Streamingdienste

Was von Netflix übrig blieb

Trotz des „Stranger Things“-Erfolgs hat der Streaminggigant äußerst schwere Zeiten vor sich. Abonnenten kündigen in Scharen, der Aktienwert ist rapide gefallen.
Filmszene aus "Stranger Things"
Foto: Netflix | Keine Serie ist so erfolgreich wie der Netflix-Hit „Stranger Things“ – doch auch die jungen Helden können die Probleme des Streamers nicht kaschieren.

Der erfolgsverwöhnte Streamingdienst Netflix steckt in der Krise. Zum ersten Mal seit über zehn Jahren werden die Abonnements weniger. Die Aktie, die am Anfang des Jahres noch knapp 600 Dollar wert war, kostet heute nur noch um die 175 Dollar – ein Rückgang von rund 70 Prozent.

Und nicht nur das: Konkurrent Nummer eins, Amazon Prime, ist mittlerweile Marktführer in Deutschland. Bei Disney+, dem zweiten großen Rivalen, hat man mit „Star Wars“ und „Marvel“ zwei der stärksten Zugpferde des gesamten Entertainmentwettbewerbs im Stall stehen - die Abozahlen steigen hier stetig. Und selbst die kleineren Dienste wie HBO Max oder Paramount+, das im Dezember auch in Deutschland an den Start gehen soll, expandieren. Bei Netflix dagegen muss man plötzlich haushalten. Allein im April hat die Plattform 200 000 Abonnenten verloren und dafür gibt es Gründe.

Lesen Sie auch:

Willkürliche Serienabsetzungen erzürnen die Fans

Ein Rückblick: Am 16. September 2014 startete Netflix in Deutschland. Die Streaming-Plattform entwuchs dank technologischem Fortschritt einer Online-Videothek für DVDs, die 1997 in den USA gegründet wurde. Die letzten Jahre bestimmte Netflix den globalen Streaming-Markt nach Belieben. Man produzierte, was Profit brachte. Was nicht lukrativ war, wurde eingestampft – und das zuletzt immer häufiger. Das enttäuscht viele Fans. Sie fühlen sich der Willkür des Tech-Giganten ausgeliefert. Serien wie „Ozark“ etwa, für die noch eine fünfte geplant gewesen war, werden von einem Tag auf den anderen abgesetzt. Zwar spendiert Netflix den größeren Serienhits Finalstaffeln, in denen ihre Geschichten auserzählt werden können – doch bei kleineren Formaten, die dennoch eine treue Fangemeinde besitzen, sagt Netflix immer häufiger nein und lässt frustrierte Anhänger mit unaufgelösten Handlungssträngen und Cliffhangern zurück.

Auch die konstante Preissteigerung der Abos wird als ein Grund für die Krise genannt. Das Premium-Abo, also vier Geräte und die Möglichkeit, in Ultra-HD zu streamen, ist kontinuierlich teurer geworden. Der Preis am Anfang: 11,99 Euro. Und heute? 17,99 Euro. Hinzu kommt allerdings: Hat man ein Abo bei Netflix, so ist es bislang ohne Probleme möglich, diesen Account mit anderen zu teilen. Einfach E-Mail-Adresse und Passwort weitergeben und schon kann sich ein anderer damit einloggen. Dieser Vorgang verletzt zwar die Nutzerbedingungen, doch bislang hatte das kaum Konsequenzen. Das könnte sich nun ändern. Denn klar ist: Jeder nicht-zahlende Streamer bedeutet weniger Profit für Netflix. Der Konzern hat nun angekündigt, dieses Account-Sharing unterbinden zu wollen – und testet derzeit in Ländern in Südamerika aus, wie weit er damit gehen kann. Dort fällt eine Extragebühr an für alle, die ihr Konto teilen. In Peru sind das umgerechnet zwei Euro.

„Wie kürzlich bekannt wurde, plant der US-Konzern eine Reality-TV-Version
im Stile von ‚Squid Game‘, einer südkoreanischen Produktion im „Battle Royale“-Stil,
in dem Menschen bei einem höchst brutalen Wettbewerb gegeneinander antreten“

Lesen Sie auch:

Wer diese Gebühr zahlen muss, kann Netflix ermitteln: Die IP-Adressen werden seit jeher gespeichert, wie „Deutschlandfunk Nova“ berichtet. Einfach zu sagen, man lebe im selben Haushalt, obwohl dies nicht der Fall ist, dürfte also in Zukunft schwieriger werden. Ob die Zusatzgebühren auch in Deutschland eingeführt werden, ist noch nicht klar – wenn auch nicht unwahrscheinlich, sollte sich diese Maßnahme positiv im Ergebnis widerspiegeln. Doch auch inhaltlich könnte sich einiges ändern: Bisher veröffentlicht Netflix jede Woche einen neuen Film. Aus einer Recherche des Branchenblattes „The Hollywood Reporter“ geht hervor, dass in Zukunft bald nicht nur weniger Filme produziert werden: Wenn überhaupt, dann nur noch riesige Blockbuster-Filme wie etwa jüngst „The Adam Project“ mit Ryan Reynolds, der 116 Millionen Dollar kostete. Für das Feuilleton interessante Filme wie „Roma“ oder „The Irishman“ werden wohl eine untergeordnete Rolle spielen.

