Geheimnis des Glaubens

Mystagogisches Lernen als Kommunikationsmodell für die Gottesfrage in der Postmoderne. Von Barbara Stühlmeyer

Mystagogische Vermittlung religiöser Inhalte ist keine neue Idee. In der alten Kirche spielte der alle Sinne miteinbeziehende Zugang zum Geheimnis des Glaubens eine große Rolle. Und diese Zeit ist keineswegs die einzige in der Geschichte der Theologie der Kirche, in der die Erfahrungsvermittlung groß geschrieben wurde. Dass dieser Zugang, für den es auch bei Bonaventura, Karl Rahner oder in der Existenztheologie inspirierende Beispiele gibt, heute mehr denn je genutzt werden sollte, ist die Überzeugung der Theologen an der Fakultät der Universität Freiburg. Sie initiierten deshalb das Forschungsprojekt: Die Gottesfrage in der Postmoderne kommunizieren: Mystagogisches Lernen.

Ihr Ausgangspunkt ist der Verlust der Monopolstellung, den Kirche und Theologie hinsichtlich der Deutung der Welt erlitten haben. Ihre Stimmen sind schon lange nicht mehr unumstritten, sie sind vielmehr Teil eines Marktes der Meinungen, auf dem vor allem diejenigen punkten, die nicht nur informativ, sondern performativ arbeiten. Derjenige, dem es gelingt, anderen die Erfahrung zu vermitteln, dass seine Sicht etwas für sich hat, erweist sich heute auch in existenziellen Fragen dann als der Gewinner, wenn die Evidenz dessen, was er behauptet, nicht gegeben ist oder sich der von ihm vertretene Standpunkt als irrig erweist.

Wenn es aber vor allem um Erfahrung geht, müssen die Prioritäten in der Vermittlung theologischer Inhalte neu geordnet werden. Dabei geht es keineswegs um eine Verflachung, wie sie heute vielfach in der Gemeindekatechese zu beobachten ist. Denn Mystagogie bedeutet nicht, irgendeine Erfahrung zu machen, die vielleicht, vielleicht aber auch nicht mit dem in Verbindung steht, was eigentlich vermittelt werden sollte. Mystagogie beinhaltet vielmehr, dass derjenige, der den Glauben verkündet, selbst über eine Gotteserfahrung verfügt und befähigt ist, diese nicht nur theoretisch, gleichsam im Informationsvermittlungsmodus zu kommunizieren. Er oder sollte stattdessen die Gabe haben, einen Raum zu schaffen, in dem das Erleben dessen, worum es geht, ermöglicht wird.

Unerlässlicher Bestandteil der Verkündigung

Erforscht wird dieses Thema, wie die Leiterin des Arbeitsbereiches Religionspädagogik und Katechetik der Albert-Ludwigs-Universität Professor Mirjam Schambeck in ihrer Projektbeschreibung ausführt, schon seit den 1980er Jahren. In dieser Zeit wurde durch das Erstarken der charismatischen Bewegungen in den evangelischen, aber auch in der katholischen Kirche erstmals evident, dass die Feier der Gottesdienste offenbar nicht mehr breitflächig jene Erfahrung vermittelte, die die Sehnsucht nach einem persönlichen Glaubenserlebnis stillte. Und Theologen reagierten damals mit grundlegenden Analysen, die vor allem eins erweisen: Mystagogie ist ein unerlässlicher Bestandteil der Verkündigung des Geheimnisses des Glaubens. Deshalb blieb auch deren Erforschung ein Thema, dem man sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln näherte. Verschiedene Disziplinen der Theologie haben dabei mitgewirkt und die theologiegeschichtlichen, systematisch-theologischen und religionspädagogischen Akzentuierungen der facettenreichen Erscheinungsformen von Mystagogie im Laufe der Kirchengeschichte untersucht und zueinander in Beziehung gesetzt.

Die Franziskanerin Sr. Mirjam weiß, worüber sie forscht und wovon sie ausgeht, wenn sie die Mystagogie in den Fokus katechetischer Arbeit stellt. Denn sie hat in Brasilien und Bolivien Straßenkinder betreut, in Favelas und mit dem Eingeborenenstamm der Chiquitanos gearbeitet, war Leiterin eines franziskanischen Jugendhauses, Referentin der Erwachsenenbildung, unternahm Forschungsaufenthalte in Indien und lehrte Religionspädagogik an den Theologischen Fakultäten der Universitäten Eichstätt-Ingolstadt, Bamberg und Bochum, bevor sie die Professur in Freiburg übernahm. Die Liste der Veröffentlichungen der Theologin zum Thema Mystagogie zeigen jene Mischung aus erfahrungsbasiertem Ansatz und theologischer Reflexion, die für die Beantwortung der Frage, wie können wir heute von Gott reden, zielführend ist. Dass Mystagogie für Schambeck ein Herzensanliegen und ein Thema ist, mit dem sie sich schon lange und mit großer Kompetenz beschäftigt, wird im Blick auf ihre Dissertation und ihre Habilitationsschrift deutlich. Erstere trägt den Titel „Contemplatio als Missio. Zu einem Schlüsselphänomen bei Gregor dem Großen“. Hier erarbeitete die Professorin bereits den Ansatz für eine notwendige Neuorientierung in der Katechese und führte dies in ihrer Habilitationsschrift „Mystagogisches Lernen. Zu einer Perspektive religiöser Bildung“ fort. Das Forschungsprojekt des Arbeitsbereiches Religionspädagogik und Katechetik der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg verspricht also nicht nur eine Vermehrung von Einsichten. Seine Ergebnisse können auch dazu beitragen, den Blickwinkel weg von Strukturen und anderen Äußerlichkeiten hin zu Jesus Christus zu korrigieren. Und das wäre dann nicht nur ein hervorragendes Forschungsergebnis, sondern ein Segen.

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