Pingpong als Kassenknüller? Aber ja! Die Erfolgssignale aus Amerika sind vielversprechend – so wie damals, als Michael J. Fox als Marty McFly mit „Zurück in die Zukunft“ Kinogeschichte schrieb. Superstar Timothée Chalamet („Dune 1–3“, „Like a Complete Unknown“) könnte mit seiner Rolle des Marty Mauser im Filmdrama „Marty Supreme“ Ähnliches gelingen. Gerade gewann er für seine darstellerische Leistung einen Golden Globe und nimmt Kurs auf seinen ersten Oscar. Die Vorschusslorbeeren für „Marty Supreme“ sind erstaunlich, denn hier handelt es sich um den ersten Solo-Film des 41-jährigen Regisseurs Josh Safdie nach dem Ende der kreativen Zusammenarbeit mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Benny Safdie. Beide erlangten zuvor große Bekanntheit durch ihre gemeinsamen Filme „Good Time“ (2017) und „Der schwarze Diamant“ (2019).
Fiktiv, aber biografisch inspiriert
„Marty Supreme“ erzählt eine fiktive Geschichte, die nur lose von der Biografie des US-amerikanischen Tischtennisspielers und Lebemanns Marty Reisman inspiriert ist. Der Film nimmt es mit der Wahrheit ähnlich ungenau wie sein Protagonist: Der New Yorker Marty Mauser arbeitet 1952 im kleinen Schuhgeschäft seines Onkels Murray (Larry Sloman) als Verkäufer. Da der Junge ein natürliches Verkaufstalent besitzt, will Murray seinen Neffen zum Filialleiter machen – doch Marty hat andere Pläne. Er sehnt sich nach Ruhm und Anerkennung und träumt davon, Weltmeister im Tischtennis zu werden. Dabei hat der exzentrische Außenseiter eine heimliche Affäre mit seiner Jugendliebe Rachel Mizler (Odessa A’zion), die verheiratet ist und ein Kind von ihm erwartet. Gemeinsam mit seinem besten Freund Wally (Tyler Okonma) zieht es Marty nachts in die dunklen Spielhallen der Stadt, wo er bei Tischtennis-Wettkämpfen hohe Geldsummen gewinnt. Um an einem renommierten internationalen Turnier in London teilnehmen zu können, bringt er seinen Kollegen Lloyd (Ralph Colucci) dazu, Geld aus dem Tresor seines Onkels zu entwenden.
Als Mitglied des US-amerikanischen Teams reist er schließlich nach London und erreicht tatsächlich das Finale, muss sich dort jedoch dem Japaner Endo (gespielt vom Tischtennischampion Koto Kawaguchi) geschlagen geben. Trotz der Niederlage strotzt Marty vor grenzenlosem Selbstvertrauen und sucht bereits nach der nächsten Chance auf erneuten Erfolg. In einem Luxushotel trifft er währenddessen auf die einst gefeierte Filmdiva Kay Stone (Gwyneth Paltrow), die für ihren Ehemann, den schwerreichen Unternehmer Milton Rockwell (Kevin O’Leary), ihre Karriere geopfert hat. Die alternde Schauspielerin erliegt Martys Charme und lässt sich auf eine Affäre mit ihm ein, während er sich seinerseits finanzielle Vorteile davon erhofft.
Eines Tages tritt Milton Rockwell, der beim Turnier von Martys Showtalent beeindruckt war, mit einem fragwürdigen Angebot an ihn heran: Marty soll in einer Reihe weiterer Spiele gegen Endo antreten – und dabei jedes Mal verlieren. Doch Verlieren gehört nicht gerade zu Martys Stärken. Gleichzeitig sind ihm auch die Polizei und der Mafia-Boss Ezra Mishkin (Regie-Altmeister Abel Ferrara) auf den Fersen. Wo Ärger lauert, ist Marty nicht weit. Er zieht Probleme und Skandale magisch an. Dennoch lässt er sich von dem Chaos um ihn herum nicht davon abhalten, Weltmeister werden zu wollen – ganz gleich, wen er dabei mit charmanter Großspurigkeit übers Ohr hauen muss.
Großer Held und große Tragik
Das Wort „Geht nicht!“ gibt es für Marty nicht. Seine Ambitionen sind so groß wie sein Ego. Er ist ein Antiheld: getrieben, ständig unter Strom, egozentrisch, narzisstisch – zugleich aber charmant, liebenswert und zutiefst selbstzerstörerisch. So enervierend wie Martys Charakter ist mitunter auch der gesamte, schwindelerregende Film, der ihn in einprägsamen Bildern durch die Nachkriegszeit und die harten Mühlen des American Dream jagt und eine überbordende Antihelden-Odyssee präsentiert, die in Sachen Chaos ihresgleichen sucht. Martys Weg entwickelt ein Tempo, das dem der geschmetterten Tischtennisbälle gleicht und für permanente Atemlosigkeit sorgt. Doch nicht nur die nervöse Energie – meisterlich eingefangen vom Oscar-nominierten Kameramann Darius Khondji, rasant geschnitten vom ebenfalls Oscar-nominierten Cutter und Co-Autor Ronald Bronstein sowie unterlegt mit treibender Synthesizer-Musik von Komponist Daniel Lopatin – macht den Film zu einem körperlichen Erlebnis und zu einem Feuerwerk kreativer Ideen. Auch die bis in die Nebenrollen hinein grandios besetzte, spielfreudige Darstellerriege trägt entscheidend dazu bei.
Über allem steht jedoch Megastar Timothée Chalamet. Er verkörpert den ambitionierten Pingpong-Spieler, Gauner, Romantiker und von Geldnöten gehetzten Großmaul-Überlebenskünstler Marty Mauser mit so viel Hingabe und Charisma, dass dieser trotz aller Hybris beinahe sympathisch wirkt. Damit fügt Chalamet seiner ohnehin an starken Leistungen reichen Filmkarriere einen gänzlich anderen – und wohl bislang stärksten – Auftritt hinzu. And the Oscar goes to…!
Der Autor ist Priester im Erzbistum Köln und schreibt zu Film und Kunst.
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