Expansion der Streamingdienste

Netflix und Sky stärken den Serienstandort Deutschland

Mehr als 500 Millionen Euro will Netflix für deutsche Produktionen ausgeben. Derweil verlängert Sky Welterfolge made in Germany wie „Babylon Berlin“ und „Das Boot“.
Foto: Rasmus Voss/NETFLIX | Die neue deutsche Netflix-Serie „1899“ soll 2022 den großen internationalen Erfolg von „Dark“ wiederholen.

Egal ob „Dark“ und „How To Sell Drugs Online (Fast)“ auf Netflix oder „Babylon Berlin“ und „Das Boot“ bei Sky: Deutsche Serien sind mittlerweile auch im Ausland sehr gefragt. Das wissen die großen Streamingdienste – und investieren deswegen massiv in deutschsprachige Serieninhalte.

Zum Beispiel Netflix: Genau wie zuvor bereits Konkurrent Amazon Prime mit seinem „Writers Room“ hat der Streaming-Anbieter vor kurzem in Berlin sein erstes Deutschland-Büro eröffnet – und das nicht ohne Grund. Denn Netflix-Gründer Reed Hastings will sichtbar Präsenz auf dem deutschen Medienmarkt zeigen sowie gleichzeitig die Investitionen im deutschsprachigen Markt verdoppeln. „Deutschsprachige Inhalte werden auf der ganzen Welt gesehen, weshalb Deutschland, Österreich und die Schweiz für uns eine der wichtigsten Regionen weltweit ist“, so Hastings, der bei der Büroeröffnung in Berlin persönlich anwesend war. Seine Pläne: „Zwischen 2018 und 2020 haben wir über 40 Eigenproduktionen aus der DACH-Region (Deutschland, Österreich und die Schweiz, Anmerkung der Redaktion) veröffentlicht, und wir werden unser Investment in deutschsprachige Inhalte in den nächsten drei Jahren verdoppeln.“ Das bedeutet eine kräftige Investition: Bis 2023 sollen mehr als 500 Millionen Euro in die Produktion von 80 lokalen Serien, Filmen und Shows fließen.

Die teuerste deutsche Serie läuft 2022 bei Netflix

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Alleine 48 Millionen Euro investiert Netflix in die erste Staffel der allerneuesten Serie der beiden „Dark“-Macher Jantje Friese und Baran bo Odar: Die Mystery-Serie „1899“, die gegenwärtig im Filmstudio Babelsberg in Potsdam mit Hilfe der neu entwickelten digitalen „Volume“-Technologie entsteht, soll 2022 weltweit beim Streamingdienst starten und gilt aufgrund ihres Budgets als bisher teuerste deutsche Serie überhaupt . „1899“ handelt von einer Gruppe europäischer Auswanderer, die im Jahr 1899 mit dem Schiff Kerberos von London nach New York aufbrechen, um in den USA ein besseres Leben zu finden. Auf dieser Reise stoßen sie auf ein weiteres, seit Monaten vermisstes und manövrierunfähiges Schiff, das laut Netflix „ihre Reise in einen Albtraum verwandeln wird“. Der US-Streamingdienst hat großes Vertrauen in die Nachfolgeserie zu „Dark“ – insofern spielt gerade bei „1899“ aus Sicht von Netflix Geld keine Rolle.

Der Serienoffensive von Netflix möchte der in Unterföhring bei München sitzende Streamingdienst Sky in nichts nachstehen: Während einer virtuellen Pressekonferenz Mitte September verkündete der Bezahlsender zahlreiche neue deutsche eigenproduzierte Serien und führt damit die mit dem vor kurzem erfolgten Start der neuen Sender Sky Crime, Sky Comedy, Sky Nature und Sky Documentaries eingeleitete Entertainment-Offensive konsequent weiter. Neben den Serien „Die Ibiza Affäre“, die den Politskandal, der 2019 zur Auflösung der Koalition aus ÖVP und FPÖ in Österreich führte, thematisieren soll und „Die Wespe“, die beide noch in diesem Jahr starten, gab Sky für 2022 die Ausstrahlung der zweiten Staffel der Serie „Der Pass“, die Dreiecksgeschichte „Paradiso“, die dritte Staffel von „Das Boot“, die neue Mystery-Serie „Souls“ und die vierte Staffel des Welterfolgs „Babylon Berlin“ bekannt. Insgesamt ist die Ausstrahlung von 60 eigenproduzierten Serien aus Deutschland, Großbritannien und Italien geplant. Darüber hinaus haben die Dreharbeiten der Serie „Munich Match“ vor Kurzem begonnen.

