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Pablo Berger: „Wir stecken zurzeit inmitten einer Epidemie der Einsamkeit“

Interview mit dem spanischen Regisseur zu seinem preisgekrönten Animationsfilm „Robot Dreams“ - ein Film ohne Dialoge und viel Emotionen und Musik.
Animationsfilm "Robot-Dreams"
Foto: Plaion Pictures | Klug, berührend und ohne Worte auskommend: Pablo Bergers Animationsfilm „Robot Dreams“. Foto: Plaion Pictures

Mit seinem zweiten, als Stummfilm inszenieren Spielfilm „Blancanieves – ein Märchen von Schwarz und Weiß“ gewann der 1963 im spanischen Bilbao geborene Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Pablo Berger zahlreiche Preise – darunter zehn „Goyas“, den spanischen Filmpreis. In seinem Animationsfilm „Robot Dreams“ verzichtet er zwar nicht auf Farbe, wohl aber erneut auf Dialoge. Dabei verwendet er die klassische Zeichnung in 2D als erzählerische Technik. Das Drehbuch basiert auf der Graphic Novel von Sara Varon, einer renommierten amerikanischen Illustratorin, deren Werke eine Welt anthropomorpher Tiere mit menschlichen Eigenschaften in New York bevölkern. „Robot Dreams“ erzählt die Geschichte vom einsamen Hund „Hund“, der in den 1980er-Jahren in Manhattan lebt.

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Auf der Suche nach Freundschaft kauft er einen Roboter, „Robo“. Sie werden zwar unzertrennlich, aber in einer Sommernacht muss Hund Robo ohne Batterie am Strand von Coney Island zurücklassen. Unterstützt durch den subtilen und vielfältigen Soundtrack von Alfonso de Vilallonga bietet der Film eine gefühlvolle und tragikomische Freundschaftsgeschichte. „Robot Dreams“ erhielt den Europäischen Filmpreis als Bester Animationsfilm sowie zwei Goyas in den Kategorien Bester Animationsfilm und Bestes adaptiertes Drehbuch. Darüber hinaus gewann er den Publikumspreis beim Sitges Filmfestival und wurde bei der diesjährigen Oscar-Verleihung für den besten Animationsfilm nominiert.

Herr Berger, was war im Fall von „Robot Dreams“ zuerst da: Der Wunsch, einen Animationsfilm zu machen, oder die Entdeckung des Buches von Sara Varon?

Die Entdeckung des Buches von Sara Varon. Ich hatte nie gedacht, einen Animationsfilm zu machen, obwohl ich Animationen als Zuschauer sehr mag. Dennoch war die Entscheidung, die Graphic Novel zu verfilmen, nicht unmittelbar: Ich hatte sie zuerst 2010 gelesen, aber erst als ich sie 2018 wieder las, rührte sie mich zu Tränen. In der Zwischenzeit hatte ich Verluste erlitten: Mein bester Freund war nicht mehr mein bester Freund, und ich hatte meine Mutter verloren. Mir wurde bewusst, wie zerbrechlich menschliche Beziehungen sind, und dass dies ein sehr universelles Thema ist, das viele Menschen berühren kann.

Die Graphic Novel von Sara Varon enthält eine Besonderheit – nämlich keinen einzigen Dialog. War das der Hauptgrund, Ihren Film ebenfalls ohne Dialoge auskommen zu lassen oder hatten Sie noch weitere Gründe?

Meine Erfahrung mit „Blancanieves – ein Märchen von Schwarz und Weiß“ war wunderbar. Im Gegensatz zu „Blancanieves“, der eine Hommage an den Stummfilm ist, ist „Robot Dreams“ kein Stummfilm im eigentlichen Sinne: Es gibt keinen Dialog, aber ein sehr komplexes Sounddesign mit Lachen, Schreien und dem Lärm von New York.

Wie genau lief die Umsetzung dieser Vorlage als Film vonstatten? Welche Gedanken machten Sie sich bei der Umsetzung?

