preisträger des Deutschen Sprachpreises 2018 Josef Kraus in seiner Warnung vor Egalisierungswahn und Spaßpädagogik erinnerte: „Bildung ist die Aneignung von Welt jenseits des Nutzens ökonomischer Praxis.“ Wenn nämlich der konfessionelle Religionsunterricht einmal keine Selbstverständlichkeit mehr und durch ökumenisches Bemühen zu einem überkonfessionellen Fach mit Schwerpunkt auf Vermittlung globalethischer Werte beziehungsweise dem ethischen Minimalkonsens verschmolzen ist, werden christliche und muslimische Eltern in Deutschland das tun, was Eltern im laizistischen Frankreich und seit Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts in nie gekannter Quantität auch in Großbritannien tun: ihre Kinder vermehrt auf konfessionell gebundene Privatschulen schicken. Ob das eine Dystopie darstellt und eine Gesellschaft ohne Religionsunterricht bedeutet, wie Christiane Krämer, Studienrätin am Gregor-Mendel-Gymnasium in Amberg es empfindet?

Viele Wege führen zu Religions- und Glaubensvermittlung, wie auch immer es mit der bundesweiten Entwicklung des KokoRu und der Annäherung der beiden Kirchen weitergeht. So fasste der Direktor der Katholischen Akademie in Bayern, Monsignore Schuller, zusammen: Letztlich gehe es auch im Religionsunterricht um die eine Frage: „Das Geheimnis der Wirklichkeit Gottes und wie man damit umgeht“.

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