„Manche Fans machen sich sogar auf den Weg nach Deutschland,
um die Drehorte in Berlin und Brandenburg aufzusuchen“

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Elke Walthelm, Programmchefin bei Sky Deutschland, gab zudem bekannt, dass noch weitere deutschsprachige Serien geplant seien: „Hochkarätige Eigenproduktionen in einer attraktiven Mischung aus den unterschiedlichsten Genres für eine breitere Zielgruppe anzubieten, das ist unser Anspruch. Deshalb erhöhen wir massiv unser Investment in eigenproduzierte Serien. Wir wollen unseren Zuschauern das beste, spannendste Programm bieten.“ Insgesamt verdoppelt Sky laut Walthelm sein gruppenweites Investment in sogenannten Original Content bis 2024. Jane Millichip, Chief Content Officer Sky Studios, fügt hinzu: „Unsere Produktions- und Entwicklungspipeline in Deutschland ist besonders aufregend, denn wir haben heute noch mehr neue Shows angekündigt, darunter rasante Serien wie 'Autobahn' bis hin zu warmherzigen und zukunftsorientierten Komödien wie 'Tender Hearts'. Der deutschen Kreativität und Produktion geht es blendend, und wir freuen uns, dass wir unsere Investitionen erhöhen können, um der Welt deutsche Geschichtenerzähler zu präsentieren.“

Streaming ermöglicht gerade den deutschen Produktionsfirmen neue kreative Möglichkeiten. Neben der Berliner Firma Dark Ways, die „1899“ für Netflix produziert, ist es vor allem die Bavaria Fiction GmbH, die vom Geschäft mit den Streamingdiensten profitiert. Die Firma, die ansonsten für ARD und ZDF Seriendauerbrenner wie „Tatort“, die „Rosenheim Cops“ oder „Rosamunde Pilcher“ produziert, hat Erfolge wie die in über 100 Länder beziehungsweise Territorien verkaufte und hierzulande bei Sky laufende Serienfortsetzung von „Das Boot“ oder die für Netflix und ORF erstellte Mysteryserie „Freud“ vorzuweisen.

„Dark“ gilt als beste Netflix-Serie aller Zeiten

 

Der vermutlich größte internationale Erfolg einer deutschsprachigen Serie ist jedoch die Netflix-Serie „Dark“: Die Science-Fiction-Serie wurde für den US-Streaminggiganten von der von Quirin Berg und Max Wiedemann geführten Produktionsfirma Wiedemann & Berg mit Sitz in München erstellt. Für die Firma, die immerhin Erfolge wie den oscarprämierten Spielfilm „Das Leben der Anderen“ oder die von der Kritik hochgelobten Sky-Serien „Der Pass“ und „4 Blocks“ vorzuweisen hat, ist gerade dieser Serienerfolg etwas ganz Besonderes: Denn laut Netflix-Angaben kamen 93 Prozent der Zuschauer aus anderen Ländern als aus Deutschland. Vor allem in Lateinamerika genießt die Serie mittlerweile Kultstatus und manche Fans machen sich sogar auf den Weg nach Deutschland, um die Drehorte in Berlin und Brandenburg aufzusuchen.

Zudem wählten die User des US-Filmkritik-Portals „Rotten Tomatoes“ im Mai 2020 die deutsche Serie sogar zur besten Netflix-Serie aller Zeiten – und verwiesen damit Netflix-Hits wie „House of Cards“, „Orange is the new Black“ oder „Black Mirror“ weit hinter sich. In der „Internet Movie Database“ rangiert die Serie auf Platz 68 der besten 250 Serien aller Zeiten und lässt damit sogar Serien wie „Downton Abbey“, „Mad Men“ oder „Star Trek - The Next Generation“ weit hinter sich.

Das Geld sprudelt

Sicherlich: Ein Serienvolltreffer wie „Dark“, der sowohl national als auch international einschlägt, kann nicht jedes Jahr aufs Neue am Reißbrett entworfen werden. Denn die eine große Serienerfolgsformel gibt es schlicht und ergreifend nicht. An mangelndem Geld, das die großen Streamingdienste den einheimischen Produktionsfirmen zur Verfügung stellen, um hochwertige Serieninhalte erstellen zu können, die auch internationalen Sehgewohnheiten standhalten können, dürfte es jedoch nicht scheitern.

Mit Blick auf die kommenden Jahre muss gesagt werden: Finanziell geht der Medienstandort Deutschland dank der Finanzspritze von Netflix und Sky rosigen Zeiten entgegen. Jetzt jedoch müssen Produzenten und Kreative ihren Geldgebern beweisen, dass all das Geld, das in ihre Inhalte investiert worden ist, gut angelegt ist.

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