Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Serienrezension

"Ripley": Das Böse unter der Sonne Italiens

Steven Zaillian liefert mit der Netflix-Serie eine edel gefilmte Neuinterpretation der Romanfigur von Patricia Highsmith.
Andrew Scott verlebt als Patricia Highsmiths „Ripley“ einen mörderischen Sommer in Italien.
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Andrew Scott verlebt als Patricia Highsmiths „Ripley“ einen mörderischen Sommer in Italien.

Im New York der beginnenden 1960er-Jahre schlägt sich der junge Tom Ripley (Andrew Scott) mit kleinen Betrügereien durch. Als ihn der reiche Werftbesitzer Herbert Greenleaf (Kenneth Lonergan) bittet, nach Italien zu reisen, um seinen dort in einem fiktiven Badeort nahe Neapel als Maler dilettierenden Sohn Dickie (Johnny Flynn) davon zu überzeugen, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren und sich seinen Verpflichtungen als Firmenerbe zu stellen, sieht Tom dies als Chance, seinem alten Dasein zu entfliehen.

Vom Hochstapler zum Mörder

Mit seinem Auftrag hat Tom zwar keinen Erfolg, weil Dickie nicht daran denkt, sein leichtes Leben aufzugeben. Dennoch drängt sich Tom unaufhaltsam in Dickies Leben und dasjenige seiner Freundin Marge Sherwood (Dakota Fanning), die an einem Reisebuch arbeitet. Der junge Mann genießt das Dolce Vita, aber seine Bemühungen, Dickie und Marge für sich zu gewinnen, scheinen nicht ganz zu glücken: Obwohl Tom etwas Anziehendes und Charmantes ausstrahlt, bleibt Misstrauen unvermeidlich.

Ripley beginnt nicht nur, Dickie zu imitieren, sondern identifiziert sich immer stärker mit ihm – bis hin zum heimlichen Tragen von Dickies Kleidung und Inszenieren von Szenen aus dessen Leben. Marge wiederum hegt den Verdacht, dass Tom homosexuell sein könnte. Als ein weiterer Freund Dickies, der Lebenskünstler Freddie Miles (Eliot Sumner) plötzlich auftaucht, verliert Dickie das Interesse an Tom. Dieser muss schnell eine Entscheidung treffen, möchte er sein angenehmes Leben in Italien nicht vorzeitig beenden, zumal Mr. Greenleaf Senior Toms Bemühungen für erfolglos hält.

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Tom Ripley ist eine Erfindung der US-amerikanischen Autorin Patricia Highsmith (1921-1995), die im Jahr 1955 den Kriminalroman „Der talentierte Mr. Ripley“ („The Talented Mr. Ripley“) veröffentlichte. Darauf folgten vier weitere Romane um die Figur Tom Ripley. Der Roman wurde bereits mehrfach verfilmt, beispielsweise als „Nur die Sonne war Zeuge“ (René Clément, 1960 mit Alain Delon in der Hauptrolle) oder „Der talentierte Mr. Ripley“ (Anthony Minghella, 1999 mit Matt Damon) – und auch der dritte Roman, „Ripley? Game“, wurde unter demselben Namen (Liliana Cavani, 2002 mit John Malkovich) sowie von Wim Wenders als „Der amerikanische Freund“ (1977) bereits auf Zelluloid gebannt.

Erlesene Bilder, grandioser Hauptdarsteller

Steven Zaillian, der als Regisseur insbesondere für „Das Königsspiel“ (1993) und „Zivilprozess“ (1998) sowie als oscarprämierter Drehbuchautor vor allem für Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993), aber auch für Martin Scorseses „Gangs of New York“ (2002) und „The Irishman“ (2019) bekannt ist, hat Patricia Highsmiths Roman erstmals in eine achtteilige Serie umgesetzt. Dies erlaubt eine langsame Annäherung an eine Figur, die gleichzeitig anziehend und abstoßend wirkt – was größtenteils auch der beeindruckenden Schauspielkunst von Andrew Scott („Sherlock“, „Fleabag“, „James Bond 007: Spectre“) zu verdanken ist.

Die Entscheidung von Zaillian, die Serie in Schwarz-Weiß zu drehen, verleiht den Bildern eine besondere Schärfe. Kameramann Robert Elswit erschafft regelrechte Gemälde, insbesondere der italienischen Dörfer und der Städte Rom und Venedig, und betont damit den zweideutigen Charakter des Protagonisten. Auch die Kunst spielt in dieser düsteren Geschichte eine besondere Rolle – und obwohl einige künstlerische Analogien erzwungen wirken mögen, ist die Darstellung des Lichts als Brücke zwischen Kino und Malerei ein gelungener Beitrag von Zaillian zu dieser bekannten Geschichte.

Als Patricia Highsmiths Roman erschien, bezeichnete der „New Yorker“ Tom Ripley als einen der „abstoßendsten und faszinierendsten Charaktere seit langem“ und die Geschichte als „bemerkenswert unmoralisch“. Drehbuchautor und Regisseur Steven Zaillian liefert eine Erklärung, warum eine solch zwielichtige Figur für den Zuschauer anziehend wirken kann: „Die Betrüger und Narzissten sind nirgendwo mehr zu finden. Sie sind jetzt unter uns und waren es schon immer. Warum faszinieren sie uns? Vielleicht, weil wir das Gefühl der Erleichterung genießen, wenn wir ihnen nicht zum Opfer fallen. Vielleicht, weil ein Teil von ihnen in uns steckt, so dass wir uns mit ihnen identifizieren. Zumindest sind wir von ihrem Scharfsinn fasziniert.“

Darf man Tom Ripley faszinierend finden?

Eine solche Frage stellt sich insbesondere auch für Christen, die sehr wohl wissen, dass es sich bei den dargestellten Betrügereien um Unmoralisches handelt. Ein Charakter wie Tom Ripley verkörpert jedoch so allzumenschliche Grundzüge, dass sich der Zuschauer trotzdem gerne auf ihre Seite ziehen lässt. Zu diesem scheinbaren Widerspruch der positiv besetzten Darstellung des Unmoralischen schrieb Nikolaus Lobkowicz: „Es entbehrt ja nicht einer paradoxen Komik, wie ,unmoralisch‘ ein großer Teil der literarischen, aber auch der darstellenden Kunst ist, die wir auch als Christen lieben. Wir schätzen sie, weil sie paradigmatisch Dimensionen des ,Menschlichen‘ aufweisen und so daran erinnern, wie wir Menschen sind beziehungsweise sein könnten.“


„Ripley“, Serienschöpfer: Steven Zaillian Regie: Steven Zaillian, USA 2024, 8 Folgen von je 44 bis 76 Minuten. Auf Netflix.

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