Vergessene Philosophen

Freiheit verlangt Offenheit

Der katholische spanische Philosoph Leonardo Polo hinterlässt ein umfangreiches Werk, das in Deutschland fast unbekannt ist. Das „Projekt moderne Philosophie“ erscheint bei ihm als überwunden.
Portrait  Fernando Polo
Foto: Universidad de Navarra | Für Fernando Polo sind Offenheit, Freiheit, Intelligenz und Liebe die Merkmale, die aus einem zunächst anonymen Wesen einen koexistierenden Menschen machen, besonders auch mit Gott.

Eine junge chinesische Studentin soll vor zwanzig Jahren in Madrid tränenüberströmt aus einer Vorlesung herausgelaufen sein und anderen gesagt haben, jetzt wisse sie, warum und wie sie von Gott geliebt werde. Die Vorlesung, aus der diese Dame stürzte, hatte Professor Leonardo Polo gehalten. Sein Thema: wie der Mensch Gott erkennt und wie Gott seinerseits den Menschen erkennt. Diese Anekdote, von seinem Schüler Professor Juan Fernando Sellés, Lehrstuhlinhaber für Philosophie an der Universität von Navarra, kürzlich bei einem Deutschland-Aufenthalt berichtet, bezieht sich auf den hierzulande fast unbekannten katholischen Philosophen Leonardo Polo (1926–2013).

In seinen mehr als vierzig Büchern beschäftigte sich Polo mit klassischen und mittelalterlichen Denkern wie Aristoteles, Thomas von Aquin und Wilhelm von Ockham sowie mit modernen und zeitgenössischen Philosophen wie Descartes, Kant, Hegel, Husserl, Heidegger und Nietzsche. Über Descartes, der hierzulande als Vertreter des Rationalismus gilt, schrieb Polo seine Promotion. Darin versucht er aufzuzeigen, dass René Descartes selbst da noch einen methodischen Zweifel zum Ausdruck bringt, wo sich Evidenzen, Offensichtlichkeiten und zwingende Erkenntnisse ergeben, ohne zu weiteren fruchtbaren Einsichten zu kommen, weshalb Polo ihn als einen Vertreter des Voluntarismus in der Philosophie einstuft.

Polo liefert hier die Theorie für ein aus freiem Willen und Gottes Mitwirkung
mögliches Wachstum zur Vollkommenheit

Polos philosophisches Anliegen: die Errungenschaften der traditionellen klassischen Philosophie zu würdigen, sowie das „Projekt der modernen Philosophie“ zu berichtigen und zu korrigieren.

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So unterscheidet er: (1) den Akt des Seins des physikalischen Universums (womit sich die klassische Metaphysik beschäftigt); (2) die vierfache Konkausalität als Essenz des physikalischen Universums (was Thema der Naturphilosophie ist); (3) den Akt des Seins der menschlichen Person (womit er sich in seiner „transzendentale Anthropologie“ befasst); und schließlich (4) das Wesen der menschlichen Person (Anthropologie des menschlichen Wesens).

Polo regte in der klassischen Philosophie Änderungen an

Unter „Antropología Trascendental“ versteht Polo die Philosophie vom Menschen – wobei „transzendental“ nicht gleichbedeutend mit „a priori“ ist und im Gegensatz zu „empirisch“ steht, wie Immanuel Kant es verstanden hätte. Bei Polo bedeutet „transzendental“ den Vorrang des Seins der Person.

Polo geht davon aus, dass die philosophische Anthropologie eine Fortentwicklung klassischer Philosophie ist. Werden die Menschen für bloß metaphysische Wesen in dem Sinne gehalten, wie Aristoteles, Thomas von Aquin und einige andere mittelalterliche Philosophen dachten, indem sie ihn als „rationale Substanz“ betrachteten und definierten, werde es – so Polo – äußerst schwierig, den freien Willen philosophisch zu erklären. Denn der Begriff der Substanz sei untrennbar mit einer metaphysischen Notwendigkeit verbunden, so dass eine Substanz als an sich bestehend bezeichnet werden kann.

Wenn der Mensch nur rationale Substanz ist, bedarf er zum Existieren keiner anderen Zuwendung. Die menschliche Freiheit sei jedoch mit dieser Notwendigkeit unvereinbar.

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Der Mensch koexistiert mit Gott

Es sei ein Fehler, den Menschen „frei“ zu nennen, nachdem er als „Substanz“ bezeichnet wurde, sei es rational oder nicht, denn der Mensch ist nach Polo keine freiwillige Substanz, sondern ein willensfreies Wesen. Daher müsse die gedankliche Unterscheidung in der klassischen Philosophie zwischen dem Universum und dem Menschen vergrößert werden, um an einer transzendentalen Ordnung zu arbeiten. Der Mensch unterscheidet sich von Kometen, Pflanzen und Tieren nicht in äußeren oder zufälligen Merkmalen, sondern auf der Ebene dessen, was Thomas von Aquin als actus essendi (Akt des Seins) bezeichnen würde.

Für Polo besteht der Unterschied zwischen dem Universum und dem Menschen darin: Der Mensch ist ein Mitwesen, das mit anderen Ko-Existenzen koexistiert. Der Mensch ist das Wesen, das existenziell offen ist für andere Seinshandlungen: es koexistiert mit dem Wesen des Universums, mit anderen menschlichen Personen und vor allem mit Gott.

In seiner Offenheit für andere liegt der duale Charakter seines Seins, der die Existenz eines einsamen Menschen zu einer metaphysischen Absurdität mache. Der Mensch ist offen für die Vollkommenheit. Insofern der Mensch mit anderen Mitwesen und insbesondere mit Gott koexistiert, kann der freie Wille wachsen. Polo liefert hier die Theorie für ein aus freiem Willen und Gottes Mitwirkung mögliches Wachstum zur Vollkommenheit.

Der autonome Mensch ist ihm eine Absurdität

So begreift Polo Freiheit nicht – wie in der modernen Philosophie – als pure Spontaneität, autonome Unabhängigkeit oder das Fehlen physischer und psychischer Zwänge, sondern in einem neuen, unerwarteten Sinne: als radikale Offenheit für andere Wesen.

Die Beziehung einer Person zu Gott ist für ihn nicht streng kausal, was im Fall des Universums gelten mag. Die einzigartige Abhängigkeit eines Menschen von Gott ist die Wurzel seiner Freiheit und damit einer inneren Offenheit, die auf Selbsterkenntnis und Selbsthingabe baut. Der Ruf des Menschen zur Offenheit ist gleichzeitig ein Ruf, ontologisch stets mehr zu sein. Das ist nur in einem aristotelischen, nicht-utilitaristischen Rahmen objektiver Werte auffindbar.

Umfangreiches Werk des Philosophen

Polo schlägt vor, dass „Offenheit“, „Freiheit“, „Intelligenz“ und „Liebe“ die Merkmale der „menschlichen Transzendenz“ sind. Dies bedeutet, dass es nur dann einen Menschen geben kann, wenn diese vier Eigenschaften angelegt oder realisiert sind, obwohl er die Anzahl dieser menschlichen Transzendentalien nicht auf diese vier beschränkt sehen will. Wichtig sei, dass menschliche Transzendentalien es einem anfangs anonymen Wesen ermöglichen, zu koexistieren und unter anderen Koexistenzen erkannt zu werden. Damit wendet Polo die klassische Lehre von den Transzendentalien, die Eigenschaften wie „Sein“, „Eins“, „Wahrheit“, „Gut“ und „Schönheit“ für universell und allumfassend halten, auch auf den Menschen an. Menschen sind in der Lage, diese intrinsisch statischen Qualitäten aktiv zu erwerben und zu vermehren.

Polo hat ein umfangreiches Werk in spanischer Sprache hinterlassen. Und eine Schar von Schülern in seinem Heimatland Spanien, aber auch in Mittel- und Südamerika, in der Schweiz oder den Niederlanden befasst sich mit seiner Philosophie.


Literaturtipp:

Roderrick Esclanda / Juan Fernando Selles:
A brief introduction to Leonardo Polo.
Herausgegeben vom Leonardo Polo Institute of Philosophy, Pamplona 2016, 54 Seiten, EUR 8,04

Zeitschriften:
STUDIA POLIANA, Universidad de Navarra, Pamplona.
 MISCELÁNEA POLIANA, Institute of Philosophical Studies „Leonardo Polo“.

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