Dass Netflix seit April dieses Jahres 150 seiner Mitarbeiter entlassen hat, ist ein Resultat dieser Neuausrichtung. Denn ein großer Teil dieser Mitarbeiter hat an kleineren Produktionen – also Filme, die 30 Millionen Dollar oder weniger gekostet haben – mitgewirkt. Diese Filme passen nicht mehr in die Netflix-Doktrin der Zukunft, die „größer, weniger und besser“ lautet.

Netflix setzt auf Masse statt Klasse

Die Idee ist nämlich, sich auf Filme zu konzentrieren, die popkulturell den Nerv der Zeit treffen. Oder eben Serien, die in den Sozialen Medien diskutiert werden und ein möglichst großes Publikum möglichst leicht unterhalten. Musterbeispiele hierfür sind „Stranger Things“ oder „Squid Game“: Beide Serien waren und sind von jener popkulturellen Relevanz, auf welche Netflix besonderen Wert legt. Ganz nach dem Motto: Was auf TikTok, Twitter oder im Shooter „Fortnite“ zitiert wird, verspricht den Erfolg. Dass Netflix im Gegensatz zu Disney keine hochkarätigen Marken wie „Star Wars“ oder „Marvel“ besitzt, soll so für die Zeit der vielen kleinen Hypes vergessen gemacht werden.

Von Disney+ unterscheidet sich Netflix in einem weiteren Merkmal: Netflix veröffentlicht seine Serien staffelweise am Stück. Disney orientiert sich an dem Ausstrahlungs-Rhythmus klassischer TV-Serien: pro Woche eine neue Folge. Dies führt dazu, dass bei Netflix die Serien staffelweise „gebinged“, also am Stück geschaut, werden, und die Menschen danach die Plattform auf unbestimmte Zeit wieder verlassen. Sie werden schlicht nicht bei der Stange gehalten.

Noch ist Netflix werbefrei - doch das kann sich ändern

Einen Trumpf jedoch hat Netflix noch nicht ausgespielt: Werbung. Ein Modell, das etwa bei HBO Max Anwendung findet. Laut einem Bericht der „New York Times“ will auch Netflix bald eine solche Tarifvariante anbieten. Sie soll für den Kunden billiger sein, beinhaltet dafür aber Werbespots. Zudem ist Netflix längst nicht nur mehr ein Serien- und Filmabspieldienst – um Abos zu generieren, greift man tief in die Marketing-Trickkiste: Wie kürzlich bekannt wurde, plant der US-Konzern eine Reality-TV-Version im Stile von „Squid Game“, einer südkoreanischen Produktion im „Battle Royale“-Stil, in dem Menschen bei einem höchst brutalen Wettbewerb gegeneinander antreten. Wer überlebt, wird mit Reichtum belohnt – dieses Showkonzept will Netflix nun in die reale Welt übertragen. Zwar geht es hier nicht ums blanke Überleben – doch auch im „echten“ „Squid Game“ winken den Besten Preisgelder in Millionenhöhe.

Ein weiteres Problem zeichnet sich für Netflix ab: Die EU-Kommission will den Forderungen der Telekomindustrie nachgeben und eine Art Daten-Maut für große US-Tech-Konzerne einführen, wie das „Handelsblatt“ berichtete – ein weiterer Kostenfaktor für den Konzern. Ob eine Reality-TV-Show, ein Tarif mit Werbung und Extragebühren fürs Kontoteilen das auffangen können, bleibt in diesem Fall die äußerst spannende Frage.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Jonathan Ederer Europäische Kommission Krisen

Weitere Artikel

Konkurrenz belebt das Geschäft: Mit einem massiven Ausbau ihrer Mediatheken wollen die Öffentlich-Rechtlichen Netflix und Co. etwas Wasser abgraben.
12.07.2022, 15 Uhr
José García
Hunderte Medienschaffende fordern große US-Unternehmen dazu auf, in Bundesstaaten mit restriktiven Abtreibungsgesetzen „Sicherheitsmaßnahmen“ für Schwangere zu garantieren.
03.08.2022, 15 Uhr
Meldung

Kirche

Der hohe Wert von Wahrheit und Freiheit – Nächste Folge der losen Serie über die „Köpfe des Konzils“: Bischof Karol Wojtylas Akzentsetzung beim Zweiten Vatikanum.
29.11.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Papst Franziskus erinnert die Bischöfe an ihre Pflicht, für die Lehre einzustehen. Das zeigt: Seine „Basta-Kommunikation“ wirkt.
29.11.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Ein Fazit, das der Görlitzer Bischof Ipolt aus den Gesprächen in Rom zieht ist, dass man auf dem Synodalen Weg nicht weiter machen kann wie bisher.
28.11.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt