Namenspatrone

Für uns Menschen sind sie die Wegweiser Gottes

Sie wissen, wo es lang geht: Neue Zugänge zur Lichtwelt der Heiligen.
Afrikanische Ahnenmasken
Foto: BS | Ahnenkulte bei indigenen Völkern – Tonfiguren aus Afrika belegen es.

Wer eine lange, von vielen Unwägbarkeiten geprägte Reise in ein fernes Land antritt, tut gut daran, über den Weg dahin genaue Informationen einzuholen. Das gilt auch für den menschlichen Lebensweg und sein Ziel, das ewige Leben. Aber wen kann man in dieser Frage zu Rate ziehen? Sofern man katholisch ist, steht einem ein riesiges Heer von Menschen zur Verfügung, die sich als Wegbegleiter anbieten. Die Heiligen wissen nicht nur, wo es lang geht, auf dem Weg ins himmlische Jerusalem, sie sind auch – und das ist ein geradezu unschätzbarerer Vorteil – auf ganz verschiedenen Wegen dorthin gelangt, wo wir einmal für immer Zuhause sein möchten, nämlich im Herzen des Vaters.

„Mit der Achtung für die Heiligen haben wir auch jene für unsere Vorfahren verloren.
Die wenigsten Menschen kennen heute noch ihre Familiengeschichte“

In ihrer Individualität sind die Heiligen das größte Hoffnungszeichen dafür, dass unser persönliches Leben gelingt und wir die Forderung der Schrift: „Seid heilig, denn ich bin heilig“ (1 Petrus 1, 16), werden erfüllen können. Dass diese Forderung wirklich gilt und die Eintrittsvorraussetzung ins ewige Leben bildet, ist in den vergangenen Jahren vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu unserem Nachteil. Denn wer sich dem Training entzieht, das nötig ist, um heilig zu werden, verpasst die besten Schritte auf dem Weg der Persönlichkeitsentwicklung und wird sein ihm von Gott geschenktes Wesen nie in Fülle entfalten und dessen belebende Wirklichkeit verkosten können.

Bemerkenswert ist, dass das Wissen um den Weg ins Licht und die dafür notwendigen Schritte in dem Maße geschwunden ist, in dem wir die Verbindung mit den Heiligen verloren haben. Während in der Generation der heute über 80-jährigen der jeweilige Namenspatron und seine Geschichte oft noch lebendig ist, haben viele andere Menschen keine Kenntnisse über das Leben der Heiligen. In ihren Augen sind sie tot. Es scheint unmöglich, eine Verbindung zu ihnen herzustellen und deshalb macht es aus Sicht der meisten auch wenig Sinn, sich mit ihrer Lebensgeschichte auseinanderzusetzen, jedenfalls nicht mehr, als eine Biografie über Helmut Schmidt oder Königin Cleopatra zu lesen.

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Vorbilder im unübersichtlichen Alltag

Sie sind im besten Falle gute Beispiele für ein christliches Dasein. Aber dass sie erfolgreich ins ewige Leben eingegangen und deshalb unsere wichtigsten Vorbilder und zugleich kompetente Wegweiser in einem ziemlich unübersichtlichen Gelände wie dem alltäglichen Leben inmitten vielfältiger Versuchungen sind, denen sie wie wir ausgesetzt waren, mit denen sie aber, oft im Gegensatz zu uns, schließlich erfolgreich umzugehen gelernt haben, bleibt dabei außer Acht.

Vielfach wird sogar vermittelt, die Verehrung der Heiligen sei nur ein Aspekt der Inkulturation gewesen, der den an viele Götter gewöhnten Heiden den Übergang zum Monotheismus erleichtern sollte. Die Aufgabe der Heiligen als spirituelle Vorfahren, geistliche Wegbegleiter und wirkmächtige Fürbitter wird damit entwertet und suggeriert, es sei aufgeklärter, mithin dem modernen Menschen angemessener und zeuge von innerer Unabhängigkeit, sich direkt an Gott zu wenden. Eine solche Verkündigung bleibt nicht ohne Wirkung. Denn wer möchte schon als Schwächling dastehen, der sich nicht traut, Jesus Christus oder Gott direkt anzusprechen und sich hinter den mehr oder weniger breiten Rücken einer Schar von Heiligen versteckt?

Wichtig ist das beständige Gespräch

Die Folge: Die vielfarbige Welt der Heiligen, deren jeder auf eigene Weise das reine klare weiße Licht Gottes in der irdischen Wirklichkeit hat aufscheinen lassen, verblasste nach und nach. Die Heiligen wurden immer weniger erwähnt und schließlich vergessen.

Nun ist es bei der Kommunikation mit den Heiligen so wie mit jeder anderen auch. Wenn man nicht miteinander redet, wird die Verbundenheit immer schwächer und schließlich reißt der Kontakt irgendwann ab. Es entsteht auf Seite der Menschen hier auf der Erde der Eindruck, die Heiligen seien entweder tot oder zumindest unerreichbar fern. Beides ist falsch und ein Bewusstsein dafür zu gewinnen, dass sie in der ewigen Wirklichkeit Gottes inzwischen mit den Engeln sein Lob singen und zugleich uns als Wegbereiter in sein lebendiges Licht zur Verfügung stehen, ist essentiell für die notwendige Erneuerung der Kirche.

