Heute ist Weltglückstag. Nicht, dass man das wissen müsste. Aber man sollte wissen, was Glück ist – um es nicht vergeblich an falschen Stellen zu suchen. In der aktuellen Kindernachrichtensendung „logo!" des ZDF zum Beispiel kreisen die Antworten um Dinge wie gute Noten, ein Eis, Glücksbringer, aber auch Freunde treffen oder ein Couchnachmittag mit der ganzen Familie. Erwachsene geben in Umfragen eher Antworten wie Gesundheit, Wohlstand, soziale Kontakte oder ein gutes politisches System. All das ist nicht falsch. Es ist wichtig. Aber es ist zu wenig.
Das Christentum hat eine Antwort, die tiefer geht. „Freude ist das gigantische Geheimnis des Christen", lehrte der große englische Konvertit und Journalist G.K. Chesterton. Und dieses Geheimnis ist so geheimnisvoll, dass man es der Welt kaum verübeln kann, dass sie das Glück der Christen nicht begreift.
Der Mensch ist zu groß für das, was die Welt ihm bieten kann
Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt, wie tief diese Frage gedacht wurde. Boethius, römischer Philosoph und Christ, wartete im 6. Jahrhundert auf seine Hinrichtung und wusste dennoch: Das Glück, das die Welt verspricht, ist unzuverlässig. Reichtum, Ansehen, Gesundheit können von einem Tag auf den anderen verschwinden. Man kann Geld, Macht und Ruhm hinterherjagen, um immer wieder den nächsten Freudekick zu spüren.
So hat es der Kirchenvater Augustinus vor seiner Bekehrung getan: Karriere, Lust, Philosophie, er hat alles versucht. Bis er erkannte: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir." Anders ausgedrückt: Der Mensch ist zu groß für das, was die Welt ihm bieten kann. Und er muss, so Augustinus, mitunter erst durch das Leid gehen, um das wahre Glück überhaupt fassen zu können.
Besonders skandalös klingt es, wenn Jesus in der Bergpredigt spricht: Selig die Armen, selig die Trauernden, selig die Verfolgten. … oberflächlich nicht zu begreifen. Aber Jesus meint genau jenes Glück, das nicht von äußeren Umständen abhängt: Wer arm im Geiste ist, wer loslassen kann, wer um der Gerechtigkeit willen leidet, der ist frei. Und Freiheit ist die Voraussetzung echten Glücks.
Wie Glück wachsen kann
Die Vereinten Nationen versuchen mit ihrem Glücksbericht, Glück in Zahlen zu fassen. Wahres Glück aber lässt sich nicht messen – es ist nur sichtbar. Bei Papst Franziskus war Glück eine innere Gewissheit: geliebt, gewollt und getragen zu sein. Frère Roger Schutz, Gründer der Communauté de Taizé, fand es in der Beichte: „die Morgenröte der vollkommenen Freude". Es zeigt sich in der Würde, die Arme ausstrahlen, in den leuchtenden Augen eines Kranken, in der Demut eines Klugen. Der schwedische UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, alles andere als ein frommer Schwärmer, hielt in seinem Tagebuch fest, dass er die Abhängigkeit von Gott als Glück erfuhr. Und der Jesuit Ignatius von Loyola fand es im vollen Eifer des Dienstes für Gott.
Dieses Glück lässt sich nicht durch Leistung hervorrufen. Es ist ein Geschenk für den, der sich Gott schenkt und ihm sein Ja gibt. „Das Glück ist nicht in uns, und das Glück ist auch nicht außerhalb von uns. Das Glück ist nur in Gott. Und wenn wir ihn gefunden haben, dann ist es überall", schrieb Blaise Pascal. In den Augen der Welt klingt das absurd. Aber vielleicht ist eine andere Weisheit leichter zu verstehen und auch für Nichtchristen erprobenswert: „Das Glück ist das Einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt", sagte der Protestant Albert Schweitzer. Dies ist wohl das eigentliche Paradoxon des christlichen Glücks: Es wächst, indem man es weitergibt.
Gute Noten, ein Eis, Freunde; all das kann den Tag erhellen. Ein Couchnachmittag mit der Familie ist wirklich kein schlechter Anfang. Aber wer beim Anfang stehenbleibt, verpasst das Ziel. Der Weltglückstag wäre gut genutzt, wenn er wenigstens die Frage aufwürfe: Was ist es, das wirklich trägt – wenn die Noten schlecht sind, das Eis geschmolzen ist und die Freunde enttäuscht haben?
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