Suizid

Was bleibt, wenn man den Glauben der Kunst opfert

Das erschreckende Fazit eines Menschenlebens: „Alles ist gut gegangen“ zeigt einen körperlich verfallenen Menschen, dessen existenzielle Leere lange zuvor begann. Nun meint er, im assistierten Suizid den einzigen Ausweg zu finden.
Filmszene aus „Alles ist gut gegangen“ („Tout s?est bien passé“)
Foto: Alamode | Nach einem Schlaganfall will der 85-jährige André (André Dussollier) nicht mehr leben. Er bittet deshalb seine Tochter Emmanuele (Sophie Marceau), zu der er immer eine schwierige Beziehung hatte, um „Hilfe“.

Seit Jahren schwankt die filmische Aufarbeitung der aktiven Sterbehilfe beziehungsweise des assistierten Suizids zwischen Ablehnung und Akzeptanz. Seit Michael Hanekes mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichneten Spielfilm „Liebe“ (2012), der die Tötung einer 80-jährigen Frau durch ihren Mann nach deren körperlichem und seelischem Verfall als eine „Tat der Liebe“ bezeichnet, kommen vermehrt Filme ins Kino, die offen für die aktive Sterbehilfe plädieren. Selbstverständlich gibt es auch Ausnahmen, so etwa – um nur einen Film aufzugreifen – „Arthur & Claire“ (2017), der von zwei Menschen erzählt, die sich zwar auf den „selbstbestimmten“ Tod vorbereiten, die sich jedoch im Laufe der Handlung gegenseitig vom assistierten Suizid abhalten.

Nun hat sich der französische Regisseur François Ozon des Themas angenommen. Ozon nahm zuletzt mit „Gelobt sei Gott“ („Grâce a Dieu“) an der Berlinale 2019 teil, der von Missbrauchsfällen in Frankreich handelte – mit der deutlichen Absicht, die Kirche im allgemeinen und Kardinal Barbarin im besonderen zu diskreditieren. Sein Spielfilm „Alles ist gut gegangen“ („Tout s?est bien passé“), das darf bereits jetzt gesagt werden, nimmt sich als lupenreine Apologie des assistierten Suizids aus.

„Dies unterstreicht freilich die Einsamkeit und Müdigkeit eines Lebens,
das letzte Antworten nicht in der Religion –
im Laufe der Handlung wird es deutlich, dass André seinen jüdischen Glauben
nicht allzu ernst genommen hat –, sondern in einer Sublimierung der Kunst gesucht hat“

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Ozon adaptiert frei den gleichnamigen autobiographischen Roman von Emmanuele Bernheim: Die Schriftstellerin Emmanuele (Sophie Marceau) eilt ins Krankenhaus, an dessen Eingang sie ihre Schwester Pascale (Géraldine Pailhas) erwartet. Ihr Vater André Bernheim (André Dussollier), Mitte achtzig, hat einen Schlaganfall erlitten. Er ist nicht sein erster, und Emmanuele tröstet sich: „mein Vater erholt sich immer“. Als André erwacht, erfährt er aber die bittere Wirklichkeit: die Gesichtszüge entgleiten ihm, er kann kaum mehr als Lallen.

Das Schlimmste aber: Der stolze Fabrikant und Kunstsammler ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Es ist der 15. September – der Film hält dadurch den Lauf der Zeit fest, dass immer wieder ein Datum eingeblendet und damit die Handlung in Kapitel eingeteilt wird. Obwohl sich André leicht erholen wird, steht spätestens am 2. April sein Entschluss fest: „Das Leben in diesem Zustand will ich nicht. Es interessiert mich nicht. Ich will sterben“. Die Geschichte wird – so Ozon selbst – „zu einem Countdown“.

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Ein apodiktischer Film ohne Einladung zur Debatte

„Selbstbestimmt“ sein Leben beenden – der Gemeinplatz taucht in „Alles ist gut gegangen“ immer wieder auf. André will nicht darüber reden oder sich umstimmen lassen. Insofern stimmt das, was Drehbuchautor und Regisseur François Ozon zu seinem Film anmerkt: „Der Film wird nie zu einer Debatte über Euthanasie. Natürlich bleibt es nicht aus, dass wir über unsere eigenen Gefühle und Fragen zum Tod nachdenken.“ Denn eine solche Debatte lässt er auch nicht zu.

Es ist dieselbe Haltung, die seit Alejandro Amenábars „Das Meer in mir“ (2005) für den assistierten Suizid ins Feld geführt wird. Dessen Protagonist erstickt jedoch jeden Versuch, über seinen Sterbewunsch noch ausführlicher zu sprechen, mit einem Standardsatz im Keim: „Urteile nicht über mich. Wenn du mich wirklich liebst, hilf mir zu sterben“.

Ein rücksichtloser Egoist

„Alles ist gut gegangen“ konzentriert sich auf die Beziehung zwischen dem Vater und seinen Töchtern. Dazu dienen auch die Rückblenden, die hin und wieder in die Handlung eingefügt werden. Dadurch tritt aber auch Andrés wahrer Charakter zutage: Ein homosexueller Vater, der zu seinem Liebhaber – einer Figur, die Ozon wohl bewusst als ambivalent, ja rätselhaft charakterisiert – und zu einem Kellner eine engere Beziehung unterhält, als zu seinen eigenen Töchtern und zu seiner Frau Claude (Charlotte Rampling), von der er ohnehin schon lange getrennt lebt.

Zu André führt Ozon aus: „André ist ein zutiefst egoistischer Mensch, aber er ist auch voller Leben. Er heiratete Claude de Soria aus bürgerlicher Konvention heraus, aber er lebte sein Leben so, wie er wollte. Ohne Zwänge lebte er seine Homosexualität aus. Er tat, was er wollte. Er kannte keine Rücksicht auf andere, abgesehen von seinem Enkelsohn“.

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Am Ende steht existentielle Leere die ins Nichts mündet

Abgesehen davon, scheint André nur die Kunst wichtig zu sein. Wie bei manchen Intellektuellen nehmen bei ihm Kunst und Kultur die höchste Stelle ein – was interessanterweise damit einhergeht, dass „Alles ist gut gegangen“ jeden Ästhetizismus meidet und die Kamera einen visuell nüchternen Blick bietet. Dies unterstreicht freilich die Einsamkeit und Müdigkeit eines Lebens, das letzte Antworten nicht in der Religion – im Laufe der Handlung wird es deutlich, dass André seinen jüdischen Glauben nicht allzu ernst genommen hat –, sondern in einer Sublimierung der Kunst gesucht hat. Andrés existenzielle Leere begann offensichtlich nicht erst mit seinem körperlichen Verfall.

„Alles ist gut gegangen“ basiert nicht nur auf wahren Tatsachen. Die dramatische Aktualität des Filmes wird durch die kürzlich bekanntgewordene Absicht des inzwischen 86-jährigen Schauspieler Alain Delon unterstrichen, um den assistierten Suizid zu bitten. Da der berühmte Mime in der Schweiz lebt, unterliegt er nicht der restriktiven französischen Gesetzgebung in Sachen aktive Sterbehilfe.

Der Trailer zum Film:

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