Heilige vergegenwärtigen eine lebendige Vergangenheit

Wer ein Gespür für die Lebendigkeit der Heiligen, ihre Liebe zu Gott und ihren Willen, uns zu begleiten gewinnt, beginnt die Kirche als das zu sehen, was sie ist: eine überzeitliche Wirklichkeit, die nicht nur im Hinblick auf eine in den Heiligen für uns lebendige Vergangenheit wirkmächtig gegenwärtig ist, sondern auch in dem Sinne über uns, unser Sinnen und Trachten, Reden und Tun hinausreicht, als Jesus Christus das Haupt seiner Kirche ist. Die lebendigen Steine, aus der sie gebaut ist, müssen nicht von uns in eine neue Ordnung gebracht werden, weil die alte nicht mehr taugt, sie haben bereits einen organischen Aufbau, der gefährlich ins Wanken gerät, wenn wir hier und da einen Stein herausziehen, weil wir vergessen haben, wozu er dient.

Die Auswirkungen des Verlustes der Verbindung mit den Heiligen sind nicht nur in der katholischen Kirche in Deutschland spürbar, in der sie und ihre lichtstarken Lebensbeispiele in Vergessenheit geraten sind, sie zeigen eine gesamtgesellschaftliche Wirkung. Denn mit der Achtung für die Heiligen haben wir auch jene für unsere Vorfahren verloren. Die wenigsten Menschen kennen heute noch ihre Familiengeschichte. Manch einer hat schon Probleme, sich an die Namen seiner Großeltern zu erinnern, geschweige denn an deren Eltern, ihre Lebenswege, ihre Vorlieben,

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Zustand der Gesellschaft als Folge mangelnden Kontakts zu Heiligen

Entscheidungen und Schicksale, die unsere zu einem hohen Anteil prägen, ob es uns bewusst ist oder nicht. Mit dem Wissen und der Achtung aber schwinden auch die Achtsamkeit, die zärtliche Sorge um die Älteren. Dass wir den selbst gewählten Tod für uns und andere am Beginn und Ende des irdischen Lebens inzwischen für ein Menschenrecht halten, ist letztlich eine Folge dessen, dass wir den Kontakt zur Lichtwelt der Heiligen ebenso verloren haben wie den mit Gott, den wir in unserer Selbstüberschätzung selbstbestimmt zu gestalten können glaubten.

Die gute Nachricht ist: wir können jederzeit umkehren. Eine neue Aufmerksamkeit für die Heiligen kann damit beginnen, mehr über den eigenen Namenspatron und die der eigenen Familie oder des Freundeskreises herauszufinden. Aus dieser Beschäftigung entsteht zunächst unbemerkt und dann Schritt für Schritt immer wahrnehmbarer ein Lichtnetzwerk, das die Heiligen ihrerseits zur Kommunikation mit uns nutzen werden. Dies gelingt umso besser, wenn wir, da unser Glaube der an einen inkarnierten Gott ist, die Verbindung mit den Heiligen auch auf irdische Weise stärken. Ein Bild eines Heiligen, der uns anspricht, ein Symbol dessen, wofür sein Lebensweg steht, kann zu einem Ankerpunkt eines neuen Lebens mit den Heiligen werden. Die Möglichkeiten für den Aufbau einer Kommunikation sind vielfältig.

Mit Achtsamkeit in den Dialog mit den Heiligen eintreten

Ein Hintergrundbild auf dem Computer oder Smartphone kann ebenso an einen Heiligen erinnern wie ein Heiligenbild auf den Schreibtisch, ein Lesezeichen in einem Buch oder ein Schlüsselanhänger. Wie bei jeder guten Kommunikation ist es vorteilhaft, behutsam vorzugehen. Wer sich einem Heiligen mit Achtsamkeit nähert, schärft die inneren Sinne, auf die es bei der Kommunikation über das Lichtnetzwerk zur jenseitigen Wirklichkeit entscheidend ankommt. Entscheidend ist außerdem die Blickrichtung, die eine gemeinsame ist. Denn die Heiligen sind in all ihrer Zuwendung, die ihr Dienst für uns mit sich bringt mit ihren Herzen in Christus verwurzelt. Zum ihm führen sie uns auf jenen Wegen, die sie selbst gegangen sind.

Deshalb macht es Sinn, sich aus der großen Schar der Heiligen einen Begleiter auf dem Weg ins himmlische Jerusalem zu suchen, der dem Sehnen des eigenen Herzens entspricht. Den einen wird es vielleicht zu Petrus hinziehen, einen anderen zu Hildegard, wieder einen zu Franziskus oder Mutter Teresa. Hilfreich beim Vertrautwerden mit diesen lebendigen Glaubenszeugen kann ein spielerischer Umgang sein, der die eigene Offenheit dafür signalisiert, sich von ihnen, die uns an jedem Tag zur Seite stehen, an ihren Festtagen aber oft eine besondere Kraft ausstrahlen, zu Gott führen zu lassen. Wer sucht, wird im Netzwerk der Heiligen den Richtigen finden.

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