Film & Kino

Täter und Opfer haben lange geschwiegen

Spannend wie ein Krimi: Der Dokumentarfilm „Die Wohnung“ beleuchtet eine deutsch-jüdische Freundschaft, ist aber auch ein wichtiges Zeitdokument. Von José García
Filmszene aus dem Dokumentarfilm „Die Wohnung“
Foto: Salzgeber

Arnon Goldfingers Dokumentarfilm mit dem eher spannungslosen Titel „Die Wohnung“ birgt eine spannende, an überraschenden Wendungen reiche deutsch-jüdische Geschichte. In der Wohnung in Tel Aviv, in der sie 70 Jahre lang gelebt hatte, stirbt 98-jährig Gerda Tuchler, die Großmutter des Filmemachers. In schnell geschnittenen Bildern zeigt der Film die Räumung von Gerdas Wohnung, in deren Schränken sich aus Deutschland mitgebrachte oder verschickte Gegenstände aus mehreren Jahrzehnten häufen. So zählt Arnons Mutter Hannah Goldfinger: „84 Handtaschen, 104 Schals, 92 Paar Handschuhe.“ Obwohl der Dokumentarfilmer häufig seine Großmutter besuchte, kannte er aus ihrer deutschen Vergangenheit recht wenig. Dies teilt er mit seinen Geschwistern und den zahlreichen Cousins. In einer Sequenz befragt Arnon Goldfinger einige der zwölf Enkel und 29 Urenkel, die Gerda Tuchler hinterließ. Fazit: Nicht einmal die Stadt, aus der sie kam, kennen sie. Über die Vergangenheit wurde in der Familie nicht geredet. Dennoch lebte Gerda Tuchler in der Vergangenheit: Ihre Tel Aviver Wohnung wirkte wie ein Stück Berlin. Dass Großmutter und Enkel in unterschiedlichen Welten lebten, drückt sich in der Sprache aus: „Trotz all der Jahre in Israel beherrschte Großmutter Gerda die hebräische Sprache nicht“, so Goldfinger, „und ich, typisches Kind des Landes Israel, wollte kein Deutsch lernen. So fanden unsere Gespräche auf Englisch statt.“ Die Off-Stimme, die den Film in der Ich-Form begleitet, wird in der deutschen Synchronfassung von Schauspieler Axel Milberg gesprochen.

Nüchtern hält die Kamera fest, wie Arnon und seine Mutter Hannah Goldfinger verschiedene Unterlagen durchgehen, bis sie einen verstörenden Fund machen: Unter den Papierbergen in der Tel Aviver Wohnung befinden sich zwölf Ausgaben der Nazi-Propaganda-Zeitung „Der Angriff“ von 1935 mit der Artikelserie „Ein Nazi fährt nach Palästina“. Die mit dem Kürzel LIM gezeichneten Artikel werden mit dem Text eingeleitet: „Ein Nationalsozialist fährt nach Palästina. Mehrere Monate bereist er das Land der zionistischen Hoffnungen, besucht Siedlungen und Städte, Fabrikanlagen und Kinderhäuser, spricht mit Soldaten, Journalisten und Bauern und fragt sich stets: Welche Zukunft hat dieses Land? Welche Chance hat der Zionismus im Wilden Orient? Findet sich hier die Lösung der Judenfrage?“ Zusammen mit den vergilbten Ausgaben findet der Filmemacher sogar eine Erinnerungsmedaille mit Hakenkreuz und Davidstern. Beim Durchsehen alter Fotos stellt Goldfinger fest, dass Leopold Edler von Mildenstein (LIM) bei dieser Reise nicht nur von seiner Ehefrau, sondern auch von Gerda und Kurt Tuchler, seinen Großeltern, begleitet wurde. Der SS-Mann Mildenstein suchte in der Auswanderung die Lösung der „Judenfrage“. Der Zionist Tuchler plädierte für einen eigenen Staat in Palästina.

„Die Wohnung“ wird zu einer fesselnden Spurensuche. Der Regisseur baut eine Spannung auf, die teilweise an einen Kriminalfilm erinnert. Goldfinger macht eine Tochter des Ehepaars von Mildenstein ausfindig: Edda Milz von Mildenstein wohnt in Wuppertal, wohin der Regisseur zusammen mit seiner Mutter Hannah fährt. Bei diesen Gesprächen erfährt Arnon Goldfinger, dass beide Ehepaare den Kontakt, der nach der Emigration von Kurt und Gerda Tuchler abgerissen war, nach dem Krieg wieder aufgenommen hatten: Sie besuchten das Ehepaar von Mildenstein sogar in Deutschland, beide Ehepaare unternahmen gemeinsame Reisen. Dennoch ist das Verhältnis durch den Tod von Gerdas Mutter belastet: Susanne Lehmann, die Urgroßmutter des Filmemachers, fuhr 1937 nach Israel, kehrte aber nach Berlin zurück. Sie starb am 13.1.1942 in Riga. Ob von Mildenstein etwas dagegen hätte unternehmen können, ist eine der vielen Fragen, die „Die Wohnung“ stellt, aber nicht beantworten kann. Weitere Fragen betreffen das Verhältnis zwischen Leopold von Mildenstein und Adolf Eichmann, seinem Nachfolger im „Judenreferat der SS“. Goldfingers Film gibt einige dokumentarische Bilder aus dem Eichmann-Prozess 1961 wieder, in denen Eichmann versucht, „sich in eine Kontinuität mit von Mildenstein zu stellen, der zu Beginn des NS-Regimes für eine forcierte Auswanderung der deutschen Juden plädiert hatte und noch nicht für den Massenmord“, so Michael Wildt, Lehrstuhlinhaber Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert an der Humboldt-Universität Berlin.

Zwar handelt „Die Wohnung“ zunächst einmal von einer ungewöhnlichen deutsch-jüdischen Freundschaft. Darüber hinaus beleuchtet Goldfingers Film aber auch die Frage, warum sich erst die dritte Generation mit dieser Thematik beschäftigt. Dies bringt im Film Paula Bernstein, geb. Lehmann, eine weitere Nachfahren von Susanne Lehmann, auf den Punkt: „Die Eltern haben nichts erzählt, und wir haben nicht gefragt.“ Goldfingers Film ist ein eindringliches Zeitdokument über das Schweigen: Nach dem Krieg haben nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer geschwiegen. Sie waren unfähig, über die erlittene Verfolgung und die Ermordung ihrer Familienangehörigen zu sprechen.

„Die Wohnung“ erhielt mehrere Preise, darunter für Beste Regie auf dem Jerusalem Film Festival sowie den Bayerischen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Adolf Eichmann

Weitere Artikel

Kirche

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke äußert sich zum „Ad-limina-Besuch“ der deutschen Bischöfe, zur Gefahr eines Schismas und zum neuen kirchlichen Arbeitsrecht.
26.11.2022, 14 Uhr
Dorothea Schmidt
Der Vatikan hat die Kritik der Kardinäle Ladaria und Ouellet am Synodalen Weg veröffentlicht. Diese Transparenz schafft Orientierung, wo bisher nur ungläubiges Staunen über die Bischöfe war.
25.11.2022, 11 Uhr
Guido Horst
Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt in zwei Fällen gegen den Kölner Kardinal wegen des Verdachts der falschen eidesstattlichen Versicherung. Ökumenisches Gebet abgesagt. 
25.11.2022, 11 Uhr
Meldung
Im Wortlaut die Stellungnahme von Kardinal Marc Ouellet zum Synodalen Weg beim interdikasteriellen Treffen mit den deutschen Bischöfen.
24.11.2022, 17 Uhr
Kardinal Marc Ouellet