Das Buch ist einfacher als der Film. Es diente als Grundlage, ließ mir jedoch viel Spielraum, um meine eigene Geschichte zu entwickeln. Das Buch beginnt mit der Ankunft der Kiste mit „Robo“. Im Film musste ich zunächst Hund und seine Einsamkeit vorstellen. Der Film unterscheidet sich vom Buch, aber das Thema ist dasselbe. Der Zuschauer soll das gleiche Gefühl haben, wie jemand, der das Buch zum ersten Mal liest.

Welche Themen spricht Ihre „Robot Dreams“-Verfilmung allesamt an?

Die beiden Hauptthemen sind Einsamkeit– wir erleben heute eine Epidemie der Einsamkeit, nicht nur in Großstädten wie Berlin oder New York, sondern auch in Kleinstädten und Dörfern, weil die Technologie, die sozialen Netzwerke, die Plattformen, die Videokonferenzen und vieles Andere uns isolieren. „Robot Dreams“ erzählt davon, wie schön es ist, sein Leben mit jemandem zu teilen. Aber er spricht auch über Freundschaft und Beziehungen – und ihre Zerbrechlichkeit. Wir alle wissen, dass wir uns um sie kümmern müssen, aber wenn sie zerbrechen oder man einen geliebten Menschen verliert, hilft einem die Erinnerung, häufig eine selektive Erinnerung, darüber hinweg.

Sie haben zehn Jahre in New York gelebt. Inwieweit spielt die Stadt eine Rolle in Ihrem Film?

Die Graphic Novel spielt in einer fiktiven amerikanischen Stadt. In meiner Adaption war es mir sehr wichtig, dass auch die Stadt New York neben Hund und Robo eine Protagonistenrolle einnimmt – und die New Yorker, denn ohne die New Yorker kann man New York nicht verstehen. Der Film ist mein Liebesbrief an die Stadt, in der ich zehn Jahre lang gelebt habe. „Robot Dreams“ zeigt eine gewisse Nostalgie für ein New York, das es nicht mehr gibt, das ich kannte: ein New York vor der Globalisierung, vor dem Internet, als es das Zentrum der Welt war, die kulturelle und wirtschaftliche Hauptstadt der Welt. Hund wohnt in genau der letzten Wohnung, in der ich in New York City gelebt habe.

Wie haben Sie die Musik für „Robot Dreams“ ausgewählt? Ihr Film verfügt über einen äußerst stimmungsvollen Soundtrack: Von Vivaldi über ein jazzangehauchtes Filmscore bis hin zu ausgewählten 70er- und 80er-Jahre-Popmusikstücken herrscht große Abwechslung.

„Robot Dreams“ kann als Musical betrachtet werden. Die Musik ist allgegenwärtig. Es gibt Songs, insbesondere „September“ von Earth, Wind & Fire. Außerdem gibt es verschiedene Musikrichtungen bis zum 80er-Jahre-Hit „Let's Go“ von The Feelie. Der Soundtrack kombiniert diese Musikhits mit der Originalmusik von Alfonso de Vilallonga. Er hat Jazzmusik mit Klavier und schönen Melodien komponiert.

„Robot Dreams“ ist zudem klassisch gezeichnet und nicht als Computeranimation entstanden …

Der Art-Direktor José Luis Ágreda ist ein sehr wichtiger Illustrator, der ein ganzes Team von Künstlern zur Verfügung hatte, um die Welt der Figuren und Hintergründe zu erschaffen; es ist auch wichtig, über Benoit Féroumont, den Animationsdirektor, zu sprechen. Der Film wurde traditionell von Hand gezeichnet, in 2D; natürlich erfolgte es heutzutage nicht mehr auf Papier, sondern auf digitalen Bildschirmen. Dennoch müssen Illustratoren wissen, wie man zeichnet, es ist nicht wie Animation.

Ist „Robot Dreams“ ein Film für Kinder oder für Erwachsene?

Ich denke, es ist ein Film für alle: für Cineasten, für Menschen, die sich unterhalten lassen wollen, und für Kinder; er will ein sehr breites Publikum ansprechen.

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Foto: IMAGO/Nacho Lopez / SOPA Images (www.imago-images.de) | Erhielt für „Robot Dreams“ zahlreiche Preise und eine Oscarnominierung: Der spanische Regisseur Pablo Berger. Foto:IMAGO/SOPA Images

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José García

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