Gedenkt des Vergangenen

Erzählen wider die Vergänglichkeit – Wie Autoren des Herbstes eine literarische Erinnerungskultur pflegen. Von Björn Hayer
Jan-Jan -Oper "Ryusei"
Foto: dpa | In der Trostlosigkeit der Moderne genügt manchmal ein kleines Fenster in die Vergangenheit, das den Blick auf das frei gibt, was einmal wertvoll war.
Jan-Jan -Oper "Ryusei"
Foto: dpa | In der Trostlosigkeit der Moderne genügt manchmal ein kleines Fenster in die Vergangenheit, das den Blick auf das frei gibt, was einmal wertvoll war.

Nichts anderes hält sich in unseren schnelllebigen Zeiten der Digitalisierung so wacker wie die Literatur. Wo nichts bleibt, sondern alles jeden Tag aufs Neue im Netz überschrieben, modifiziert oder verworfen wird, lässt einen das gedruckte Wort – etwas pathetisch gesprochen – an den bekannten Fels in der Brandung denken. Doch mit dieser für gewissermaßen alle Bücher geltenden Verewigung ist es noch nicht genug. Gerade im nunmehr ausklingenden Bücherherbst haben sich nicht wenige deutsche Autoren in ihren Werken dezidiert dem Erinnern verschrieben.

Am offensichtlichsten trifft dieser Befund auf Sven Stillich und Judith Schalansky zu. Ersterer, geboren 1969, sucht in seinem neuen Buch „Was von uns übrig bleibt“ das bereits Verlorengegangene oder Gefährdete noch einmal festzuhalten. Ob Abschiedsbriefe, Bücher mit kleinen Randnotizen, von uns gepflanzte Bäume oder einfach nur ein Fußabdruck – wo Vitales ist oder war, bleiben Spuren für die Nachkommenden zurück. Gleich einem Archäologen deckt der Autor und Sprachwissenschaftler Schichten auf, unter denen sich bisweilen beinah vergessene Welten und Schätze hervortun. Stillichs Fazit lautet nach all seinen prosaisch dargebotenen Recherchen: „Es gibt keine Normalität... Nichts war schon immer da... In allem um uns herum stecken Zeichen von Leben.“ Um sie zu erkennen und zu lesen, gilt es, der „Veränderungsblindheit“, die der Schriftsteller in unserer Gesellschaft ausmacht, etwas entgegenzusetzen: vielleicht ein wenig Liebe zur Nostalgie, aber vor allem Wachsamkeit für schleichende Prozesse.

Ähnlich verfährt Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“, vielleicht eines der besten Bücher dieses Jahrzehnts. Mehr noch als ihr Kollege bemüht sie sich um eine sinnliche Erfahrung von Dingen und Begebenheiten aus vergangenen Epochen. „Nichts kann im Schreiben zurückgeholt, aber alles erfahrbar werden“, lautet das Motto. Die 1980 in Greifswald geborene Kunsthistorikerin will den Leser zum Miterleben anregen und das Abwesende anwesend werden lassen. Diese Ambition betrifft in jeweils einzelnen Kapiteln mitunter das von James Cook besuchte untergegangene Atoll Tuanaki oder die Mythen um den fragmentarischen Bestand der antiken Liebeslyrikerin Sappho. Manche feierten sie als Schönheit, andere beklagten ihre angeblich männlichen Züge. Und so verlaufen die Grenzen zwischen Fiktion und Wahrheit immer mehr. Wo in den ausgiebigen Recherchen der Autorin Lücken auftreten, muss die narrative Logik die fehlende Stringenz herstellen. „Verzeichnis einiger Verluste“ führt somit vor Augen, wie Geschichtsschreibung an sich funktioniert. Sie braucht Fakten, um aus diesen eine plausible Ereignisfolge zu rekonstruieren.

Das Ziel ist dabei immer klar: die Wahrheit herauszufinden und die Lüge zu widerlegen. Darin schimmert der ungemeine Wert solcher Bücher auf, die mithin eine literarische Gedenkkultur oder Denkmalpflege betreiben. Diese Etikette klingt, zugegebenermaßen, ein wenig bieder und altbacken. Aber der Gedanke dahinter erweist sich vor dem Hintergrund sich verbreitender Fake News als begrüßenswert, mehr noch: als dringlich. Schalansky und Stillich legen den Morast aus Behauptungen und Gerüchten mit Sachinformationen (und natürlich nicht ohne Fabulierlust) und profundem Material trocken.

Wer die literarische Gedächtniskultur in zeitgenössischer Belletristik in den Blick nimmt, wird bemerken, dass das Erzählen ebenso als kulturelle Praxis der Bewahrung von Ideen und Traditionen verhandelt wird. Besonders anschaulich gelingt dies Michael Kleeberg mit seinem famosen Roman „Der Idiot des 21. Jahrhunderts. Ein Diwan“. Es ist ein ganzer Reigen aus Lebensgeschichten, die sich eine Gruppe von Freunden eines Abends in der Nähe von Frankfurt (Main) erzählt. Unmittelbar fühlt man sich bei dieser verschachtelten Konstruktion an die Romantiker erinnert, die das Spiel zwischen Rahmen- und Binnenhandlungen virtuos auf die Spitze trieben. Man erfährt von den historischen Hintergründen der Vertreibungen durch gewaltsame Auseinandersetzungen im Nahen Osten oder einer Tunnelflucht aus der DDR. Was Kleeberg zusammenträgt, ergibt das Panorama einer von Konflikten, Terrorismus und Vertreibung erschütterten Welt. Sehr konzentriert lässt der Autor seine Figuren über kulturelle Gemeinsamkeiten und überhaupt Verständigungspotenziale diskutieren, worin sich zugleich die erfrischend utopische Färbung des Romans äußert. Man findet sich zusammen und erweitert durch den Differenzen überwindenden Dialog und das gegenseitige Zuhören den eigenen Erfahrungshorizont. Vor allem ist das „Reden miteinander“ zu betonen, das eine Alternative zum momentanen von den sozialen Netzwerken befeuerten „Reden über- und gegeneinander“ bietet. Man könnte noch weitere Autoren dieses Herbstes für die tendenziöse Stärkung literarischen Erinnerns anführen. Man denke noch an Alex Capus' Werk „Königskinder“ oder Mirko Bonné mit seinem hellsichtigen Lyrikband „Wimpern mit Asche“. Trotz aller Verschiedenartigkeit der einzelnen Entwürfe fällt die Gesamtbotschaft bei allen ähnlich aus: Haltet das Vergangene wach.

Obwohl sich die wenigsten Werke offensiv gegen ganz bestimmte Stimmen in unserer Gesellschaft wenden, legen ihre Bücher Einspruch gegen eine fast schon epidemische Geschichtsvergessenheit oder – noch schlimmer – gar -klitterung ein. Denn nur aus der Reflexion des historischen Erbes lassen sich Schlüsse für eine gute Zukunft entwickeln. Ernst Bloch sprach einst vom „Unabgegoltenen“, eben unvollendeten Projekten zurückliegender Epochen, deren Wiederaufgreifen überhaupt erst Chancen für Erneuerung bereitstellt. Gedenken bedeutet also keineswegs Musealisierung. Im Gegenteil: Es schafft die Grundlage für ein gelingendes Morgen.

– Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp, 252 Seiten, EUR 24,–

– Sven Stillich: Was von uns übrig bleibt. Rowohlt, 288 Seiten, EUR 22,–

– Michael Kleeberg: Der Idiot des 21. Jahrhunderts. Ein Diwan. Galiani. 464 Seiten, EUR 24,–

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