Geburt der Baukunst aus der Armut

Ideen des Bauhauses haben auch die Kirchenarchitektur beeinflusst – Zum 100. Jubiläum der Künstlergruppe. Von Michael Gregory
Dominikus Böhm entwarf die Kirche St. Engelbert in Köln
Foto: IN | Im Volksmund hieß sie Zitronenpresse: Der Bauhäusler Dominikus Böhm entwarf die Kirche St. Engelbert in Köln (1930–32) unter der Formel „Ein Gott, eine Gemeinde, ein Raum“.

Bauhaus und Kirche – zwei entgegengesetzte Pole, mag man meinen, wird das in der Hochschule vorherrschende, überwiegend linke Denken als Maßstab genommen. Hannes Meyer etwa, Nachfolger von Walter Gropius als Direktor des Bauhauses, war überzeugter Kommunist. Mart Stam, Erfinder des berühmten Freischwingers, ist ihm nach seiner Zeit am Bauhaus in eine sowjetische Bau-Brigade gefolgt. Zum Jubiläum „100 Jahre Bauhaus“ am 6. April wird an diese und ähnliche Geschichten in zahlreichen Veranstaltungen über die geistigen Wurzeln der legendären Formen-Schule erinnert. Der Rückschluss Unverträglichkeit mit dem Glauben der Kirche liegt nahe.

Oder vielleicht doch nicht? Jedenfalls sind zentrale Grundsätze des neuen Bauens von etlichen modernen Kirchenbaumeistern der 20er und 30er Jahre mit großer Offenheit aufgegriffen worden. Mehr noch: Wer sich mit den Werken von Rudolf Schwarz, Dominikus Böhm oder Emil Steffann befasst, kann zu dem Schluss kommen, dass sie die „wahren“ Bauhäusler waren, denn neben ihren reduzierten Formen haben sie das zentrale gesellschaftliche Reformprogramm des Bauhauses in Architektur umgesetzt: Besinnung auf die dienende Funktion der Architektur, Rückkehr zur Einfachheit und den Anspruch, konsequent vom Nutzer der Bauten aus zu denken, um die Massen zu erreichen. Ganz franziskanisch sprach der rheinische Architekt Rudolf Schwarz von der „Wiedergeburt der Baukunst aus der Armut“. Das in den Kirchenraum einfallende Licht sollte die tragenden Massen zum Verschwinden bringen und das Göttliche sinnlich erfahrbar machen.

Prinzipien, die vom Bauhaus zwar verkündet, in den Entwürfen aber nicht immer konsequent durchgehalten wurden. Manche Villen Mies van der Rohes oder Walter Gropius' zeugen davon. Es ging ihnen oft auch um die Verwirklichung kommerzieller Interessen. Auch wenn die Bauhäusler keineswegs den Ton angaben, ihre offenen, dem Licht zugewandten Gebäude wurden auch von vielen außenstehenden Kirchenbaumeistern befolgt – zur Zeit des Bauhauses eine recht überschaubare Angelegenheit für eine relativ kleine Zahl von Architekten. Rudolf Schwarz aus Aachen zum Beispiel, der in seiner Heimatstadt 1929 die berühmte kubische Fronleichnamskirche schuf. Dominikus Böhm, der mit der Kirche St. Engelbert in Köln (1930–32) ein kühnes Werk unter der Formel „Ein Gott, eine Gemeinde, ein Raum“ entwarf. Eine Kirche, deren Wände aus acht parabelförmigen Backsteinelementen bestehen. Sie bilden einen zeltartigen Überbau, der den Gemeinderaum hervorhebt. Im Volksmund wurde dieses Gebäude bald „Zitronenpresse“ genannt. Rudolf Schwarz wollte das Vokabular des katholischen Sakralbaus neu buchstabieren und, wie er sagte, „Maß gegen Masse, christliche Seele gegen großstädtische Seelenlosigkeit“ setzen. In Dortmund gestalteten die Architekten Karl Pinno und Peter Grund 1929 die erste Kirche Deutschlands in Betonbauweise: die evangelische Nicolaikirche. Sie besteht aus Glas, Stahl und Beton und wurde als eine „moderne Kirche in der Großstadt“ im Stil des Neuen Bauens errichtet. Im Innenraum werden Licht und Transparenz zum vorherrschenden Gestaltungsprinzip. Und auch einige frühere Bauhäusler entdeckten später den Kirchenbau für sich. Etwa Mies van der Rohe 1949 mit der Kapelle Saint Saviour des „Illinois Institute of Technology“ in den USA. Oder Marcel Breuer mit seiner Klosterkirche Saint John in Collegeville/ Minnesota aus dem Jahre 1961. Spektakulär in Gestalt und Lage ist auch Le Corbusiers Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut auf einem Hügel im französischen Ronchamp. Diese 1955 fertiggestellte Kirche setzte Maßstäbe im Kirchenbau der Nachkriegsmoderne – nicht nur als brutalistischer Sakralbau, sondern wegen ihrer ungewöhnlich skulpturalen Form. Ebenso von Le Corbusier erschaffen wurde das aus Beton bestehende und von Stelzen gestützte Kloster Sainte-Marie de La Tourette in Éveux.

Den vielleicht umfassendsten Beitrag zum modernen Kirchenbau lieferte der evangelische Architekt Otto Bartning. Er erdachte die Auferstehungskirche in Essen in den Jahren 1929/30. Dabei griff er die Forderungen der sogenannten Liturgischen Bewegung auf: Die Gemeinde sollte aktiv an der Messe teilnehmen, indem sie sich um den Altar herum gruppiert, anstatt dem Gottesdienst frontal nur andächtig beizuwohnen. Aber erst nach dem Krieg sollte Bartning berühmt werden: für seine Notkirchen, ein Kirchbauprogramm der evangelischen Kirche in Deutschland, das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von Bartning entwickelt wurde, um den Mangel an gottesdienstlichen Räumen, der durch die Zerstörung vieler Kirchen und den Zuzug von Flüchtlingen entstanden war, mit einfachen Mitteln zu beseitigen. Bartning hatte bereits nach dem Ersten Weltkrieg die Bauhaus-Idee mit Gropius im „Arbeitsrat für Kunst“ entwickelt, die dann von Gropius, der mit Esoterik viel anfangen konnte, im Alleingang umgesetzt wurde. Heute gilt Gropius vielen als alleiniger Schöpfer des Bauhauses. Doch er hatte Mitstreiter – darunter eben auch solche, die vom Glauben getragen waren, heute aber in Vergessenheit geraten sind.

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