Jodie Foster ist inzwischen so selten im Kino zu sehen, dass sich ihretwegen schon der Gang ins Kino lohnt. Sie trägt „Paris Murder Mystery“ fast im Alleingang. Der Film der französischen Regisseurin Rebecca Zlotowski ist dabei bewusst verschroben: weniger Krimi als ein elegantes Vexierspiel aus Psychoanalyse, Beziehungsgeschichte und leiser Komik.
Foster spielt Lilian Steiner, eine US-amerikanische Psychiaterin, die seit Jahren in Paris lebt. Sie zeichnet ihre Sitzungen obsessiv auf Minidiscs auf und hat ihr Leben mit jener Disziplin eingerichtet, die nur scheinbar Souveränität bedeutet. Als eine Patientin, Paula (Virginie Efira), unter rätselhaften Umständen stirbt, gerät diese Ordnung ins Wanken: War es Selbstmord? Mord? Und vor allem: Was hat Paulas Tod mit Lilian zu tun?
Zlotowski interessiert sich dabei kaum für klassische Aufklärung. Das Drehbuch von Zlotowski und ihren Mitautorinnen Anne Berest und Gaëlle Macé entfaltet ein Figurenensemble, das weniger Spuren legt als Beziehungen freilegt: Paulas Witwer Simon (Mathieu Amalric) und Tochter Valérie (Luàna Bajrami), Lilians Sohn Julien (Vincent Lacoste) und vor allem ihr Ex-Mann Gabriel (Daniel Auteuil), Augenarzt, Charmeur und Realitätstest zugleich. Später taucht sogar eine Hypnosetherapeutin (Sophie Guillemin) auf – der Film macht einen kurzen Ausflug ins Übersinnliche, ohne sich ganz darauf einzulassen. Dass hier nicht die Aufklärung eines Falls, sondern das Beziehungsgeflecht im Zentrum steht, erinnert an Woody Allens „Manhattan Murder Mystery“.
Zwischen Melancholie und Ironie
Der deutsche Verleihtitel, der mit dem Original („Vie privée“) wenig zu tun hat, wirkt entsprechend augenzwinkernd. Doch Zlotowski bleibt eigen im Ton: eher romanhaft als realistisch, weniger an Logik als an innerer Bewegung interessiert, weniger an Lösung als an Erschütterung. Das hat seinen Preis. Der Film schwankt bisweilen im Ton zwischen Melancholie und Ironie, nicht jede Szene trägt die Bedeutung, die ihr zugedacht ist. Manche Dialoge wirken zu schwer aufgeladen, manche Enthüllung verpufft. Das kriminalistische Gerüst bleibt, bei aller spielerischen Attraktivität, letztlich Vorwand. Das Rätsel um Paula ist weniger Ziel als Anlass. Der eigentliche Fall, der hier gelöst werden soll, heißt Lilian Steiner.
Dass dieser Fall fesselt, liegt fast vollständig an Jodie Foster. Sie erscheint als Frau von großer Intelligenz und vollkommener Selbstkontrolle, unter deren Oberfläche Müdigkeit, Stolz, Einsamkeit und eine unbewältigte Sehnsucht arbeiten. Foster spielt Lilian weder als exzentrische Intellektuelle noch als gebrochene Heldin, sondern als jemanden, der Distanz mit Wahrheit verwechselt hat. Wenn diese Distanz bricht, geschieht das nicht in melodramatischen Ausbrüchen, sondern in feinen Verschiebungen: ein Zögern, ein Blick, ein Satz, der nicht mehr stimmt. Daniel Auteuil bringt Wärme, Ironie und eine lässige Menschlichkeit ein, die den Film immer dann erdet, wenn er sich in seinen Spiegelkabinetten zu verlieren droht. Zwischen Foster und Auteuil entsteht jene seltene Chemie zweier reifer Schauspieler, die nichts beweisen müssen. Ihre gemeinsamen Szenen sind die stillen Höhepunkte des Films.
Visuell bleibt Zlotowski nüchtern, fast trocken: Innenräume, Treppenhäuser, Wohnungen, Sprechzimmer, wenig Musik, viel Luft zwischen den Figuren. Paris erscheint hier nicht als romantische Kulisse, sondern als Stadt geschlossener Räume, alten Bürgertums und stiller Neurosen. Gerade diese kontrollierte Klaustrophobie verleiht dem Film seinen eigentümlichen Zauber. „Paris Murder Mystery“ ist ein anregender, eigenwilliger, oft sehr kluger Film über Kontrolle, Schuld, Selbsttäuschung und die Unmöglichkeit, das eigene Leben so souverän zu deuten wie das anderer. Vor allem aber ist er ein Film, der Jodie Foster zuhört – und damit genau das tut, was seine Heldin vielleicht zu lange verlernt hat.
„Paris Murder Mystery“. Frankreich 2025, 105 Min. Regie: Rebecca Zlotowski, im Kino ab dem 16. April.
Der Autor ist Historiker und schreibt aus Berlin zu Film und Kunst.
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