Berlin

Unverhoffte Reise in die Vergangenheit

„Apple TV+“ stellt die ersten Folgen der von Steven Spielberg produzierten Anthologie-Serie „Unglaubliche Geschichten“ online.
„Unglaubliche Geschichten“
Foto: Apple TV+ | Im Jahre 1919 soll die junge Evelyn Porter (Victoria Pedretti) gegen ihren Willen mit einem reichen Witwer verheiratet werden.

Mit eher bescheidenem Angebot ging vor kurzem der Apple-Streamingdienst „Apple TV+“ an den Start (DT vom 16. Januar). Umso sehnsüchtiger wurde die von Steven Spielberg produzierte, bereits bei der Plattform-Vorstellung im März 2019 angekündigte Serie „Unglaubliche Geschichten“ („Amazing Stories“) erwartet. Unter demselben Titel produzierte Spielberg zwar in den 1980er Jahren zwei Staffeln mit insgesamt 47 Folgen. Bei der nun anlaufenden Serie, die Apple TV+ wöchentlich einstellt, handelt es sich aber nicht um ein „Remake“, sondern um neue, in sich geschlossene Episoden – um eine „Anthologie-Serie“. Nachfolgende Besprechung basiert auf den zwei ersten Folgen.

Die erste, 54-minütige Folge „Der Keller“ handelt von einer Zeitreise: Die Brüder Jake (Micah Stock) und Sam Taylor (Dylan O'Brien) sollen ein hundert Jahre altes Haus renovieren. Mitten in einem heftigen Sturm wird Sam im Keller von einem lauten Pfeifton heimgesucht; plötzlich findet er sich im Jahre 1919 wieder. Er lernt die junge Evelyn Porter (Victoria Pedretti) kennen, die in dem Haus mit ihrer Mutter wohnt. Bald kommen sich die beiden näher. Nicht nur aus dem Grund möchte Sam Evelyn ins 21. Jahrhundert mitnehmen. Denn die Musikleidenschaft der jungen Frau wird von der Mutter unterdrückt. Außerdem soll sie bald einen reichen Witwer heiraten, den Evelyn nicht liebt. In der zweiten, ebenfalls 54-minütigen Folge „Das Rennen“ wird das 17-jährige Leichtathletik-Nachwuchstalent Tuka (Hailey Kilgore) von einem Auto überfahren, als sie ihre beste Freundin Sterling (Emyri Crutchfield) nach einem Streit einholen möchte. Tuka wird Zeugin ihrer eigenen Beerdigung, wobei niemand sie sehen oder hören kann. Allerdings stellt Tuka bald fest, dass Sterling sie hören kann, wenn sie läuft. Soll Tuka ihrer Freundin herausfinden helfen, wer sie angefahren hat, oder lieber ihre Verbindung dazu nutzen, Sterlings Laufergebnisse zu verbessern?

Die „Normalität“ von LGBT wird betont

Sowohl Zeitreisen als auch ein Schwebezustand post mortem sind bekannte Motive im Film. Gute schauspielerische Leistungen, eine ausgewogene Dramaturgie sowie eine wirkungsvolle Ausstattung machen die mangelnde Originalität jedoch wett. In „Unglaubliche Geschichten“ werden allerdings die Bemühungen deutlich, LGBT-Themen einzuführen. Spielt dies in der zweiten Folge „Das Rennen“ eine zentrale, aber erst gegen Ende deutlich werdende Rolle, so wird es in der ersten Episode „Der Keller“ beiläufiger, aber umso wirkungsvoller eingeschleust: In einer Szene, die mit der eigentlichen Handlung gar nichts zu tun hat, trifft sich Sam mit einer jungen Frau in einer Bar. Er zeigt ihr ein Foto: „Das ist mein Bruder mit seinem Mann. Sie haben gerade eine Tochter adoptiert.“ Die Antwort der jungen Frau: „Eine schöne Familie!“ gehört zu den Kunstgriffen, welche die „Normalität“ solcher Beziehungen zu verankern suchen.

Dies steht außerdem im Einklang mit anderen Apple TV+-Serien, etwa mit der zehnteiligen Serie „Dickinson“, in der die angebliche lesbische Beziehung der Dichterin Emily Dickinson zu ihrer Schwägerin Sue breiten Raum einnimmt. Die Streaming-Plattform stellte kürzlich sogar die Dokumentarserie „Visible. LGBTQ on Television“ über den Kampf der LGTB-Community ein, um im Fernsehen positiv dargestellt zu werden. Apple TV+ hat sich die Aussage der Dokumentarserie – „Wenn die Menschen dich im Fernsehen sehen, betrachten sie dich als Teil unserer Kultur“ – offensichtlich zum allgemeinen Ziel gesetzt.

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