Isabelle Huppert als „Die reichste Frau der Welt“: in dem gleichnamigen Film von Thierry Klifa ist sie die Industriekapitänin Marianne Farrère, Erbin eines Kosmetikimperiums. Allein durch ihre bloße Erscheinung strahlt diese Frau Luxus aus. Der Regisseur betont, dass sie im zweistündigen Film siebzig verschiedene, kostbare Outfits trägt – „nie zweimal den gleichen Look“.
Im Geschäftsleben zeigt sich Marianne von fast ungerührter Härte, was Klifa gleich zu Beginn in einer Verwaltungsratssitzung markiert. Die Kehrseite dieser Souveränität ist Isolation: nicht nur Distanz zu Tochter Frédérique (Marina Foïs) und Ehemann Guy (André Marcon), sondern eine fast gespenstische Einsamkeit. Freunde scheint diese Frau nicht zu haben.
Isabelle Huppert ist die Idealbesetzung für diese Rolle. Ihre zeitlose Erscheinung macht die Zeitspanne – von den späten 1980er Jahren bis ins 21. Jahrhundert – glaubhaft, ebenso wie die Tatsache, dass Enkel Charles (Paul Beaurepaire) im letzten Drittel bereits ein junger Erwachsener ist. Vor allem aber prädestiniert sie jene Mischung aus Kälte, Selbstbeherrschung und Verletzlichkeit, die Huppert in den moralisch fragwürdigen Haneke-Filmen „Die Klavierspielerin“ (2001) und „Happy End“ (2017) bereits verkörperte.
Schwul und verliebt
Marianne ist hochintelligent, diszipliniert und scheinbar unnahbar. Die Kehrseite ist aber eine Langeweile, die sie verwundbar macht. Dies nutzt Pierre-Alain Fantin aus, ein Hochstapler alter Schule. Der Fotograf fasziniert sie mit Unverschämtheit, hinter der sie Talent, vielleicht Genie wähnt. Es ist eine Art Liebe auf den ersten Blick. Damit kein romantisches Missverständnis entsteht, zeigen die Autoren Pierre-Alain als Homosexuellen mit jüngerem Liebhaber – ein wiederkehrendes Motiv aktuellen Kinos.
Laurent Lafitte spielt den talentierten Eindringling zwar mit Überheblichkeit, aber mit einer gewissen Kontrolle, die eine Karikatur verhindert. Wie ein moderner Mr. Ripley nistet er sich im Leben der „reichsten Frau der Welt“ ein. Er eröffnet Marianne eine fremde Welt und hält ihr ein versäumtes Leben vor Augen.
Der Film lehnt sich an die Bettencourt-Affäre an, jenen Skandal um die L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt mit familiären Konflikten, Ausnutzung, Steuerhinterziehung und illegalen Spenden. Politisches interessiert Klifa, Anger und Fieschi jedoch nur am Rand; ihr Fokus gilt dem Persönlichen – auch wenn der Zweite-Weltkrieg-Vergangenheit von Mariannes Ehemann dramaturgisch Bedeutung hat.
Luxus pur und die große Leere
Die Filmemacher wählen einen komödiantischen Ton, um dieses „zutiefst menschliche Drama“ distanziert zu betrachten. Thierry Klifa sagt: „Wir wollten kein Mitleid für die emotionalen Konflikte der Superreichen wecken, sondern zeigen, wie Geld die Spannungen in menschlichen Beziehungen verstärken kann. Für mich ist dies keine Geschichte, über die man urteilen sollte, sondern eine, deren Entwicklung man beobachtet. Sie wirft Fragen auf, kann manchmal beunruhigend sein – und genau das macht sie so spannend.“
Besonders Frédérique, Mariannes Tochter, gewinnt Bedeutung. Marina Foïs spielt sie als stille, in sich gekehrte Frau, die hilflos den Einfluss des Hochstaplers mitansehen muss. Interessant ist auch Butler Jérôme (Raphaël Personnaz), zunächst Nebenfigur, deren Gewicht stetig zunimmt.
„Die reichste Frau der Welt“ sieht dank der luxuriösen Drehorte besonders gut aus; auch Kameraführung und Besetzung überzeugen. Allerdings machen Ironie und Eleganz genauso wie eine distanzierte Beobachtung der Figuren die Handlung seichter, als es der Filmstoff verdient hätte.
„Die reichste Frau der Welt“, Frankreich 2025. Regie: Thierry Klifa, 122 Minuten. Im Kino ab dem 23. April.
Der Autor schreibt als Historiker aus Berlin zu Kunst und Kultur
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